An meine Generation: Wir sind die Ego-Generation!

5 Minuten Lesedauer

Es ist immer leichter aus etwas heraus zu schreiben, als über etwas. In diesem Fall kann ich es sogar gleich doppelt tun. Ich schreibe als Teil einer Generation, sprich aus der Generation heraus und tue dies aus einer Mischung aus Angst, Ekel und Staunen. Denn meine Generation ist die Ego-Generation.
Noch nie ging es uns so gut. Die Generation unserer Großeltern hat den großen Krieg miterlebt und die Generation unserer Eltern die Zeiten danach. Wir hingegen sind Wohlstandskinder. Wohlstandskinder, die sich in ein mehr oder weniger gemachtes Nest setzen, ausruhen und darüber nachdenken können, welchem Tagtraum sie als nächstes nachjagen wollen. Die größten Probleme mit denen wir uns beschäftigen, sind keine essentiellen, keine von allgemeiner Gültigkeit, keine gesellschaftlichen, keine die die Welt betreffen, es sind Ego-Probleme. Reine Ego-Probleme. Sitzt meine Hose oder betont sie die falschen Stellen? Ist im Chai Latte auch wirklich Sojamilch? Erfüllt mich mein Studium? Kann ich mich im Job selbst verwirklichen?
In letzter Zeit springt mir ein neues, angesagtes Selbstverwirklichungsprojekt nach dem anderen ins Gesicht. Da werden Pop-up-Stores eröffnet, damit sich urbane Mädchen aus der Provinz wie Künstlerinnen fühlen können. Da werden Hochglanzmagazine produziert, damit sich unterforderte Studenten wie Medienmagnaten fühlen können. Da werden hippe Imbissbuden eröffnet, damit junge Pseudo-Aussteiger ihren Brotjob sausen lassen können. Da wird Ramsch auf Vintage Flohmärkten und selbst gebasteltes Glump auf Kunst- oder Designmärkten verkauft. Da werden Labels gegründet und Events veranstaltet, die die eigene Szene feiert, als wäre David Bowie auferstanden und hätte mit Beyoncé gemeinsam ein Yoga-Music-Festival für Selbstfindungsprinzen und -prinzessinnen gegründet.
Politisch ist man nur dann, wenn es dem eigenen Ruf und der eigenen Marke dient. Meine Generation ist nicht mehr aus Überzeugung politisch links, sondern weil das zum Image gehört. Meine Generation ist auch nicht aus Überzeugung konservativ, sondern weil Anzug, Segelschuhe und Fliege tragen eben einen gewissen Lifestyle bedeutet. Prominente Vertreter unserer Generation sitzen in Talkshows und erklären rotzfrech, dass sie von Arbeit nicht viel halten. Wer braucht schon einen festen Job, dem er jeden Tag zwischen 8 und 18 Uhr nachgeht? Richtig, niemand! Unsere Generation ist die erste, die es schaffen wird sich von dieser lästigen Fessel zu befreien. Scheiß egal, was alle sagen. Können ja wir nichts dafür, dass die früher hart arbeiten mussten. Nicht mit uns. Ehrliche Arbeit ist etwas für Spießer, tönen die Parolen.
Anders betrachtet. Wir trauen uns Dinge, von denen die Generationen vor uns nicht einmal geträumt hätten. Wir stellen klassische Berufs- und Rollenbilder in Frage. Auch die 40-Stunden-Woche ist vor uns nicht sicher. Unser persönliches Glück soll nicht vom Gehaltsscheck, nicht vom Titel auf der Visitenkarte und nicht vom Lob des Chefs abhängen. Ja, wir sind die Ego-Generation, die auf sich schaut und Altes neu denkt. Wir können mit politischem Lagerdenken nichts mehr anfangen und bleiben unvorhersehbar, launisch. Sollen doch manche denken wir seien selbstgerecht, selbstüberschätzt und nur auf uns selbst fokussiert.
Wir dürfen dabei nur nicht vergessen, dass mit dem Wohlstandskinder-Status eine Verantwortung einhergeht, auf uns warten große Herausforderungen. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass diese neue Fokussierung, diese neuen Werte manch einem Angst machen könnten. Und wir dürfen nicht die Bodenhaftung verlieren und anfangen uns abzuschotten. Wir dürfen keine in sich geschlossene Szene werden, die die eigenen Codes, Bands, Labels, Werte und Projekte feiert und jede Nachfrage von außen abblockt, als lächerlich und altbacken abtut. Ansonsten wird aus der Ego-Generation, die die einmalige Chance hat, das Glück des Einzelnen als oberstes Gut anzuerkennen und neue Lebensmodelle zu schaffen, schnell die rücksichtslose Arschloch-Generation, die nur sich selbst im Blick hat und der alles andere egal ist. Da könnte man es dann nämlich wirklich mit der Angst zu tun bekommen oder angeekelt staunen.

Ein Leben zwischen Schreibmaschine und Fußballplatz. Eigentlich Betriebswirt. Heute mal Autor, mal Sportmanager. Hat das ALPENFEUILLETON ursprünglich ins Leben gerufen und alle vier Neustarts selbst miterlebt. Auch in Phase vier - "Diskursplatz für Selbstdenker" - aktiv mit dabei und fleißig am Schreiben.

3 Comments

  1. Diese Beschreibung trifft wohl nur auf einen kleinen Teil deiner Generation (geb. ca. 1985-95?) zu. Ich denke, dass es innerhalb einer Alterskohorte vielleicht größere Unterschiede gibt als zw. einer solchen und der davor/danach. Diejenigen, die mit 15/16 Anfang dieses Jahrtausends zu arbeiten begonnen haben, erkennen sich in deinem Text vielleicht nicht wieder, ebensowenig wie die Uni graduates, die sich gerade verzweifelt nach Praktika oder prekären wissenschaftlichen Stellen umsehen. Und deine Generation ist die erste nach dem 2. Weltkrieg in Europa, die nicht erwarten kann, dass es ihr besser geht als der ihrer Eltern (die spezifischen Probleme der Babyboomer, die ja nichts dafür können, dass sie eine so große Kohorte sind, lass ich hier mal weg). Vielleicht ist die Mischung aus viel mehr Auswahlmöglichkeiten und komplexen Problemlagen für die Zukunft für manche ja mit ein Grund, sich auf sich selbst zu konzentrieren. Aber gerade die Jungen ließen sich rasch und in großen Scharen organisieren, als es den Flüchtlingen letztes Jahr zu helfen galt und viele sind heute noch aktiv. Denen war keineswegs egal, was um sie herum passiert.
    Was die Arbeitswelt der Zukunft betrifft, kann ich nur hoffen, dass du richtig liegst. Die 40-Stunden-Wochen haben wir schon in den 1970ern bekämpft, leider bisher ohne Erfolg. Good luck to you!

    • Liebe Brigitte!
      Ja, natürlich. Ich gebe dir da vollkommen recht. Innerhalb einer Generation gibt es wahrlich viele unterschiedliche Gruppen. Darüber könnte man wohl ganze Bücher und Diplomarbeiten verfassen.
      Ein kurzer Meinungstext kann hier und soll auch nur, als kleiner Diskussionsanstoss dienen. Mir ist auch völlig bewusst, dass sich in dem Text nicht jeder wiederfinden wird, aber das war auch nicht meine Intention. Ich bemerke, wahrscheinlich auch aufgrund der vielen globalen Herausforderungen und der Überforderungen die die Welt zu bieten hat, eine Fokussierung auf das eigene Ich, eine steigende Glückssuche. Und diesem Weg unterstelle ich eben das Ego als Triebfeder. Das ist per se auch absolut nichts schlechtes. Das ist lediglich ein Phänomen das ich beobachte, das viele Chancen bietet, aber auch Verantwortung mit sich bringt.
      Und die zum Teil stark überspitzen Bilder, sind bewusst so gewählt. Daran kann man sich stoßen und sich auch darüber ärgern. Ab dem Punkt „Anders Betrachtet“, kehrt das Bild aber deutlich …. 😉

  2. Mir hat dein Text im großen und ganzen gut gefallen, allerdings, die festellung, daß es uns noch nie so gut ging stimmt leider nicht.
    Unsere Eltern (ich bin 1978 geboren) haben die Welt so verschmutzt wie in der industriellen Revolution. Der Konsum hat seit ein paar Jahrzehnten schreckliche Niveaus. Und wir…wir haben nix. Ich habe eine bessere Ausbildung wie meine Eltern, kann mehr Fremdsprachen wie sie, ich bin mehr gereist als die und verdiene eigentlich sogar mehr als sie 37 Jahre alt waren. Ich habe kein Auto, besitze keine Wohnung…ich kann mir so etwas nicht leisten.
    Der Mittelschicht verschwindet seit 30 jahren, Margaret Thatcher und Ronald Reagan an die Macht kamen….und irgendwie schafften es Weltkonzerne, daß wir uns mit Ego-Fragen beschäftigen.
    Ich ging am 1. Mai nicht auf die Straßen, aber ich postete irgendwas lustiges auf Twitter…
    …und ich bin eigentlich Teil der Generation X. Shame on me!

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

*

code