Solidarität mit den Hühnern!


Harald Stoiber ist Der Hühnerphilosoph und schreibt primär auf seinem gleichnamigen Blog.


Link zur ORF-Sendung „Am Schauplatz“ zum Thema „Maschine Huhn„.


Es gehört eine gehörige Portion Selbstverständnis und Mut dazu, das Vergasen von männlichen Küken als Abfallprodukt der Eierproduktion vor die Kameralinse zu rücken. Umso erstaunlicher, dass es nicht die AMA selbst war, die die Türen öffnet, sondern ein konventioneller Bauer, der mit den Werbebildern seiner eigenen Interessensvertretung aufräumt.
Dass die ZAG (zentrale Arbeitsgemeinschaft für Geflügelwirtschaft) zu Beginn der Dreharbeiten vollste Transparenz verspricht und diese nie eingelöst wird, ist mehr als peinlich für so eine große und machtvolle Institution. Denn auch die BIO-Produktion ist weit entfernt von farbenfrohen Wiesen und träumerischen Legenestern. Freilich, etwas mehr Platz haben die Hennen und das Futter ist weniger belastet. Doch auch ein Biobetrieb ist auf Effizienz getrimmt. Eine Hühnerhaltung wie die Werbung suggeriert, ist beim derzeitigen Eierpreis schlichtweg nicht ökonomisch. Sinkt die Legeleistung, wird der gesamte Bestand ausgetauscht. Selbst die beste Eierlegerin hat keine wohlverdiente Regenerationsphase zu erwarten.
Vom Subjekt zum Objekt
Wie kann Mensch einen solchen Umgang mit Tieren zulassen? Das Geheimnis ist wie sooft: Das Tier wird verdinglicht. Somit verdrängen wir seine Bedürfnisse und stellen die Leistung in den Vordergrund.
Wir züchten Tiere, die kein Sättigungsgefühl mehr haben und so schnell Brustfleisch ansetzen, dass die Läufe unter dem schweren Körper einfach abbrechen. Oder Hennen, die fast täglich ein Ei legen (müssen). Wir haben längst vergessen, dass ein Ursprungshuhn nur 20 Eier im Jahr legt – nicht im Monat. Durch die Verdinglichung wird dem Tier die Persönlichkeit genommen, der Lebensrahmen umgedeutet und die Vorzeichen neu definiert. Das Tier als kapitalistisches Objekt muss nach ökonomischen Prinzipien laufend optimiert werden. Es ist da um zu liefern. Das ultimative Nutztier.
Verantwortung übernehmen statt Schuld zuweisen
Nach einer solchen Dokumentation wird schnell Unmut laut und die Schuldigen sind rasch gefunden. Doch was wir uns vielmehr fragen sollten ist, was es für uns Menschen heißt, wenn wir Ausbeutung – egal ob an Tieren oder anderen Teilen der Gesellschaft (Frauen, Kindern, Minderheiten) einfach so hinnehmen.
Das Argument der Wirtschaftlichkeit kann doch nicht dafür ausreichen, dass wir Tiere ausbeuten und entsorgen, sobald sie nicht mehr rentabel sind. Doch warum schauen wir diesem Unrecht zu, ohne zu rebellieren?
Meine Erklärung ist folgende: Wir befinden uns in einem gesellschaftlichen Dilemma. Wir verlieren das Verständnis von Solidarität und ergeben uns zunehmend einem neoliberalen Individualismus. Als Individualisten betrachten wir uns nicht mehr als Kollektiv, sondern als Einzelkämpfer. Wir fühlen uns in unserer Selbstverwirklichung zwar mächtig, verlieren dabei aber die gesellschaftliche Handlungsfähigkeit. In der Arbeitswelt oder dem gesellschaftlichen Zusammenleben merken wir die fehlende Verantwortung ebenso. Einerseits betreiben wir Raubbau am eigenen Körper um im Dienste eines Geldgebers Funktionen zu erfüllen, andererseits sind wir durch das Streben nach noch mehr Individualität nicht mehr in der Lage, gemeinsam gegen diesen Raubbau anzukämpfen. Es geht nicht um Partikularinteressen, die sich je nach Zeitgeist oder politischer Couleur verändern, sondern um die Mechanismen der Unterdrückung, die unser Gemeinwohl gefährden. Abhängigkeiten jeglicher Form können uns alle treffen, wenn wir alle aus den Augen verlieren.
Die Hühnerhaltung ist nur eines der vielen Symptome, das beweist, dass es an Solidarität mangelt. Die Hühner werden es aber nicht von alleine schaffen, wenn wir die Stimmen nicht erheben. Es genügt nicht, BIO Eier zu kaufen. Es ist Zeit solidarisch zu handeln.

Artikelbild (c) Harald Stoiber

Kreative Eruptionen erschüttern Innsbruck

Was, wenn der Patscherkofel ausbricht? So richtig mit Rauch, Explosion und Lava? Dann ist zumindest die Seilbahn hin. Den Wintertourismus kann man vorerst vergessen. Der Wohnraum in Innsbruck wird nicht knapp, sondern reduziert sich auf die Fläche der höchsten Häuser im O-Dorf und des Hubschrauberlandeplatzes auf der Klinik. Wahlkampf muss man dann auch keinen mehr machen.
Aber wohin evakuieren wir uns? Es ist ja doch alles von Bergen umstellt. Da bleibt uns eigentlich nichts anderes übrig, als die Katastrophe über uns hinweg ziehen zu lassen. Oder todesmutig das überraschende Innenleben des Patscherkofels zu feiern – Verehrer der Berge (explodierend und nichtexplodierend), die wir unweigerlich sind.
Vergangene Woche wurde das Ferdinandeum gestürmt, um den wunderbaren Lokalmythos „Vulcania“ – wer kann sich nicht aus seiner Kindheit darin erinnern? – in einer modernisierten Fassung auf die Bühne zu bringen. Die Performer sind blackfaced wie in den guten alten Zeiten und mit schwarzem Lametta behängt wie Marylin Mansons Weihnachtsbaum. Im Publikum sauft man geschwärzten Marillenschnaps, der als Teil der Performance verteilt wird, und unterhält sich auf breitem Tirolerisch. Irgendwann sagt meine Begleiterin: „Das ist die Emma um 8 Uhr morgens.“ (Nur die Musik ist etwas besser)
Marko Sulz definiert mit wunderbar trashigem Ambient das Ambiente, während einige namhafte Damen aus der lokalen Off-Theaterszene das Publikum durch einen ebenso magischen wie irritierenden Abend geleiten. Nach Begehung des indigenen Fruchtbarkeitsritus am Fuße des erodierenden Patscherkofels, dargestellt in einer äußerst kunstvollen Videomontage, soll der Zuschauer die geheimen Hallen dieser über- (oder eigentlich unter-) irdischen Frauensekte begehen. Über die Vorgänge im Inneren des Berges möchte ich lieber schweigen, kann aber versichern: Es war noch um einiges mythischer, als den Schauplatz der Bergisel-Schlacht zu besuchen…
Inszeniert wurde das wilde Treiben von Transmedia-Künstlerin Nicole Weniger, die man als Konstante im Tiroler Kunstleben und vielleicht auch von ihrem Projekt „Guess what I wear under my Burka?“ her kennt. Ein Blick ins Portfolio verrät, dass sie für den Vulkan offenbar eine tiefere Leidenschaft hegt – und wehe, wenn die ausbricht.
Die dionysischen Lokalriten, die hier unter Anwendung von wunderschönen und das Verhüllungsverbot geradezu herausfordernde Kopfbedeckungen leicht entfremdet wiedergegeben werden, sind vermutlich das ethnologisch Interessanteste, was der Tiroler Markt derzeit zu bieten hat.
Wie bei vielem Neuen ist es auch bei „V U L C a N I a“ so, dass man vielleicht nicht versteht, worum es geht oder welchen Regeln dieses Spiel gehorcht. Aber wenn man sich einfach mal drauf einlässt, ist es so richtig schön.

Titelbild: (c) Nicole Weniger

Freitagsgebet #14: Soll Kunst finanziell gefördert werden?

Der rote Adler erscheint oft. Auf Flyern, Plakaten, Ausstellungskatalogen, Konzertkarten. Kulturförderung ist ein stiller aber gewaltiger Motor des geistigen Lebens inmitten der Alpen. Markus Abwerzger von der FPÖ sieht hier Reformbedarf. Im Standard vom 12. Februar 2018 sagt er: „Jeder hat einen anderen Kunstbegriff, daher bin ich für das amerikanische System, das mit privaten Geldern arbeitet. Bei der Förderung von Kunst und Ausstellungen hat die öffentliche Hand wenig verloren. Queere und feministische Kunst braucht aus meiner Sicht keine öffentlichen Gelder. Die Tradition und das gelebte Heimatbewusstsein in Tirol wollen wir hingegen fördern, weil es kulturstiftend ist und man damit die Masse erreicht. Der ideologische Stempel in der Unterscheidung zwischen Heimatbewusstsein und feministischer Kunst ist selbsterklärend.
TROTZDEM berührt Abwerzger eine Frage, die durchaus diskutierbar ist. In wie weit sollen Kunstprojekte aus öffentlicher Hand finanziert werden? Obwohl Abwerzger und die Kritische Theorie wenig gemein haben, in einem Punkt treffen sie sich. Ein nicht allzu kleiner Bereich in der Kunstszene wird vor allem von – sagen wir es einmal so – „Menschen mit mehr Geld am Konto“ betrieben. Einige Spielarten von Kunst und Kultur sind für das feinere Volk. Natürlich sei hier gesagt, dass es viele wunderbare Projekte und Veranstaltungen gibt, die ganz anders funktionieren. Dennoch, wer Vernissagen und Lesungen besucht kann sich des Eindrucks nicht ganz wehren, dass es manchmal schon etwas elitär zugeht. Da sitzt dann das Intellektuelle am Schoß der finanziellen Absicherung und philosophiert über das Präkariat des kontingenten Menschseins. Ein Lachsbrötchen fällt auf den Boden. Egal, der Putzdienst kommt nach Mitternacht und macht dann sauber. Hier muss ich sagen, dass mir Abwerzger – hätte ich die Qual der Wahl – doch lieber ist als die Tiroler Bourgeoisie, die sich gern auch als Kunstszene bezeichnet, Stichwort: Authentizität.

Titelbild: (c) Pexels

Der Erlkönig und der Wahrheits-Blogger aus dem Ötztal

Die Zustände in Erl seien unfassbar und unerträglich. Der Maestro sei insgesamt ein Zumutung, ein miserabler Dirigent und ein noch miserablerer Komponist. Dass er eine Vorliebe für gut gebaute blonde Frauen und diese auch zu privaten  „Einzelgesprächen“ auf sein graues Designer-Sofa eingeladen habe gilt den aufgebrachten Lesern, die es immer schon gewusst haben wollen, nach zwei Blog-Beiträge eines Ötztaler Schafbauern als erwiesen.
Denn der wilde Hund aus dem Ötztal sagt die Wahrheit. Weil ihm alles scheißegal ist. Dass er noch einen Job in einem Tiroler Medienhaus oder überhaupt eine Anstellung im heiligen Land Tirol bekommt scheint er für alle Zeiten abgehakt zu haben. Stattdessen übt er sich in Autarkie im schönen Ötztal und schreibt von Zeit zu Zeit, wenn die Missstände gar zu unerträglich werden, wie es tatsächlich ist unter der Oberfläche des scheinhaften Diskurses.
Der Ötztaler Blogger spitzt seine Feder nicht, er macht sie mit grobschlächtigen Mitteln zu einem brachialen Folterinstrument, das jeden zu Fall bringen will. In Tirol sind die Missstände so extrem, die Freunderlwirtschaft so unglaublich und die politischen Verzahnungen so unerhört, dass man diese nicht mehr Schritt für Schritt aufdecken kann. Journalistische Redlichkeit führt nur zur Weiterführung der Umstände.
Herr Wilhelm hat gehört und wieder was gehört von jemanden, der etwas gehört haben will. Diese gesicherten Informationen lässt er zu Blogbeiträgen gerinnen, die den „Erkönig“ als Vergewaltiger, Ausbeuter und Choleriker überführen. Dass er dabei immer im Wahren bleibt unterstreicht er mit der Unterüberschrift „Nichts ist erfunden, nichts ist dazugedichtet“. Die „Dichter“ und „Erfinder“, das sind die Anderen. Das sind die Tiroler Leitmedien, die dem Maestro, dem Baulöwen und ihren Untergebenen stetige „Hofberichterstattung“ angedeihen lassen.
Unter der Oberfläche der herbei geschriebenen Scheinrealität, in der Kuhn ein herausragender Dirigent und die Festspiele Erl das künstlerisch brillanteste Festivals Tirols sind, brodelt es schon seit langem. Glücklicherweise hat der Blogger aus dem Ötztal jetzt aufgeschrieben, was sich andere nicht zu schreiben trauen. Zum Glück hat er dabei die feine Feder wo auch immer gelassen und hat sich stattdessen eines Hammers bedient. Mit diesem hat er die Verkrustungen und Lügen schlicht und einfach weg geschlagen, damit man endlich als gelernter Tiroler und Verblendeter den Blick auf das Ungute, Wahre und Unschöne erhält.
Diesen Blick in die Abgründe Tirols hält natürlich nicht jeder aus. Eine Landesrätin sagt gar, dass sie den Wahrheits-Blog grundsätzlich nicht lese. Das Establishment bestraft den findigen Wahrheitssuche also nicht nur mit Klagen, sondern gar mit Ignoranz. Auch Journalisten, Teil des Systems und von oberster Stelle bestochen um zu lügen, sind skeptisch was die heilsbringenden Offenbarungen von Herrn Wilhelm betrifft. Nur ungern zitieren sie seine Texte, aus blanker Angst und vorauseilendem Opportunismus.
Dabei wäre die Welt doch eine Bessere, wenn wir dem Blog Ötztaler Herkunft mehr Glauben und Aufmerksamkeit schenken würden. Die Mächtigen wären endlich zu Fall gebracht, der Journalismus als maßgeblicher Baustein des Stillstands entlarvt. Wir müssten uns endlich nicht mehr mühsam mit Quellen beschäftigen, dürften mit Text-Bild-Verknüpfungen nach Belieben manipulieren und im betreffenden Einzelfall haremsartige Zustände suggerieren. Endlich nicht mehr beide Seiten anhören und zu Wort kommen lassen, endlich nach Gutdünken aufdecken ohne nach dem Morgen und nach der Substanz zu fragen. Es ist möglich, wir müssen es uns nur trauen. Eine neue Wahrheitskultur ist endlich denkbar geworden.

Im Salon #4: Höllenfeuer

Andreas Laun: Grüß Gott, haben Sie noch einen Platz für einen alten Jünger des Herrn?

Gebi Mair: Bitte, gerne … entschuldigen Sie, was meinten Sie mit jüngerem Herrn?

AL: Ich sagte, ich bin ein Jünger des Herrn.

GM: Was? Jünger als wer?

AL: Na, vom lieben Gott, ich bin ein Bischof der heiligen Mutter Kirche!

GM: Ach so, Sie haben für die katholische Kirche gearbeitet.

AL: Sie sind aber nicht oft in der Kirche, sonst würden Sie wissen, wer ich bin.

GM: Ähm, das ist jetzt sehr privat, so auf die Schnelle. Erst Mal: Mein Name ist Gebi Mair, ich bin Abgeordneter für die Grünen in Tirol.

AL: Was?! Die Grünen. Das ist ja die Homosexuellenlobby! Himmel Herrgott!

GM: So würde ich das nicht bezeichnen, aber es stimmt, dass sich die Grünen um die Rechte von Homosexuellen bemühen. Wenn Sie es wissen möchten, ich bin selbst homosexuell.

AL: Allgütiger, wissen Sie denn nicht, dass Sie sich das ewige Höllenfeuer zuziehen? Das ist schwere, sehr schwere Sünde, was Sie da tun. Da gibt es keine Erlösung für Sie.

GM: Danke, für diese charmante Erklärung. Ich bin mit meinem momentanen Leben sehr zufrieden und verzichte gerne auf Ihre Erlösungsangebote.

AL: Aber, mein Sohn, heute ist der heiligen Aschermittwoch. Knie dich nieder, bekenne deine Schuld und bereue dein ganzes Leben. Dann werde ich dich lossprechen von all deinen Sünden!

GM: Also wirklich! Und überhaupt sind sehr viele Geistliche in Ihrer katholischen Kirche selbst homosexuell.

AL: Die Kirche hat das immer, in ihrer gesamten heiligen Tradition, immer verurteilt.

GM: Werfen Sie doch nur mal einen Blick in die Klöster und Stifte.

AL: Wenn jemand Gelübde abgelegt hat, lebt er ausnahmslos enthaltsam, sonst muss er das Kloster sofort verlassen.

GM: Aber das stimmt ja nicht! Reden Sie mal mit Menschen, die aus dem Kloster ausgetreten sind, wie es die Äbte und Klösterbrüder intern mit Homosexualität halten…

AL: Das ist einzig die Hand Satans, die uns ständig auf den Endkampf der Kirche vor dem Zeitenende vorbereitet.

GM: Verstehen Sie mich nicht falsch, ich finde es schön, wenn sich zwei Klösterbrüder finden, von mir aus gerne auch im Kloster. Aber ich finde es furchtbar, wie die katholische Kirche und ihre Vertreter noch immer Homosexuelle diskriminieren, obwohl es eine Tatsache, dass viel nicht für Gott auf Frau und Kind verzichten, und das bis in die höchste Etage.

AL: Mmmmmh …. mmmmmmh …. Hölle, Hölle, Hölle.

Titelbild: (c) pexels

Plattenzeit #92: Grimes – Art Angels


Keine Kunst


Pop sei keine Kunst, weil die Kunstfertigkeit fehlt. Popmusik sei keine avancierte Stilrichtung, weil nach Schema F und mit vorgefertigten Mustern komponiert wird. Dass die 1988 geborene Göre Grimes, die ja eigentlich den schönen Namen Claire Boucher trägt, ihr 2015-Album „Art Angels“ nennt ist in diesem Zusammenhang durchaus als Provokation zu sehen.
Grimes verbindet damit aber auch und vor allem eine Kampfansage und eine Beweisführung zugleich. Pop ist Kunst. Denn Grimes mag viel und kann noch viel mehr. Auf „Art Angels“ findet sich zum Teil lupenreiner Pop, der auch der frühen Madonna gut zu Gesicht gestanden wäre. In diesen Songs ist ihre Stimme verspielt-kindlich und verführerisch-lasziv gleichermaßen. Auch eine gewisse Ironisierung der Eingängigkeit, der „Poppigkeit“, ist ihren Lieder oft anzuhören. Bemerkenswerterweise driftet sie damit aber nie in den den postmoderne „Ich-meine-es-gar-nicht-so-Gestus“ ab.
Dass das Fräulein Boucher spielen möchte ist allerdings evident. Sie spielt mit Erwartungshaltungen, schraubt, montiert und vereint Disparates. Dass sie eine geschickte Produzentin ist, die das Zepter fest in der Hand hält, ermöglicht dabei einen schlüssigen Gesamtentwurf. Der Popsong ist stets das Zentrum, doch diesen treibt sie hin bis zum Äußersten. Pop wird tatsächlich zur Kunst, weil sie ihn ernst nimmt und zugleich herausfordert.
Das heißt konkret: Sie überfordert das Format Popsong in keiner Sekunde. Die musikalische Basis ist simpel und eingängig. Kunst-Pop, der sich aus den Quellen der späten Beach Boys oder der mittelspäten Kate Bush speist und der mehr semiklassische Suite mit Pop-Elementen sein möchte als Musik für die Massen findet man auf „Art Angels“ nicht.
Den Songs zu folgen fällt nicht schwer. Dennoch sind die Zutaten gar nicht so leicht zu bestimmen. Hinter der zuckersüßen Fassade und der Zugänglichkeit lauert nämlich ein erstaunlicher Wildwuchs der Stile. Die gute Claire hat nicht nur ihre Madonna verinnerlicht, sondern kennt sich zweifelsfrei genauso gut mit den Methoden der gegenwärtigen elektronischen Musik aus. Das nutzt sie zu ihren Gunsten, macht kluge Songs, die aber immer nur so klug sind, dass sie für eine breitere Masse als gute Songs wahrnehmbar bleiben.


Fazit


Pop kann Kunst und kann Kunstfertigkeit. Spätestens mit „Art Angels“ hat man gute Argumente zur Hand um den ewigen Diskussion über „Plastikmusik“ zu begegnen und die Vorwürfe zu entkräften. „Art Angels“ ist ein kluges Stück Musik, das weder unter- noch überfordert.


Zum Reinhören




Titelbild: (c) John Biehler, flickr.com

Eine Öde an einen meist komplett beschissenen Tag


Dieser Text wurde zuerst in der UNIpress veröffentlicht


Das Problem mit den Erwartungen ist, dass diese Höllengeburten immer und immer wiederkehren. Eine wahre Heimsuchung der eigenen Hoffnung quasi. Klamm und heimlich schleichen sie sich in unsere Herzen und später in unsere Gedanken. Dabei verwenden sie eine solch gefinkelte Tarnung, dass es uns meist erst auffällt, wenn es zu spät ist. Das charakterisiert das Wesen der Erwartungen generell. Erst im Moment des Todes, wenn sie ohne große Vorwarnung platzen, erkennen wir ihr wahres Ich. Erwartungen verschonen dabei keinen unserer Lebensbereiche. Ob unter der Dusche, beim Blick nach unten, beim Frühstück, beim Gang ins Büro oder an die Uni, bei Kaffee am Nachmittag, beim ersten Date, beim Chillen auf der Couch oder abends im Bett – diese hinterfotzigen Wesen nisten sich ein, ob es uns nun passt oder nicht.

Doch gibt es Möglichkeiten diese Bälger des Gefallenen frühzeitig zu enttarnen? Folgen sie düsteren Gesetzen einer dunklen Natur, die uns erkennen lassen, wann und wie sich ein solches Monster von hinten anschleicht? Gibt es einen grauen Streifen am dunklen Firmament, der uns Hoffnung macht? Nein. Natürlich nicht. Erkennt ihr es nicht? Dieser graue Streifen ist nichts anderes als der dornenverseuchte Schwanz des Beelzebuben, der nur darauf wartet unseren geschundenen Rücken auszupeitschen. Während wir uns verzweifelt an die Hoffnung klammern und uns schon in Sicherheit wähnen, ist ein lauten Knacken zu hören. Wie wenn Knochen brechen. Es ist das Lachen des Antichristen, der sich amüsiert und sich an unserer Naivität labt.

Nein. Es gibt kein Entrinnen. Selbst der Gedanke daran saugt uns den letzten Hauch von Lebensenergie aus den Zellen. Er nährt das Böse, denn er gaukelt uns etwas vor. Das Leben ist kein planbares Konstrukt, das einer von uns erdachten Logik folgt. Das Leben ist ein ewiges Auf und Ab, ein Hin und Her. Es ist eine Brotteigmaschine des Seins, die uns unentwegt knetet, verdichtet und wieder lockert. Die uns Wasser übers Haupt gießt und uns fast zum Austrocknen bringt. Das Leben ist ein perfides Spiel. Eine Aneinanderreihung von Chaos und Zufall, die in einem solchen Tempo wiederkehren, dass wir glauben ein System erkennen zu können. Doch wenn wir zum Stift greifen, um die Gleichung zu lösen, wir auf dem X ein Unendlich-Zeichen und alles vermeintlich Greifbare löst sich in einem Hauch von Nichts auf.

Glück kann man nicht einfach heraufbeschwören. Glück ist die gleiche Illusion, das gleiche zarte Vöglein wie alles andere in unserem kurzen irdischen Leben. Das dritte Date wir nicht mit einem Kuss enden und die Schmetterlinge meiner ersten Jugendliebe wieder zum Leben erwecken, nur weil ich es mir so vorstelle. Genauso gut könnte das dritte Date auch im Krankenhaus enden, weil die Decke im Restaurant von exotischen Termiten zerfressen wurde und der wunderschöne alte Holzbalken aus dem 18. Jahrhundert meinem Gegenüber den Kopf gekostet hat. Ohne Kopf ist schwer küssen und ohne Mageninhalt schwer Schmetterlinge zum Fliegen zu bringen.

Wer alles auf einen Moment, auf ein Gefühl setzt, läuft Gefahr bitter enttäuscht zu werden. Das hat nichts mit Pessimismus zu tun – ein leeres Glas ist ein gutes Glas – es geht hier um eine Frage von Timing und Ungeduld. Wer nicht warten kann, braucht auch nichts zu erwarten. Wer nicht erwartet, der kann nur überrascht werden. Und sind Überraschungen nicht die schönsten Momente der Welt? Wenn Erwartungen die Kinder des Teufels sind, dann sind Überraschungen Geschenke des Himmels.

Was wäre also, wenn wir in diesem Jahr den 14. Februar einfach den 14. Februar sein lassen und unseren Liebsten/unsere Liebste am nächsten schönen Tag frühzeitig aus dem Büro, der Bibliothek oder dem Seminarraum abholen, durch den Hofgarten oder am Inn entlang spazieren und danach machen worauf auch immer wir gerade Lust haben. Das wäre überraschend. Sogar für dich, oder? Fröhlichen Giselastag (13. Februar!) allerseits …

Titelbild: (c) Zeitfixierer, flickr.com 

Freitagsgebet #13: im Ernst

Orgienkulte gab es schon immer und sie waren immer religiös. Ob nun mit Bacchus alias Dionysos, bei den römischen Saturnalien oder in den Chakra-Sexkulten des Dalai-Lama: Da blieb keine Körperflüssigkeit ungenutzt. Nun hatten Christen mit diesen Dingen offen gestanden ein Problem, doch es fand sich eine Lösung. Man könnte ja in ein anderes Ego schlüpfen. So wie der liebe Augustin schreibt, einmal ins böse Paralleluniversum der civitas diaboli springen. Alles mal ausprobieren, nix bereuen. Und wenn der Pfarrer am Aschermittwoch dazu aufruft, den bösen Menschen abzulegen, kann man das Kostüm ganz einfach wieder ausziehen, zurück ins gute Universum hüpfen, und der alte Brave sein, auf den die Mama so stolz ist. Das sagt doch ziemlich viel über den Menschen aus. Vielleicht sollen wir den Fasching doch ernster nehmen, als dieser selbst das will.

Titelbild: (c) Pexels

Innsbruck verliert eine wahre Größe

Sie war etwas Besonderes. Das klingt platt, ist aber die Wahrheit. Sie stand ihren Artgenossen, Berühmtheiten wie Idefix, Lassie oder Rex um nichts nach. Im Gegenteil. Ich kannte sie nicht gut, ich kannte sie eigentlich überhaupt nicht. Auch ich war für sie nicht mehr, als eine flüchtige Bekanntschaft, nicht mehr als ein Stuhlbein, das sich ab und an in ihr zweites Zuhause verirrte. Und doch war da diese unheimliche Vertrautheit – eine Verbindung, wie sie der gemeine Leser von einem guten Buch kennt. Wenn die Hauptfigur erst zu einer flüchtigen Bekanntschaft und später zu einem engen Freund wird, obwohl man einander nicht einmal die Hand geschüttelt hat. An dieser besonderen Verbundenheit trägt der Leser nur in den seltensten Fällen eine Mitschuld. Es ist immer das Gegenüber, das diese Beziehung ermöglicht. Sie war besser, als es der bemühteste Mensch je sein könnte. Sie gehörte zu diesem Raum, wie ihr knorriger Kompagnon und schelmischer Komplize. Sie war Teil des Charmes, Teil des Mythos und Teil der Stadt. Denn sie hatte stets ein offenes Ohr und war einfach da, wenn man einmal eine Kaffeelänge Auszeit brauchte, vom hektischen Alltag – der an ihr vorüber zuziehen schien, wie der Föhn über die Europabrücke. Nun ist sie davon gezogen. Fort und für andere da. Traurig und schön zugleich. Aber vor allem traurig. Die Stadt verliert eine wahre Größe. Gäbe es nur mehr Innsbrucker wie sie. Sapperlot!

Hier geht es zur vorherigen Folge von "Kleingeist und Größenwahn".

Im Salon #3: Bock auf Tour

UB: Huuuuu, huuuuuu, Dieter, Dieter, ich bin der Geist of Human Rights Past… huuuuu, huuuuu.
DE: Kruzifix nochamole, wer isch denn des jetzt?
UB: Ich bin’s, Ute Bock.
DE: I han globt, du bisch gschtorba???
UB: Ja, das bin ich. Aber, glaubst du, lieber Dieter, dass ich mich vor irgendeiner Grenze aufhalten lasse?
DE: Warum kusch jetzt usgrechnet zu mir ge Ems?
UB: Ich will dir Episoden aus deiner Vergangenheit zeigen, damit du dein Verhalten änderst!
DE: Jo, spinsch du, verschwind aus mina Stuba!
UB: Du lässt mir keine Wahl – so oder so, du gehst mit mir!
DE: Hilfe! Was passiert mit mir?
Alles hüllt sich in weißen Nebel.
UB: Weißt du, wo wir sind?
DE: Jo, mia sind im Jüdischa Museum z’Ems.
UB: Und kennst du den Mann dort?
DE: Jo, des isch da Hanno Loewy.
UB: Was macht er gerade?
DE: Er brölt grad.
UB: Und wieso?
DE: Wohrschinle, weil i zu eam gsed han, er sei an amerikanischer Exil-Jude und er heat sich ned in üsre Innenpolitik izmischa!
Ute Bock kramt ein zerflattertes altes Pinguin Classics von A Ghost of Christmas Past raus und sucht eine bestimmte Stelle.
UB: These are the shadows of things that have been. That they are what they are, do not blame me.
DE: Und was soll des jetzt hoaßa?
UB: Ach, vergiss es.
Plötzlich taucht ein gigantisches Geisterheer toter Mittelmeerflüchtlinge auf und singt im Chor Dies Irae von Mozart.
DE: Naaaa, mia sind verlora!!!
Plötzlich wacht Dieter Egger auf. Er befindet sich gerade im Büro des Innenministers H. Kickl und war kurz eingeschlafen.
HK: Und? Super Idee, Dieter, oder, was denkst du?
DE: Voll supa, dia Beschte, dia i je kört han!

Titelbild: (c) EARLIER.at, flickr.com