Wie ein Familien-Sonntag im Kino zur Hölle wurde

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Das Mainstream-Kino ist ein Ort der unbestimmten und unbestimmbaren Progression und der unaufhaltsamen Beschleunigung. Manifest wird diese Tatsache vor allem an Familien-Sonntagen in Mainstream-Kinos. Einige Indizien deuten darauf hin, dass die Progression bald absurde Ausmaße annehmen wird und die Beschleunigung zu einer Art von rasendem Stillstand führt.


Zu früh für einen solchen Montagskommentar? Keine Sorge, weiterlesen lohnt sich. Ab jetzt wirds verträglicher.


Es gab eine Zeit da sprach man von Lichtspielen. Längst wird jedoch schon nichts mehr beleuchtet, sondern die Filme werden digital auf die Leinwand gebracht. Auch 3D ist seit einiger Zeit nicht mehr ausreichend. Im Heute lässt sich ein Film nur mit Dolby Atmos und 3D in harmonischem Zusammenspiel rezipieren. Selbst Kleinstkinder sitzen bereits mit 3D-Brillen im Kino und setzen sich einer Reizüberflutung aus, die selbst Erwachsenen leichtes Kopfweh beschert.
Man kann davon ausgehen, dass Eltern und Kinder nicht zum ersten Mal diesem „progressiven“ und hochgradig beschleunigten Kino ausgesetzt sind. Die Neulinge in dieser bunten Welt der überschnellen Bilder sind an einer Hand abzuzählen. Es ist also naheliegend  davon auszugehen, dass diese Art der Beschleunigung und des Mehr-Ist-Mehr-Denkens auch das Verhalten von Kindern, Müttern und Vätern infiltriert hat.
Es ist leicht das zu belegen. Bereits an der Kasse wird das ungleiche Beschleunigungs-Verhalten der in dieser Situationen agierenden Personen überdeutlich. Während Väter und Mütter die Kassen stürmen fällt es den Kassen-Angestellten schwer, mit diesem Tempo mitzuhalten. In der Folge dieses Ungleichgewichts kommt es zu wütenden Müttern, frustrierten Vätern und quengelnden Kindern. Die Beschleunigung des Hier und Jetzt führt vor allem auch dazu, dass Kinder immer alles sofort haben müssen. Geduld, Demut und abwarten sind keine gültigen Kategorien und schon gar keine Ideale mehr.
Der Mensch indes leidet. Auch wenn er es sich nicht eingestehen will. Er lässt sich zwar, von der Wiege bis zur Bahre, mit Film-Junkfood versorgen, bemerkt allerdings immer wieder eine gähnende Leere im eigenen Leben. Wer sich so schnell und immer schneller mitdrehen muss, kommt leicht aus dem Takt und verliert das Gleichgewicht. Derjenige, der bei allem und bei jedem Trend dabei sein muss, verliert sich nur allzu leicht selbst.
Diese Leere bleibt selbst dem unreflektiertesten Aktanten an einem solchen Familien-Sonntag im Mainstream-Kino nicht verborgen. Er kann sie womöglich nicht benennen, nimmt sie aber doch als Unbehagen wahr. Diese Unbehagen wird vornehmlich weg getrunken. Ganze Heerscharen von über-beschleunigten Vätern und Müttern stürmen die Popcorn-Verkaufsstellen der Kinos. Dort wird nicht nur Popcorn  oder Allzu-Süßes für den Nachwuchs gekauft, sondern auch jede Menge Alkohol. An das Bild, dass Kinder mit quietschbunten Pappbechern und die Eltern mit Bierflaschen zum Kinosaal stapfen muss man sich erstmals gewöhnen. Nach Augenblicken der Irritation macht es aber Sinn. Wie könnten Erwachsene sonst die ebenfalls quietschbunten Filme in 3D und Dolby Atmos ertragen?
Diese besagten Filme, Junkfood und Indoktrinierungs-Filme gleichermaßen, haben stets ähnliche Aussagen und Intentionen. Glaube an dich. Bleib dir selbst treu. Finde dein wahres Ich. Sei glücklich inmitten all der Miesepeter. Gemeint ist allerdings in den allermeisten Fällen, dass man standhalten kann. Mitmachen muss. Konsumieren sollte.
Nur wer glücklich und beschwingt mit seinem wahren Konsum-Ich durch die Einkaufshallen der Welt flaniert ist ein guter Konsument und kein Miesepeter, der lieber zuhause bleibt und sich verweigert. So werden bereits Kinder zu perfekten Teilnehmern eines spät-kapitalistischen Systems der Akkumulation erzogen. Es gilt Waren zu horten, zu süße Säfte zu trinken und sich überdrehte Filme anzusehen, welche die unendliche Beschleunigung zum Normalzustand verklären.
Ein Tag im Mainstream-Kino an einem Familien-Sonntag ist die Hölle. Weil all das sichtbar wird, was in der heutigen Welt derzeit falsch läuft. Es ist aber noch nicht zu spät. Kehren wird zurück zu den Lichtspielen. Genießen wir wieder. Entschleunigen wir uns und unsere Kinder. Die Hölle, das sind die Massen-Kinos dieser Welt.

Titelbild: (c) Nicole Davison, flickr.com

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

1 Comment

  1. Treffend beobachtet! Für mich persönlich lautet der Weg aus der Hölle daher: Ausschließlich azyklisch ins Kino gehen, Programmkinos aufsuchen, wann immer möglich und solange es sie noch gibt (und die es als Kulturgut zu bewahren gilt wo und wann immer wir können). Mit Kindern ist das natürlich alles nicht so einfach, auch klar…

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