(c) Helmuth Schönauer

Alpentoilette

5 Minuten Lesedauer

In loser Folge stellt das Alpenfeuilleton Ereignisse, Schicksale oder Gegenstände vor, die das Zauberwort „Alpen“ genetisch in sich tragen. 

Erstreisenden durch die Alpen fällt auf, dass auf den Parkplätzen die eine Hälfte mit zusammengepressten Beinen irgendwelche Verhütungsübungen macht, während die andere über die Böschung pisst. 

Da man als Einheimischer selten auf einen Autobahnparkplatz fährt, wenn man nicht gerade ein Koksgeschäft oder eine sexuelle Angelegenheit erledigen muss, kann man sich nur auf die transitierenden Erstreisenden verlassen, was jenes Thema betrifft, das grob mit Alpentoilette umschrieben ist. 

Und diese geben kaum glaubwürdige Schilderungen ab, entweder, weil sie zu erregt sind, weil sie gerade dem Piss-Tod ins Auge geblickt haben, oder aber aus sprachlicher Inkompetenz. Wer einmal einen Niederländer über das Schiffen hat sprechen hören, wundert sich nicht, dass deren Land so tief liegt, dass selbst die Pisse hochgepumpt werden muss auf Meeresniveau. 

Die Erzählungen über dieses Ausscheidungsphänomen in den Alpen sind sehr expressionistisch. Die Erzählenden nehmen meist die Pose aus dem Munch-Bild „Der Schrei“ ein, fassen sich zuerst an die Ohren, machen den Mund zu einem Loch, und fahren dann mit den Händen Körper-abwärts, um weiter unten die Pose zu wiederholen. 

Ausnahmsweise ist das Netz hier kein verlässlicher Partner, es gibt nämlich keinen Eintrag auf Wikipedia über diesen Begriff.Und auch die übliche Google ist ausgesprochen schwach im Angebot, indem sie ununterbrochen fragt: „Meinten Sie Welpentoilette?“ 

Tatsächlich sind die Alpen ein geologisch junges Faltengebirge, das weitläufig dem zerknautschten Gesicht junger Hunde entspricht, sodass man von Welpen sprechen kann, wenn man die Gesteinsmassen sieht.Vor allem die Durchziehenden wissen im ersten Augenblick nicht, ob sie in Verzückung ausbrechen oder den Tastsinn ausfahren sollen. So, wie man reflexartig einen Hund streichelt, wenn er jung und faltig ist, versucht man auch, das Gebirge zu streicheln, wenn es Welpen-Züge trägt.

Den stationären Alpenbewohnern freilich gehen die Alpen auf die Nerven wie die Karpaten den Karpatingern und die Anden den Andinnen. 

(Hier handelt es sich um Vorüberlegungen zu einem Wikipedia-Artikel, weshalb die Regel gilt: Wenn du wirklich gut genderst, kannst du auf die übrige Orthographie scheißen!) 

Der Wikipedia-Artikel über Alpentoilette wird eines Tages gleich aussehen wie jener von Alpen, so dass er sich gut verlinken lässt. 

Ein eigener Absatz wird sich freilich um jenes Phänomen kümmern, das Erst-Transiteure, Erst-Besteiger und Erst-Benützer von Gletscherliften gleichsam aus dem Nichts heraus überfällt:Kaum erfüllen sie sich den Erst-Herzenswunsch, müssen sie auch schon auf Klo. 

Die Autobahnbenützer berichten massenweise von ihrem Harndrang, kaum dass sie die Gesteinsschenkel von Kufstein sehen und unkontrolliert durch den ehemaligen Zollkanal nach Tirol einrollen. Nur die wenigsten schaffen es bis zur ersten regulären Urinierstation in Angath, den meisten geht es in die Hose, weshalb der erste Eindruck von Tirol immer ein unangenehmer ist. 

Ähnliches berichten auch Erst-Besteiger, die am Gipfel nichts anderes im Sinn haben, als schnell Wasser zu lassen, weshalb der Alpenverein auf den wichtigsten Gipfeln schon Dixis aufgestellt hat, in Kruzifixform, damit sie das Landschaftsbild nicht stören. 

Die Gletscherbahnen hingegen reagieren auf den Höhenunterschied, der den Gletscher-Gondolieri an der Bergstation das Wasser aus Augen und Blase treibt, mit überdimensionierten Pissoirs, die jenes Wasser, das soeben auf dem Berg angeliefert worden ist, binnen Minuten wieder zurückschicken ins Tal, um dort geklärt zu werden.Keinesfalls darf das Trinkwasser der Einheimischen nämlich mit dem Urinat der Touristen in Berührung kommen, weil das zu epidemischen Körperstörungen führen würde, wogegen es noch keine Impfung gibt. 

Das Anlegen eines Toiletten-Artikels in Wikipedia ist so kompliziert und umfangreich, dass zu überlegen ist, ob man nicht einfach eine semantische Veränderung vornimmt und zu den Alpen Welpen sagt. 

Man könnte die Google-Idee aufgreifen und zu allem Welpen sagen, was bisher ideologisch durch das Gesteinswort Alpen verstellt ist. 

Wir hätten dann einen Welpen-Hauptkamm, ein Welpen-Edelweiß, eine Welpen-Dohle oder Welpen-Flora.

Wahrscheinlich müsste man auch das Alpenfeuilleton umbenennen und es ist nicht sicher, ob alle Leserschaften mitgehen, wenn es plötzlich Welpen-Feuilleton hieße.

STICHPUNKT 22|37, geschrieben am 22. April 2022

Geboren 1953. Ist seit Gerichtsverfahren 1987 gerichtlich anerkannter Schriftsteller, bis 2018 als Bibliothekar an der ULB Tirol. Als Konzept-Schriftsteller hält er sich an die These: Ein guter Autor kennt jeden Leser persönlich.

Etwa 50 Bücher, u.a.:
* Tagebuch eines Bibliothekars | Sechs Bände (2016-2019)
* BIP | Buch in Pension | Drei Bände (2020-2022)
* Nie wieder Tirol | Kampf-Roman (2018)
* Antriebsloser Frachter vor Norwegen | Austrian Beat (2021)
* Outlet | Shortstorys zum Überleben (2021)

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