(c) Walter Klier

Wie es ist, wenn man alt wird

5 Minuten Lesedauer

Jetzt haben wir also „Fälle“ in St. Wolfgang am Wolfgangsee, zuerst 48, dann 53, jetzt 62. Oder waren es 63? Also wird getestet, und siehe da, es werden immer mehr Fälle. Ist das schon die zweite Welle? Oder noch die erste? Je mehr wir testen, desto mehr Fälle gibt es. Stirbt irgendwer von denen? Keine Ahnung, meistens wirft einem die Nachrichtenmaschine möglichst große Zahlen an den Kopf, und wenn sie nicht groß genug erscheinen, dann schalten wir kurz weiter in der Länder, wo das Böse regiert, also bekanntlich die USA, Brasilien, England. Und warum wir bis heute mit absoluten Zahlen traktiert werden, die im besten Fall besagen, daß in diesem Land viele Leute leben. Also die USA haben mehr Fälle als Liechtenstein. Warum muß ich mich auf diesem Niveau unterhalten? Keine gute Unterhaltung.

Es ist vollkommen gleichgültig. Wir werden uns daran gewöhnen müssen, daß wir jetzt im Lande, oder besser im Zeitalter des beliebigen Unsinns angekommen sind. Egal, was bisher geschah, egal, was geschieht, egal, ob es irgendeinen Konsens unter den „Experten“ gibt oder gar keinen, egal, was ein wichtiger, soll heißen regierungsnaher Experte gesagt hat oder sagen wird, egal, ob überhaupt jemand weiß, was da getestet wird, ob nicht alle diese Zahlen längst nur mehr die Fehlerquote der angewandten Tests ausdrücken.

Unter der sorgsamen Anleitung fast aller unserer Medien sammeln wir uns unter dem Schutzschirm, den unsere gute Regierung für uns aufspannt, und wenn jemand irgendwie, irgendwo da alles nicht so gut findet, dann ist er ein Querulant, ein Leugner, ja!, ein Obskurant, und wenn man im Gespräch mit irgendwem versucht, wenigstens ein bißchen mehr Klarheit darüber zu erlangen, was da, wissenschaftlich gesehen, eigentlich stattfindet, dann erlebt man in aller Kürze, wie es ist, wenn man versehentlich eine nicht mehrheitsfähige Meinung vertritt.

Eigentlich habe ich mein ganzes schreiberisches Leben unwillentlich-willentlich etwas außerhalb der Mehrheitsmeinung zugebracht, und im großen und ganzen bin ich damit durchgekommen, ohne Schaden zu nehmen. Es hat mich zeitweise sogar belustigt und jedenfalls nicht übermäßig gestört. Was ist da jetzt mit dieser neuen Seuche (der vierten oder fünften der modernen Seuchen, deren erste, publicitymäßig sehr gelungen, damals HIV/AIDS war), daß mich das so entmutigt, deprimiert, schlichtweg anödet?

Werde ich bloß alt? Der Verdacht ist nicht von der Hand zu weisen, schließlich habe ich das gesetzliche Pensionsalter erreicht und durfte feststellen, daß die damit befaßte Versicherung offenbar die größte Angst hat, daß ich ihr unversehens unter Hand wegsterbe und jemand anderer an meiner Stelle weiterhin (bis Ende nie) die opulente Pension bezieht und die allgemeinen Finanzen daran zuschanden werden. Jedenfalls habe ich zwei wirklich schöne, für jeden Freund der Bürokratie belebende, geradezu faszinierende Formulare unterschrieben. Noch vorher durfte ich einen ebensolchen Fragebogen ausfüllen, in dem lauter Sachen gefragt wurden, die meine Versicherung an sich längst wissen müßte. Wollten sie meinen Geisteszustand abtesten? Aber pensionsberechtigt wäre ich doch auch im völlig meschuggenen Zustand?

Wie dem auch sei, ich werde tatsächlich alt. Da geht es mir gleich wie allen anderen, und wie bei den meisten macht sich dieser Umstand in eben diesem Lebensalter erstmals deutlicher bemerkbar. Man geht zu sogenannten Gesundenuntersuchungen, aus denen man dann mit etwas wieder herauskommt, was „Werte“ heißt und weitere Untersuchungen nach zieht, Medikamente werden verschrieben, mit einem Wort, man nähert sich so allmählich der Startgeraden der allgemeinen Rutschbahn, man weiß, da gibt es noch ein paar Kurven, mehr oder weniger auf und ab, bevor es über kurz oder lang in die Zielgerade geht und dann ins nächste Leben oder wohin immer, das werden wir dann ja sehen.

Doch vorher darf ich mich noch eine zeitlang mit dem wirklich wichtigen Fragen beschäftigen wie der, warum jetzt plötzlich im Lebensmittelhandel wieder Masken zu tragen sind, nebenan im Gewandgeschäft aber nicht.

Walter Klier, geb. 1955 in Innsbruck, lebt in Innsbruck und Rum. Schriftsteller und Maler.
Belletristik, Essays, Literaturkritik, Übersetzungen, Sachbücher. Mitherausgeber der Zeitschrift "Gegenwart" (1989—1997, mit Stefanie Holzer). Kommentare für die Tiroler Tageszeitung 2002–2019.
Zahlreiche Buchveröffentlichungen, u.a.: Grüne Zeiten. Roman (1998/Taschenbuch 2014), Leutnant Pepi zieht in den Krieg. Das Tagebuch des Josef Prochaska. Roman, 2008. Taschenbuch 2014). Der längste Sommer. Eine Erinnerung. 2013.

1 Comment

  1. hallo walter,

    auf deinen teilweise „präpotenten überheblichen“ beitrag will ich nicht näher eingehen. nur so viel, ich will dir einen kleinen rat zukommen lassen: vergiss die niederungen des alltags, samt seiner formulare.
    wirf sie einfach weg. du kannst es dir als thoreau-waldbewohner und querschwimmer ohne weiteres leisten. in der abgeschiedenheit gibt es jede menge beeren, wölfe und biogemüse aus dem garten.
    in diesem sinne: freundschaft, sorry, das musste ich loswerden.

    ps: die afeu-pause finde ich sehr gut. möge sie lange andauern.
    elias

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