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Die Sache mit der Eigenverantwortung

8 Minuten Lesedauer

Das mit der Eigenverantwortung ist so eine Sache. Als altgediente Lehrerin kenne ich das, und ich habe über 30 Jahre lang Erwachsene unterrichtet, nicht etwa unmündige Kinder! Man kann noch so viel Überzeugungsarbeit leisten, wenn nicht eine klare Botschaft mitgegeben wird, innerhalb welchen Rahmens sich Eigenverantwortung zu bewegen hat, funktioniert es nicht. Man kann diesen Rahmen ruhig diskutieren, aber irgendwann muss er feststehen. Deshalb gibt es in der Schule noch immer die – zugegeben, nicht sehr differenzierte und in vielerlei Hinsicht unzulängliche, aber zumindest effektive – Notenskala von 1 bis 5.  Jeder weiß genau, was passiert, wenn eine Fünf ansteht. Manche kriegen schon die Panik ab einem Dreier, andere erst ab Vier minus. Menschen reagieren halt verschieden auf Bedrohung. Aber jedem ist in der Schule sonnenklar, dass seine Eigenverantwortung zwischen 1 und 5 spielt.

Jetzt hat es leider halt wieder einmal nicht funktioniert mit dieser Eigenverantwortung. Und ich muss mich noch einmal über dasselbe Thema auslassen *, weil mir nicht einleuchten will, warum unsere Regierung gute Ideen zuerst mühsam entwickelt und dann sterben lässt. Da gab´s doch mal eine Ampel, aber ohne genaue Anleitung für den Einzelnen, was damit anzufangen wäre. Als stellte man eine Ampel in die Wüste, ohne erkennbare Kreuzung. Wenn ein Nomade an dieser Stelle vorbeikäme, würde er finden, dass das wirklich ein lustiges buntes Lämpchen ist.

So wie dem Wüstennomaden erging es vielen Österreichern mit der Corona-Ampel. Die zeigte zuerst ab und zu auf Gelb und dann manchmal auf Orange, aber was man mit der bunten Information anfangen sollte, wusste keiner. Man ahnte zwar, dass da irgendwo eine Kreuzung sein musste. Aber die konnte man nicht klar erkennen. Es war bloß ständig von „Eigenverantwortung“ die Rede. Damit war aber eher „Eigeninterpretation“ gemeint. Und so hat sich halt jeder zu den Farben was Eigenes oder auch gar nichts gedacht. Die meisten vermuteten, dass Gelb und Orange eben nicht Rot und damit eh alles in Ordnung sei. Und wie dann alles sich rot einfärbte und immer noch nichts geschah, war man vollends beruhigt.

Ja, wenn der Bürger geahnt hätte, dass auf einmal, aus heiterem Himmel, nach (lange schon schön leuchtendem) Rot der zweite Lockdown kommen würde, der Arbeitsplätze, Schulerfolge, Firmen und unser Budget vernichtet! Aber das hat ihm ja keiner gesagt! Woher sollte man das wissen? Wenn die da oben bereits bei Gelb manches streng verordnet hätte, zum Beispiel überall, wo Menschen sind, Maske aufzusetzen und weniger beste Freunde und Verwandte und Seelenverwandte in einem geschlossenen Raum zu treffen! Wenn man zum Beispiel bei Gelb schon sicher gewusst hätte, dass bei der nächsten Stufe – Orange – Sporthallen und Konzertsäle, Schulen, Hörsäle, Kinos und das DEZ schließen müssen, ja, da wäre man hellhörig geworden und man hätte sich das mit der „Eigenverantwortung“ genauer überlegt! Und wenn uns eine Obrigkeit bei Orange klar angekündigt hätte: Noch soundso viele positiv Getestete bis Rot und dann ist Schluss mit allen Ausnahmen und Debatten, dann herrscht totaler Lockdown und ihr bleibt zuhause und vergesst Weihnachtsstimmung, Christkindlmärkte, Familientreffen und Einkaufsorgien! Ja, dann! Dann hätte man sich natürlich ganz anders verhalten.

Stattdessen hat sich unsere Regierungsspitze, die mit Obrigkeitsgehabe sonst nicht immer so schamhaft umgeht, sehr mit Vorgaben zurückgehalten und stattdessen zu Eigenverantwortung aufgerufen. Dies dürfte auf eine unglückliche Mischung aus grüner Überschätzung der allgemeinen Denkbereitschaft und türkisem Drang zum Allen-gefallen-Wollen zurückzuführen sein. Und der obrigkeitshörige und denkfaule Österreicher hat´s natürlich nicht kapiert. Und jetzt ist keiner schuld am Desaster (oder eben die jeweils anderen).

Unter dem Begriff der „Eigenverantwortung“ wie unter dem der „Freiheit“ versteht halt jeder etwas anderes, wenn man´s ihm nicht ausbuchstabiert. Einzelne haben dennoch schon bei Gelb oder Orange ihre Kontakte eingeschränkt und Masken aufgesetzt, sobald sie einen Raum betraten. Ließen sich dafür belächeln und verachten: Schau, so ein Überängstlicher! Vorauseilender Gehorsam! Der lässt sich von denen da oben Angst machen! Ein Regierungsanhänger! Pfui! Wir dagegen, wir sind die Mutigen! Die Selberdenker! Die Oppositionellen! Eben die Eigenverantwortlichen.

Das erinnert mich an Zeiten, als die Straßen noch vergleichsweise leer waren und viele Autofahrer partout nicht einsehen wollten, dass sie sich anschnallen sollten. Nur zum eigenen Schutz, wohlgemerkt! Was gab es da Aufstände! Oder als man einführte, dass ein Auto alljährlich auf Fahrtauglichkeit zu überprüfen sei (zum eigenen Schutz wie auch zu dem aller anderen Verkehrsteilnehmer). Ein Onkel von mir fuhr sein Auto noch Jahrzehnte lang ohne Pickerl. Er wurde ungehalten, als man ihm erklärte, dass das so nicht ginge. Dass bei einem Unfall die Versicherung aussteigen würde. Meinte, dass er ja nie einen Unfall gehabt hätte und auch keinen vorhabe zu bauen. Und er hat es tatsächlich bis zu seinem Tod unfall- und pickerlfrei geschafft. So viel Glück muss man eben haben, dass man heil davonkommt. Schließlich denkt niemand gern an die Möglichkeit, dass ihm ein anderer, nicht so perfekter Fahrer mal auf der falschen Spur entgegenkommen könnte. Und überdies hält sich jeder selbst sowieso für den besten Lenker. Gäbe es nicht saftige Strafen, würden sich viele auch heute noch — ganz eigenverantwortlich — auf ihr Glück verlassen und mit einem Hunderter, unangeschnallt und pickerlfrei, Zebrastreifen übersehend, Kind am Vordersitz stehend und Hund hinten auf der Ablage liegend, mit Handy am Ohr durch die Ortschaften brettern.

Und genauso sind viele, die nie im Leben eine Maske getragen haben, heute nicht bereit, jetzt auf einmal damit anzufangen, nur wegen so einem blöden Virus. Sie haben bisher nie Corona gehabt und werden es auch nicht bekommen.  Sie haben ein gutes Immunsystem, treiben Sport, sind auch nicht über siebzig. Also, was soll´s! Und solange es keinen Corona-Punkteführerschein gibt, auf dem Bemmerl vermerkt werden und man irgendwann in Straf-Quarantäne geschickt wird, machen sie – ganz eigenverantwortlich — weiter wie bisher. Ihnen ist ja nie was passiert. Und die anderen? Ja, die sollen eigenverantwortlich gefälligst selber auf sich schauen!

Fazit: Eigenverantwortung ist was Schönes, ebenso wie Freiheit, auch Ampeln und Apps sind toll, aber erst klare Verhaltensregeln und Strafen fördern die Kommunikation über Begrifflichkeiten und geben all diesen schönen Dingen den richtigen Rahmen.

Geboren 1954 in Lustenau. Studium der Anglistik und Germanistik in Innsbruck Innsbruck. Lebt in Sistrans. Inzwischen pensionierte Erwachsenenbildnerin. Tätig in der Flüchtlingsbetreuung. Mitglied bei der Grazer Autorinnen und Autorenversammlung Tirol, der IG Autorinnen Autoren Tirol und beim Vorarlberger AutorInnenverband. Bisher 13 Buchveröffentlichungen.

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