Plattenzeit #63: Ulver – Eine Höranleitung

3 Minuten Lesedauer

Kultur und Genre


Wenn die Rede auf die norwegische Band Ulver kommt, dann ist meist auch von Brüchen die Rede. Manchmal werden ihnen diese Brüche zum Vorwurf gemacht. Anzunehmen, dass eine ehemalige Black-Metal-Band Jahrzehnte nach ihrem Debüt nicht eine „Pop-Platte“ herausbringen kann fußt auf problematischen Grundannahmen die Ästhetik der Band betreffend.
Mit dem Begriff Kultur lässt sich nahezu das gesamte Schaffen von Ulver beleuchten. Kultur ist Ordnung. Kultur ordnet das Ungeordnete. Kultur hat eine enge Verbindung zum Werk. Das Werk ist eine temporäre Manifestation dessen, was für eine Band derzeit möglich ist.
Viele Musiker arbeiten sich an der einen Form ab, an der einen Ordnung. Ulver finden stets neue Ordnungen und wissen, dass es unterhalb des temporären Werkes wimmelt und noch zahlreiche Möglichkeiten mehr lauern. Ulver sind kulturbesessen und interessieren sich für die verschiedensten Ausdrucksmöglichkeiten der Kultur.
Über die Zeit ist die Genre-Beschränkung gerissen. Das Genre kann auch als ein ganz bestimmter Blick auf die Welt der Kultur und deren Möglichkeiten beschrieben werden. Das Genre ist eine ganz konkrete Brille, die ganz bestimmte Aspekte in den Fokus nimmt. Ulver haben diese Brille abgenommen und Blicken auf die Kultur-Welt unbefangen, ohne Beschränkungen.
Den roten Faden finden sie anderswo. Er findet sich bei Ihnen nicht in einer bestimmten Spiel-Strategie, in einem bestimmten Klang der Gitarre. Über die Jahre haben Ulver Folk-Platten aufgenommen, neo-klassische Werke komponiert, krautrockige Live-Session in Albumform veröffentlicht oder sich ganz nah an eingängige Musik und deren Mechanismen angenähert. Dennoch erkennt man die Band über die Jahre wieder. Atmosphäre hält alles zusammen und macht es wieder erkennbar. Der Blick von Ulver auf die Welt ist zwar schrankenlos und genrelos, aber dunkel.
Ulver wandeln sich und betonten somit das temporäre ihrer aktuellen Manifestation. Assoziativ neugierig und mit wilder Abenteuerlust stürzt man sich mit ureigenem Blick auf verschiedenste Kulturphänomene. Die jeweiligen Phänomene bestimmten zum Teil auch die Mittel. Um über die norwegische Natur zu singen darf keifender Gesang herhalten. Um den Fall von Rom zu thematisieren wird auch auf drastische und pathetische Mittel der dunklen Popmusik zurückgegriffen.
Jeder Text ist nur Anleitung. Ulver muss man hören. Intensiv und ausgiebig. Und sodann begreifen, wie und warum die Band ihre Mittel wählt, wo die roten Fäden abseits von Genre und Stil zu finden sind. Diese Entdeckungsreise lohnt sich.


Zum Reinhören


Nahezu das gesamte Schaffen von Ulver lässt sich via Bandcamp streamen
 

Titelbild: (c) Elisa Catozzi Photography

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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