Der Untergang der Crociati

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Der AC Parma war einst einer der schillerndsten Fußballvereine Europas. Internationale Erfolge Anfang und Mitte der Neunziger Jahre spülten enorme Geldsummen in die Vereinskassen. Trotzdem ging der Verein 2004 Pleite. Elf Jahre später droht dasselbe Schicksal.

10. Mai 2002: 27.000 Menschen fiebern im Stadio Ennio Tardini. Zweite Minute Nakata schießt von knapp außerhalb des Strafraums, Ferrara  kann mit dem Kopf gerade noch klären. Die anschließende Ecke, Nakata tritt, der Ball geht an Freund und Feind vorbei. Von hinten läuft Junior an, er kommt zum Ball, schießt vom Strafraumeck, rutscht beim Schuss aus. Der Ball wird länger und länger, findet seinen Weg durch ein Labyrinth aus Beinen. Carini ist chancenlos. Dritte Minute, Parma führt im Rückspiel der Coppa Italia gegen Juventus Turin.

Mit dem 1:0 steht es insgesamt 2:2, Parma würde auf Grund der Auswärtstorregel den italienischen Pokal gewinnen. Junior reißt sich sein Trikot herunter, darunter ragt ein Shirt mit dem Wort Joy hervor. Joy, ja an diesem Tag konnten das die Spieler, Funktionäre und Fans des Norditalienischen Vereins vermutlich zum letzten Mal für eine sehr lange Zeit spüren.

Der Präsident der nie das Stadion sah

Der Verein wurde ursprünglich als AC Verdi, benannte nach dem berühmten Komponisten, 1913 gegründet. Die Vereinsfarben waren gelb-blau und schwarz-weiß u: auf den weißen Dressen war ein großes schwarzes Kreuz abgebildet, deshalb der Name Crociati. Allerdings wurde noch im gleichen Jahr der Name in Parma Associazione Calcio (AC Parma) gewechselt.
1922 wurde mit dem Bau des Stadions begonnen. Der damalige Präsident des Vereins, Ennio Tardini, ein italienischer Anwalt und Fußballliebhaber, ließ von zwei lokalen Architekten ein Stadion planen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte der AC Parma keine fixe Spielstätte. Das Stadion wurde um September 1923 eröffnet und postum in Stadio Ennio Tardini umbenannt. Der Präsident und Gönner starb einen Monat vor Eröffnung.
Noch war von Glanz und Gloria nichts zu sehen. Turbulente Zeiten umgaben den Verein, nach dem zweiten Weltkrieg begannen die Gialloblu (Gelbblauen) in Italiens zweithöchster Liga, der Serie B. Der Abstieg in die Serie C sollte bald folgen, nach fünf Jahren erfolgte der Wiederaufstieg. Elf Jahre verbrachte man in der zweithöchsten Spielklasse um 1965 in die Serie C und 1966 gar in die Serie D abzusteigen.
2003 bebt die Linzer Gugl. Austria Salzburg spielt nach einer sensationellen Saison 2002/03 und einem dritten Platz in der Meisterschaft im UEFA Cup. Obwohl in der ersten Runde deutlicher Außenseiter, schaffen die Mozartstädter das Wunder und schalten in der ersten Runde Udinese Calcio mit einem Gesamtergebnis von 2:2 und dank Auswärtstorregel aus. In der zweiten Runde wartet der AC Parma.
Parma macht in beiden Spielen kurzen Prozess: das Hinspiel in Salzburg wird mit 4:0 gewonnen, daheim folgt sogar ein 5:0. Carbone, Sorrentino, Gilardino und Nakata hatten ihre Freude mit den Salzburger Veilchen. In der nächsten Runde war dann aber auch für die Parmesen Schluß: Gençlerbirliği setzte sich mit 4:0 durch. Für beide Mannschaften sollte es der letzte Auftritt auf europäischer Bühne unter ihrem ursprünglichen Namen und Umfeld sein. Austria Salzburg wird im Jahr 2005 zu Red Bull Salzburg. Der AC Parma wird zum FC Parma. Der Milchkonzern und Hauptsponsor Parmalat geht pleite.

Am Zenit

Vor der Kollaps kam, kamen aber die erfolgreichsten Zeiten. 1966 war der AC Parma in seiner Heimatstadt nicht der beliebteste Sportverein der Stadt. Der heimische Rugby- und der Volleyballverein konnten die Massen deutlich mehr begeistern. Die Fusion mit dem A.C. Parmense spülte erstmals Geld in die Kassen des Vereins und sportlicher Erfolg sollte langsam kommen. Dennoch fuhr man bis in die späten 80er Jahre auf einer ständigen Achterbahnfahrt zwischen Serie B und C. Unter Arrigo Sacchi verpasste man den erstmaligen Aufstieg in die Serie A nur um drei Punkte, im Cup konnte man Berlusconis AC Milan ausschalten. Sacchi verließ daraufhin den Verein in Richtung Rossoneri.
Unter Nevio Scala sollte Parma seine ersten großen Erfolge feiern: 1990 stieg man zum ersten Mal in die Serie A auf. Mit Hilfe des Konzerns Parmalat konnte sich das Team in der Liga und schlussendlich auch in Europa etablieren. Ein Jahr später sollte man mit einem Gesamtscore von 2:1 gegen Juventus Turin die Coppa Italia und damit den ersten Titel in der Vereinsgeschichte holen. Auf europäischer Bühne wurde in der Saison 1992/93 der Europapokal der Pokalsieger gegen Antwerpen gewonnen. In der darauffolgenden Saison scheiterte man erst im Finale gegen den FC Arsenal an der erfolgreichen Titelverteidigung. Den letzten und größten Erfolg unter Scala feierte man in den beiden Finalspielen des UEFA Cups der Saison 1994/95.

Dino Baggio schoss in beiden Spielen ein Tor und avancierte zum Pokalhelden. Baggio ist übrigens nicht verwandt mit seinem Namensvetter Roberto, der auf Seiten der Turiner gegen ihn spielte. Dino war nicht der einzige Star im Team von Parma gleich sieben weitere Spieler aus den Starformation der Spiele gegen Juventus spielten in der italienischen Nationalmannschaft: Bucci, Benarrivo, Appolloni, Minotti, Sensini, Ravanelli und Crippa. Zola spielte für Argentinien, Asprilla für Kolumbien, Couto für Portugal.
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Für Trainer Scala sollte der Erfolg 1995 der letzte mit Parma sein. Ein Jahr später wechselte er zu Perugia und später zum BVB und Besiktas. Bei Parma übernahm ein gewisser Carlo Ancelotti.

Carlitos Handzeichen, Malesanis Erfolg

Ancelotti kam vom A.C. Reggiana zum AC Parma. Bei seiner zweiten Trainerstation führte er den Klub gleich zur besten Platzierung der Vereinsgeschichte in der Serie A: Hinter Juventus Turin wurde man Vizemeister und qualifizierte sich erstmals für die Champions League. So schnell Ancelotti kam, so schnell war er auch schon wieder weg. Alberto Malesani übernahm den Trainerposten und holte gleich in seinem ersten Jahr zwei Titel: Die Coppa Italia wurde dank der Auswärtstorregel mit 3:3 gegen Fiorentina gewonnen, im UEFA Cup-Finale 1999 gewann man mit 3:0 gegen Olympique Marseille.

Wer da gespielt hat?
ParmaMarseilleJa das ist DER Buffon, DER Thuram, DER Cannavaro, DER Veron und DER Crespo. Veron wechselte 1999 nach nur einer Saison für umgerechnet 30 Millionen Euro zu Lazio Rom. Ein Jahr später verließ auch Goalgetter Crespo den Verein Richtung Rom. Der Transfer war bis zum Wechsel von Zinedine Zidane der teuerste Transfer der Geschichte, 55 Millionen Euro überwiesen die Hauptstädter nach Emilia-Romagna. Ein Jahr später (2001) wechselten Thuram und Buffon gemeinsam zur alten Dame nach Turin und spülten zusammen knapp 94 Millionen Euro in die Vereinskassen (Thuram 41, Buffon 53 Millionen Euro). Für schlappe 21,8 Millionen Euro ließ man Torschützenkönig Marcio Amoroso nach Dortmund wechseln.

Vom Olymp in den Styx

Ortswechsel zurück nach Österreich: Um die Jahrtausendwende dominiert der FC Tirol den österreichischen Fußball. Zwar erst in den 90ern gegründet, hatte der Vor- und auch Nachfolgeverein das Gründungsjahr 1913. Wie Parma. Als Hauptsponsor agierte die Tirol Milch, ein großer Milchkonzern. Wie bei Parma. Und auf Erfolg kam der Zwangsabstieg. Fast wie bei Parma.
Im Jahr 2004 geht Parmalat Pleite. AC Parma ist Geschichte, ab jetzt heißt man FC Parma. Der italienische Industrieminister höchstselbst verhinderte durch ein neues Gesetz die Liquidation des Vereins. Der Fußballklub spielt die schlechteste Saison seit er in der Serie A spielt. Nur knapp entgeht man einem Abstiegsplatz. Alberto Gilardino schießt 23 Tore und wird für 25 Millionen Euro nach Mailand verkauft.
International lief es deutlich besser: Im UEFA Cup konnte die erstmals eingeführte Gruppenphase überstanden werden. In den KO Runden wurden der VFB Stuttgart und der FC Sevilla ausgeschaltet.  Im Viertelfinale konnten sie sich nur wegen der Auswärtstorregel gegen die Wiener Austria durchsetzen. Ein 1:1 reichte für die Wiener nicht und verhinderte den größten Erfolg eine österreichischen Mannschaft in der jüngeren Geschichte.

Die folgende Saison konnte wieder auf einem Europacup-Platz abgeschlossen werden. Dies sollte der letzte Auftritt auf europäischer Bühne bis in die heutigen Tage darstellen. Ein neuer Präsident mit Namen Ghirardi kam und ließ die Schulden von 13 Millionen Euro auf knapp 200 Millionen Euro wachsen. In der Saison 2007/08 musste man den Gang in die Serie B antreten.  Der direkte Wiederaufstieg konnte ein Jahr darauf geschafft werden. Seitdem strauchelt Parma im Mittelfeld der italienischen Liga, mit einer Ausnahme: Letzte Saison absolvierten die Gialloblu 17 Spiele ohne Niederlage und rückten somit auf einen Europa-League-Platz vor. Die UEFA verweigerte Parma aber auf Grund der hohen Steuerschulden von 300.000 Euro die Lizenz. Seit diesem Tag gilt das Schicksal von Parma als besiegelt. Der Präsident wirft das Handtuch und übergibt das Zepter samt Vereinsanteile an einen Geschäftsmann aus Albanien. Dieser verkauft seinen Anteil bereits nach zwei Wochen im Dezember 2014 an die italienisch-slowenische Mapi Group. Slogan: Insight for Solutions. Logischerweise ändert sich nichts. Einige Spieler warten seit mehreren Monaten auf ihr Gehalt, der Verein kann weder Strom noch warmes Wasser bezahlen. Die Gazetta delle Sport berichtet von Schulden gegenüber der Gemeinde in der Höhe von einer Million Euro. Das Stadion Tarnini hat die Gemeinde Parma derweil geschlossen.
Seit zwei Wochen befinden sich die Spieler von Parma nun im Streik. Drei Siege stehen bisher in der Saison zu Buche. Es darf davon ausgegangen werden, dass es bei diesen dreien bleibt. Parma droht nicht nur der Abstieg in die Serie B, sondern vermutlich eine weitere Neugründung. Wie sie mit dieser umgehen werden, kann man derzeit überhaupt nicht einschätzen. Die Geschichte hat gelehrt: entweder Serie C oder Serie A. Ganz oder gar nicht.

Was noch nicht vergessen werden sollte

  • Insgesamt wurden seit 2007 996 Spieler unter Vertrag genommen. Die meisten spielten keine Sekunde für den Verein sondern wurden gleich weggegeben. Die Schulden wurden größer und blieben allerdings.
  • Das legendäre Spiel gegen Sturm Graz 1999: Das Spiel muss für einen Blackie so schmerzhaft sein, wie für einen Tiroler die Erinnerung an Nigmatulin, Lok Moskau und Roli Kirchler. Sturm traf in der dritten Runde des UEFA Cups auf Parma. Auswärts verlor man 1:2. In einem völlig verrückten Rückspiel kamen die Grazer trotz frühem Rückstand und Platzverweis von gleich drei Spielern durch Tore von Reinmayr und Vastic wieder zurück und retteten sich in die Verlängerung. Dort ging man dank Reinmayr in Führung, 3:1, die Sensation gegen das mit Stars vollbesetzte Team (siehe oben) und Titelverteidiger war zum Greifen nahe. In der 110. Minute dann der Aufreger: Stanic flankt, Schickelgruber im Tor fängt den Ball vermeintlich hinter der Linie. Diskussionen häufen sich. Der Schiedsrichter gibt das Tor. Sturm fliegt raus.


[otw_shortcode_info_box border_type=“bordered“ border_color_class=“otw-blue-border“ border_style=“dotted“ shadow=“shadow-inner“ background_color_class=“otw-silver“ background_pattern=“otw-pattern-3″]Wichtige Transfers:
Fernando Couto: 1996 – 5,5 Mio € zu Barca 2005 – ablösefrei geholt
Faustino Asprilla: 1996 – 7,6 Mio € zu Newcastle; 1998 für 6,8 Mio € wieder gekauft
Juan Sebastian Veron: 1999 – 30 Mio € zu Lazio
D. Baggio: 2000 – 7,5 Mio € zu Lazio
Hernan Crespo: 2000 – 55 Mio € zu Lazio
Lillian Thuram: 2001 – 41 Mio € zu Juventus
Gianluigi Buffon: 2001 – 53 Mio € zu Juventus
Fabio Cannavaro: 2002 – 11,5 Mio € zu Inter Mailand
Marcio Amoroso: 1999 – von Udine für 28 Mio € gekauft; 2001 – 21,8 Mio € zu BVB
Marco Di Vaio: 2002 – 26 Mio € zu Juventus
Adrian Mutu: 2003 – 19 Mio € zu Chelsea
Adriano: 2004 – 29 Mio € zu Inter Mailand
Sebastien Frey: 2005 – 5, 75 Mio € zu Fiorentina
Alberto Gilardino: 2005 – 25 Mio € zu Milan[/otw_shortcode_info_box]
Auf die restlichen 996  Transfers aus den Jahren 2007 – 2015 verzichten wir aus Platzgründen. Nachzulesen sind sie aber hier.

Die hier gezeigten Mannschaftsaufstellungen wurden originalgetreu nachgestellt.
Stadionbilder gemeinfrei von Wikipedia.de

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