Bei Kolonnenbildung bitte Abstand halten

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6 Minuten Lesedauer
Petra Bork / pixelio.de

Es gibt diese eine Erfindung, die jedes Kind von klein auf das Fürchten lehrt. Schon aus der Behutsamkeit der Wiege heben wir unsere Sprösslinge empor, sind zu Tränen gerührt und appellieren an sie. Sie verstehen noch kein Wort, doch schon der Klang dieses Wortes lässt sie brüllen. Mahnmäler werden postiert. Anxiolytika sind die neue Volksdroge. Wir fürchten uns. Nachts schlafen wir nicht mehr, wir fühlen uns verfolgt, denn hinter der Kurve, der nächsten Ecke – könnte er dort sein? Wir sind auf der Hut, doch wir spielen uns was vor. Ja, er ist eine Innovation, die uns schreien lässt. Wir zucken schon zusammen, wenn wir nur seinen Namen vernehmen. Nur die Mutigsten wagen sich an seine Erforschung – und ja, selbst die Satire macht Halt, räumt den Weg und lässt passieren, wenn es um ihn geht. Sie wissen von wem ich spreche. Dem Schulterblick.
Eingewoben in den 3-S-Blick, fand er beinahe unbemerkt Einzug in unser Alltagsleben. Er ist nicht mehr wegzudenken. Auf dem Weg zur Arbeit, beim Autofahren, vor dem Zebrastreifen, ja selbst beim lasziven Blickwechsel prägt er uns. Fahrschulen befallen urbane Gebiete wie ein Krebsgeschwür. Man hört von Preisabsprachen. Doch wir vergessen dabei, worum es hier wirklich geht. Der Schulterblick, er sickert durch. Er wird zur Waffe. Wie Efeu befällt er rankend ganze Zivilisationen. Er pflanzt sich fort. Eine gesamte Generation droht ihm zu verfallen.
Ich ertappe mich schon beim Einkaufen, wie ich beim Regalwechsel nach dem Blinker suche und flüchtig über meine Schulter blicke. Ich will nicht, doch ich muss, denn ich bin schwach. In den Fahrschulen sprechen sie vom „toten Winkel“. Radfahrer könne man übersehen. Doch warum muss ich auf der Autobahn, auf der rechten Spur, beim ABFAHREN auf diesen beschissenen Schulterblick zurückgreifen? Wen soll ich da übersehen? Radfahrer? So ein Scheiß. Oder auf kreuzungslosen Landstraßen. Bullshit!
Ich leide schon im Schlaf. Schweißgebadet erwache ich stets während des gleichen Traumes: Es ist Nacht. Stockfinster. Nur das düstere Neumondgrinsen taucht die Straße vor mir in eine milchige Helligkeit. Es ist eine Autobahn. Ich bin alleine unterwegs. Ich fahre einen Dacia Sandero. Fifty/fifty-finanziert. Wie Sie sehen, ein Albtraum. Ich wage einen Spurwechsel, keine Ahnung warum, blicke kurz über meine linke Schulter – und siehe da, da passiert es. Ich übersehe die ungesicherte Radüberfahrt – vor mir auf der Autobahn. Ich vermag nicht zu bremsen.
Nur mit Mühe entfernt der Scheibenwischer die letzten Blutspritzer von der Windschutzscheibe. Ich halte nicht an, doch ich wechsle wieder auf die rechte Spur zurück. Während des Vollziehens des Schulterblickes übersehe ich eine vor mir liegende Einfahrt eines an der Autobahn liegenden Wohnhauses. Wie ein Rammbock durchstößt mein Dacia den herausfahrenden BMW. Deutsches Kennzeichen. Deshalb ungebremst. Ich konnte nicht reagieren, rede ich mir ein. Doch nun bleibe ich stehen, fahre mit Schulterblick an den rechten Fahrbahnrand. Verdammt! Ich übersehe das Park- und Halteverbotsschild. Oh, eine Zusatztafel. „Gilt nur für Dacia Sanderos, sofern fifty/fifty-finanziert.“ Agonie befällt mich. Ich wache auf.
Ich muss mich wehren. Der Schulterblick ist eine Pein der Neuzeit. Wie der Cookie, der nicht ins Milchglas passt. Wie das Spannbettlaken, das immerzu von der Ecke der Matratze rutscht. Wie das Bier, das im Plastikbecher serviert wird. Ich fordere Ungehorsam. Doch von wem? Diese Welt ist längst verfallen.
Es ist nur logisch, dass wir die Generation sind, die einheitlich über die Schulter blickt. Es wird uns gesagt, es wird uns befohlen. Und wir gehorchen. Wer will sich da wehren? Wer immerzu über die Schulter schaut, hat nichts zu befürchten. Man passt in die Maschinerie, wird zum Zahnrad, ganz konform und brav. Ja, der Schulterblick lässt uns auch nur realisieren, was wir eh schon wissen. Aber wir sind ja selbst Schuld. Die Demokratie, so wie wir sie betreiben, ist auch nur die Diktatur der konformen Interessen. So kommen eben die Fahrlehrer an die Macht, die für uns lenken, denken und über die Schulter blicken. Egal in welcher Farbe. Und ja, so ganz neoliberal motiviert, sind wir allem gegenüber offen, bewahren uns den freien Geist. So unbeschwert, so richtig haltungs- und meinungslos. Wir, die Bürger, das Volk. Und nickend werden wir lächeln, einheitlich bekleidet, während wir alle im Gleichschritt singen. Und auf Kommando werden wir wieder über unsere Schultern blicken.


2 Comments

    • Sehr schöner, den Zeitgeist zerstückelnder Lesestoff! Danke, Ruben.
      Und auch wenn ich meinen persönlichen Freiheitsbegriff weniger daran binde, inwiefern Außenstehende, der Staat oder gar Maschinen einen Eingriff in meine Handlungen tätigen, beziehungsweise, inwiefern sie mir bei gewissen Tätigkeiten auf die Finger schauen, finde ich besonders einen appellierenden Abschnitt sehr treffend formuliert:
      „Auch gegen das Vorhandensein moralischer Prinzipien ist nichts einzuwenden, im Gegenteil. Ich möchte ungern missverstanden werden, etwa als jemand, der sich für Kinderarbeit, gegen Nichtraucherschutz und für die NPD einsetzt. Es kommt aber, wie in der Medizin, auch beim Moralismus und bei der Risikovermeidung auf die Dosis an.“
      Wahre Worte.

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