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Pint of Science Austria*) oder wessen Bier ist die Wissenschaft?

4 Minuten Lesedauer

Bringen Wirtshausgespräche nun den Österreichern die Wissenschaft näher?

Ich behaupte: Nicht die Wissenschaft hat ein Kommunikationsproblem, sondern Österreicher*in will von Besser-Wissern einfach nichts hören. Sagt zumindest eine Umfrage**).  Wenn bei der Forschung eine Teflonpfanne fürs Wiener Schnitzel herausschaut, okay. Das akzeptiert man. Aber mit Spitzfindigkeiten und mühsamen Nachweisen will man sich im Land der Vorurteile und des gesunden Menschenverstandes / des Bauchgefühls (Beispiel Schnitzel) nicht abgeben.

Und da kommt jetzt dieses „pint of science“ daher! Dabei bringt´s ein Bier nicht wirklich, wenn es ein englisches ist. Sprachlich wie geschmacklich eine Zumutung! Typisch Wissenschaft und Elite eben: kein Dialekt, keine Kraftausdrücke, stattdessen Fremdwörter! Ja, wo sind wir denn? Heißt´s jetzt bei uns Pint statt Seidl? Also wieder bloß so eine Insiderveranstaltung für die Elite! ***) Und „In-sider“ haben wir, das ein-heimische Volk, echt bis hierhin satt! Wenn, dann fordern wir ein klares, ein-seitiges, nicht ein in-sider Wissen!

Achtung! 2. Textversion — für die elitäre, wissenschaftsaffine Afeu-Leser* innenschaft:

Eine linguistische Analyse des Verhältnisses der Österreicher zu ihren Wissenschaftsvertretern.

Eigentlich müsste, wenn man den offiziellen Statistiken der Sprachwissenschafter glaubte, die Wortbildung „Wissenschafter“ in Österreich gegenüber dem „Wissenschaftler“ vorherrschen. Doch die Statistiken täuschen, da hier, so vermute ich, vor allem schriftliches Belegmaterial herangezogen wurde. Jedenfalls hört man im Alltag sehr viel häufiger, wenn nicht sogar ausschließlich, die Endung „-ler“ in der Bezeichnung für diese Berufsgruppe. (Die Sternchen und andere -Innen lassen wir diesmal weg, da zum Thema ausnahmsweise nicht von Belang.)

Tatsächlich passt die vorwiegende Verwendung „Wissenschaftler“ auch besser ins Bild, das uns die jüngste Eurobarometerumfrage zur Wertschätzung dieses Berufszweiges liefert. Denn dort rangiert Österreich bei allen Fragen leider auf den letzten Rängen, meist in Nachbarschaft zu Staaten, denen wir uns sonst intellektuell meilenweit überlegen fühlen.**)

Die ler-Endung hinter einem auf –schaft endenden Abstraktum hat sich in der Umgangssprache als Abwertung weiträumig durchgesetzt, am klarsten im österreichischen Begriff des „Gschaftlers“ im Gegensatz zum (zumindest von manchen) hochgeschätzten „Schaffenden“. Auch der „Schmähtandler“ oder der am Markt frierende „Standler“ bezeichnen Menschen, die im sozialen Ranking nicht sonderlich hoch stehen.

Die Bezeichnung „Wissenschaftler“ spiegelt deshalb die wahre Einstellung der Österreicher exakt wider. Die kleine Nachsilbe kann uns mehr als jede EU-Umfrage darüber Auskunft geben, wer in Österreich hohes und wer niedriges Prestige genießt:****)

Bei Wirtschaftern und Burschenschaftern sind wir nämlich im Gegensatz zu den anderen deutschsprachigen Ländern ganz klar ohne das abwertende -ler unterwegs. Auch der Genossenschafter unterscheidet uns von den anderen Ländern; wen wundert´s im Königreich von Raiffeisen, ÖVP und Verbindungsklüngeln? Zuzügler werden dagegen im ganzen deutschen Sprachraum mit Ausnahme der Schweiz sprachlich eher negativ bewertet. Auch das verwundert nicht wirklich. Dass aber sogar Zelter, die ich – als in Schweizer Nachbarschaft aufgewachsen — als Zeltler, also nicht so beliebte Billigtouristen, kennengelernt habe, in Gesamt-Österreich sogar höher als die Wissenschaftler stehen sollen, das tut dann doch weh, oder?

*) www.pintofscience.at/events/Innsbruck   Wissenschaftliche Biertischgespräche fanden vom 9. bis zum 11. Mai 2022 auch in Innsbruck statt.

**) Zusammengefasst auf https://www.derstandard.at/story/2000131037835/oesterreichs-fatale-wissenschaftsskepsis)

***) Das nur die englischsprachige Elite ergötzende Sprachspiel mit „point of science“ geht sowieso hierzulande ziemlich ins Leere.

****) Statistiken zu den hier genannten Varianten s. http://mediawiki.ids-mannheim.de/VarGra/index.php/

Geboren 1954 in Lustenau. Studium der Anglistik und Germanistik in Innsbruck Innsbruck. Lebt in Sistrans. Inzwischen pensionierte Erwachsenenbildnerin. Tätig in der Flüchtlingsbetreuung. Mitglied bei der Grazer Autorinnen und Autorenversammlung Tirol, der IG Autorinnen Autoren Tirol und beim Vorarlberger AutorInnenverband. Bisher 13 Buchveröffentlichungen.

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