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Unser heuriger Klimanotstand

3 Minuten Lesedauer

Wie üblich wollte ich auch diese Woche meinen Senf zu den großen Fragen der Menschheit bzw. über den Sinn des Lebens hier zum besten geben – doch da kam mir der heurige Klimanotstand dazwischen.

Wie Sie ohne Zweifel wissen, wurde – um der weltweit wütenden Klimakatastrophe auch hier in Innsbruck am grünen Inn Herr zu werden (oder vielleicht Frau) – vom Gemeinderat vor eineinhalb Jahren der oben erwähnte Klimanotstand ausgerufen. Später, als irgendwelche Touristiker anfragten, ob man noch ganz dicht sei, wie man die Fremden in eine Stadt locken wolle, in der so ein Notstand herrsche, hat man, glaube ich gesagt, es sei nicht so gemeint oder es sei mehr im übertragenen Sinn gedacht gewesen, jedenfalls – das Foto beweist es schlüssig: hier und heute, nur 300 Meter über der Stadt, herrscht er bereits, der Notstand. Und nicht nur das: wir haben ihn schon länger, als irgendwelche obergescheiten Klimaleutchen in der Stadt es wahrhaben wollen, nämlich seit Menschengedenken.

Nicht gerade alle Jahre, aber doch alle drei, vier Jahre wieder im Herbst wachen wir eines Morgens auf, und – die Wiese ist voller Schnee! In aller Regel sind noch einige Viecher auf der Wiese vor dem Haus, die für einen kleinen Viehbestand als Niederleger fungiert. Und diese Kälbchen oder Kühlein stehen dann mit ihren Hufen, recht unangenehm berührt, im Schnee herum, haben zu kalt, aber in erster Linie haben sie nichts zu fressen, weil das, was sie normalerweise fressen, sich nun unter dem Schnee befindet und man es auf die unter Kühen übliche Weise nicht mehr so recht zu fassen kriegt.

Also fangen sie an, recht unruhig zu werden, und nachdem der Schnee inzwischen auch die Bänder des Elektrozauns mehr oder weniger zu Boden gedrückt hat, wandern sie herauf zum Haus, in der Hoffnung, dass sie von uns etwas zu fressen kriegen oder vielleicht nur, damit sie ein bißchen eine Ansprache haben. Nun haben wir zwar auch selber Heu, aber nur so viel, wie die Hennen das Jahr über für ihre Legenester brauchen, und das ist, wenn man es mit dem Appetit einer Kuh anschaut, eher wenig. Wie auch immer, wir schütteten ihnen vorderhand zwei Körbe voll auf den ebenen Platz vor dem Haus, und da sehen Sie mich auf dem Foto, während sie fressen und ich ihnen gut zurede, auf daß sie nicht die ganze Gegend zertrampeln möchten und daß ihr Herrl eh bald käme und was zu fressen brächte und sie dann auch bald nach Hause mitnehmen würde.

Und so geschah es auch.

Walter Klier, geb. 1955 in Innsbruck, lebt in Innsbruck und Rum. Schriftsteller und Maler.
Belletristik, Essays, Literaturkritik, Übersetzungen, Sachbücher. Mitherausgeber der Zeitschrift "Gegenwart" (1989—1997, mit Stefanie Holzer). Kommentare für die Tiroler Tageszeitung 2002–2019.
Zahlreiche Buchveröffentlichungen, u.a.: Grüne Zeiten. Roman (1998/Taschenbuch 2014), Leutnant Pepi zieht in den Krieg. Das Tagebuch des Josef Prochaska. Roman, 2008. Taschenbuch 2014). Der längste Sommer. Eine Erinnerung. 2013.
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