Der Erlkönig und der Wahrheits-Blogger aus dem Ötztal

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Die Zustände in Erl seien unfassbar und unerträglich. Der Maestro sei insgesamt ein Zumutung, ein miserabler Dirigent und ein noch miserablerer Komponist. Dass er eine Vorliebe für gut gebaute blonde Frauen und diese auch zu privaten  „Einzelgesprächen“ auf sein graues Designer-Sofa eingeladen habe gilt den aufgebrachten Lesern, die es immer schon gewusst haben wollen, nach zwei Blog-Beiträge eines Ötztaler Schafbauern als erwiesen.
Denn der wilde Hund aus dem Ötztal sagt die Wahrheit. Weil ihm alles scheißegal ist. Dass er noch einen Job in einem Tiroler Medienhaus oder überhaupt eine Anstellung im heiligen Land Tirol bekommt scheint er für alle Zeiten abgehakt zu haben. Stattdessen übt er sich in Autarkie im schönen Ötztal und schreibt von Zeit zu Zeit, wenn die Missstände gar zu unerträglich werden, wie es tatsächlich ist unter der Oberfläche des scheinhaften Diskurses.
Der Ötztaler Blogger spitzt seine Feder nicht, er macht sie mit grobschlächtigen Mitteln zu einem brachialen Folterinstrument, das jeden zu Fall bringen will. In Tirol sind die Missstände so extrem, die Freunderlwirtschaft so unglaublich und die politischen Verzahnungen so unerhört, dass man diese nicht mehr Schritt für Schritt aufdecken kann. Journalistische Redlichkeit führt nur zur Weiterführung der Umstände.
Herr Wilhelm hat gehört und wieder was gehört von jemanden, der etwas gehört haben will. Diese gesicherten Informationen lässt er zu Blogbeiträgen gerinnen, die den „Erkönig“ als Vergewaltiger, Ausbeuter und Choleriker überführen. Dass er dabei immer im Wahren bleibt unterstreicht er mit der Unterüberschrift „Nichts ist erfunden, nichts ist dazugedichtet“. Die „Dichter“ und „Erfinder“, das sind die Anderen. Das sind die Tiroler Leitmedien, die dem Maestro, dem Baulöwen und ihren Untergebenen stetige „Hofberichterstattung“ angedeihen lassen.
Unter der Oberfläche der herbei geschriebenen Scheinrealität, in der Kuhn ein herausragender Dirigent und die Festspiele Erl das künstlerisch brillanteste Festivals Tirols sind, brodelt es schon seit langem. Glücklicherweise hat der Blogger aus dem Ötztal jetzt aufgeschrieben, was sich andere nicht zu schreiben trauen. Zum Glück hat er dabei die feine Feder wo auch immer gelassen und hat sich stattdessen eines Hammers bedient. Mit diesem hat er die Verkrustungen und Lügen schlicht und einfach weg geschlagen, damit man endlich als gelernter Tiroler und Verblendeter den Blick auf das Ungute, Wahre und Unschöne erhält.
Diesen Blick in die Abgründe Tirols hält natürlich nicht jeder aus. Eine Landesrätin sagt gar, dass sie den Wahrheits-Blog grundsätzlich nicht lese. Das Establishment bestraft den findigen Wahrheitssuche also nicht nur mit Klagen, sondern gar mit Ignoranz. Auch Journalisten, Teil des Systems und von oberster Stelle bestochen um zu lügen, sind skeptisch was die heilsbringenden Offenbarungen von Herrn Wilhelm betrifft. Nur ungern zitieren sie seine Texte, aus blanker Angst und vorauseilendem Opportunismus.
Dabei wäre die Welt doch eine Bessere, wenn wir dem Blog Ötztaler Herkunft mehr Glauben und Aufmerksamkeit schenken würden. Die Mächtigen wären endlich zu Fall gebracht, der Journalismus als maßgeblicher Baustein des Stillstands entlarvt. Wir müssten uns endlich nicht mehr mühsam mit Quellen beschäftigen, dürften mit Text-Bild-Verknüpfungen nach Belieben manipulieren und im betreffenden Einzelfall haremsartige Zustände suggerieren. Endlich nicht mehr beide Seiten anhören und zu Wort kommen lassen, endlich nach Gutdünken aufdecken ohne nach dem Morgen und nach der Substanz zu fragen. Es ist möglich, wir müssen es uns nur trauen. Eine neue Wahrheitskultur ist endlich denkbar geworden.

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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