(c) Helmuth Schönauer

Alles gleich, alles egal

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Wie weit musst du fahren, bis du was anderes siehst? 

Auf Google-Maps liegen die nächsten aufregenden Punkte jedenfalls in Norwegen, Schweiz, Serbien und Ukraine. Bosnien wäre sehr interessant, ist aber mit einem Gefahrenzeichen für Minen flächendeckend unterlegt. Und in Albanien sind die Hoxha-Iglus noch immer nicht als Weltkulturerbe eingestuft, sondern als gefährliches Kriegsrelikt.

Gut bemerkt! Du musst aus der EU hinausfahren, wenn du was anderes sehen willst. 

Nach ein paar Jahrzehnten siehst du in der EU überall das gleiche, weshalb ja auch die Kurzflüge verboten werden, weil du überall mit der Straßenbahn hinfahren kannst, um das Gleiche zu sehen.
(Außer du bist die Präsidentin der europäischen Kommission, dann fährst du zwischen Wien und Bratislava mit dem Flieger, während dein Staff und Stuff am Boden nachrollen.) 

Selbst die jüngsten EU-Mitgliedsländer sind schon alle über den Brüssel-Kamm geschoren, sodass höchsten ein paar Flecken in Bulgarien und Rumänien einen Besuch wert sind.

Diese Ausdruckslosigkeit quer über den Kontinent ist vielleicht für den Lockdown eine gute Kulisse, wenn alle freiwillig zu Hause bleiben, weil sie ab der Haustüre nichts Aufregendes mehr sehen wollen. 

Das letzte Mal ist diese Enttäuschung über Europa in der „Fünfzehner Migrationswelle“ aufgekommen, als überschaubare Gruppen nach Finnland und später über den Polarkreis gewandert sind, weil sie es nicht glauben konnten, dass das, was sie rund um Deutschland herum gesehen hatten, das verheißene Land sein sollte. 

Ein Blick in die Erasmus-Studiengänge zeigt, dass es sich nicht lohnt, irgendwohin zu fliegen, um das gleiche, was du am Innsbrucker Campus erlebst, auf Englisch in Edinburgh zu erleben.
Den Effekt, dass ein Studium auf Englisch einfach süffiger und liquider ist, kannst in Bozen und Klagenfurt genauso haben.
Beides sind übrigens hervorragende Universitäten, welche die Grundvoraussetzungen für ein Europäisches Studium erfüllen: Die Wohnungen sind unbezahlbar. Überall gibt es Coffee und Bachelor to go.

Die EU ist auf dem Weg in ihren Zerfall. Aber nicht wegen Nationalismus oder Uneinigkeit im Headquarter, sondern wegen der Monotonie, den dieser Kontinent an Kopf und Gliedern bei allen 447 Millionen Bewohnern auslöst. 

Andererseits sehen wir bei den Weinen und Käsen und anderen Lebensmitteln, die mit DOC abgesichert sind, dass du strengen Gebietsschutz machen musst, willst du ein Stück eigenen Geschmack oder Identität retten. Was will uns das sagen? ‒ Dass du nicht alles sagen darfst, was du denkst.

STICHPUNKT 21|82, geschrieben am 14.11. 2021

Geboren 1953. Ist seit Gerichtsverfahren 1987 gerichtlich anerkannter Schriftsteller, bis 2018 als Bibliothekar an der ULB Tirol. Als Konzept-Schriftsteller hält er sich an die These: Ein guter Autor kennt jeden Leser persönlich.

Etwa 40 Bücher, u.a.:
* Tagebuch eines Bibliothekars | Sechs Bände (2016-2019)
* BIP | Buch in Pension (2020)
* Nie wieder Tirol | Kampf-Roman (2018)Verniedlichte Höhe | * Das verflossene Jahr ist ein Gedicht mit abgehockten Nistplätzen (2020)

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