Unternehmer Alge: "Wir müssen endlich aufhören zu verhindern"

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Eine Eigenheit von Berlin scheint ihr Ruf als „Stadt der Gründer“, als „Stadt der Ideen“, als „Stadt der Umsetzer“, als „Stadt derer die sich etwas trauen“, zu sein. Auch in Innsbruck tut sich in der Gründerszene derzeit viel. Ein Food-, Soul-, Kultur-, Medien-Startup nach dem anderen schießt aus dem Boden. Innsbruck beginnt zu leben, sich zu entfalten und neu zu entdecken. Grund genug einmal genauer hinzusehen.
In den kommenden Monaten werden wir mehrere Jungunternehmer, Gründer und Startups besuchen und mit ihnen sprechen – über ihre Ideen, ihre Visionen, die Hürden und den Alltag. Zum Auftakt haben wir uns mit Wieland Alge unterhalten. Er war in einer Zeit Gründer, als in der rot-weiß-roten Alpenrepublik „Gründen“ noch mit „Scheitern“ gleichgesetzt wurde und Mütter ihre Kinder tunlichst davor warnten sich als Unternehmer zu versuchen. Heute ist Wieland Alge Ansprechpartner für viele Startups, Mentor, Ideengeber, Realist und Juror bei diversen Startup-Events und –Wettbewerben.
AFEU: Herr Alge, Sie waren zur Jahrtausendwende selbst Gründer. Sie haben also mittlerweile deutlich mehr als 10 Jahre unternehmerische Erfahrung. Welchen Rat geben Sie Menschen, die heute Gründen wollen?
Wieland Alge: Keinen. Ihr könnt von meinen Erfahrungen nichts direkt lernen. Tirol hat sich seit damals sehr verändert. Gott sei Dank.
AFEU: Was hat sich denn geändert?
Alge: Vieles. Auch wenn manche Dinge, wie die mühsamen Behördengänge, bis heute gleich geblieben sind und Gründen nach wie vor mit viel bürokratischen Hürden und Aufwand verbunden ist, hat sich die Stimmung geändert. Innsbruck ist cooler geworden, offener, mutiger. Auch Dank der Zuwanderung. Und zwar vor allem durch die Zuwanderung ausländischer Studenten.
AFEU: Inwiefern trägt diese Zuwanderung dazu bei, dass Tirol cooler, offener und mutiger geworden ist?
Alge: Das ist recht einfach erklärt. Wenn ich an dem Ort studiere, an dem ich geboren und aufgewachsen bin, dann bewege ich mich in meinem gewohnten Umfeld. Dann werde ich mich automatisch an dem Bestehenden orientieren. Wenn zum Beispiel mein Vater, meine Mutter, mein Onkel oder meine Tante bei einem regionalen Betrieb arbeiten und ich bekomme mein Leben lang mit, dass sie dort recht zufrieden sind, dann werde ich auch irgendwann einmal mit dem Gedanken spielen dort zu arbeiten. Auch wenn ich eine tolle Geschäftsidee habe, dann werden in vielen Fällen Bequemlichkeit und Sicherheit siegen.
Wenn ich aber in jungen Jahren in eine andere Stadt gehe und aus meiner gewohnten Umgebung ausbreche, dann bin ich erstmal auf mich alleine gestellt. Das beginnt bei der Wohnungssuche, beim Aufbau eines neuen sozialen Umfelds und endet bei meiner Jobsuche. Bis ich in meinem neuen Umfeld Sicherheit aufbauen kann, dauert es lange. Wieso also nicht Gleichgesinnte suchen und der eigenen Idee nachgehen? Von diesem Phänomen profitieren Innsbruck und letztlich auch ganz Tirol. Wenn ich Landeshauptmann wäre, dann würde ich im Herbst zu Semesterbeginn ein großes Antrittsfest für Auslandsstudenten organisieren.
AFEU: Wieso das?
Alge: Weil ich dann die Möglichkeit hätte ihnen danke zu sagen und ihnen den Standort Tirol schmackhaft zu machen. Ich könnte ihnen erzählen was für ein cooler Ort Tirol ist. Überhaupt einer der coolsten Orte – zum Arbeiten und zum Leben. Wo habe ich denn eine solche Mischung? Kaum irgendwo! Innsbruck hat den höchsten Studenten-Anteile im Verhältnis zur Einwohnerzahl im gesamten deutschen Sprachraum. So viele junge Menschen auf einem Haufen, die Nähe zur Großstadt München, zu Italien und die Landschaft – das ist einzigartig. Junge Leute die von außen kommen und Know-How mitbringen muss ich nutzen. Die Besten dürfen nicht gleich nach dem Studium wieder gehen – die müssen wir hier behalten. Das Know-How und die Energie darf nicht verloren gehen. Davon würde der gesamte Standort Tirol profitieren.
AFEU: Was müssen wir tun, um die zu erreichen? Ein Fest wird nicht reichen? Was muss passieren, damit Innsbruck, Tirol ein attraktiver Standort wird und die Leute hier bleiben.
Alge: Wir müssen endlich aufhören zu verhindern. Dann ist schon viel erreicht. In Tirol leben viele junge Menschen, nicht nur jene die von außen kommen. Junge Leute die tolle Ideen haben und etwas bewegen wollen. Aber unser System verhindert das. Die Hürden sind zu hoch. Und ich glaube, dass wir schon zu lange die falschen Geschichten über Tirol erzählen. In den letzten Jahren hat Tirol dank dem Tourismus viel Aufmerksamkeit bekommen und ist zu Wohlstand gelangt. Aber irgendwann ist eben jeder Berg zugebaut. Da gibt es kaum Entwicklungsmöglichkeiten mehr. Wir müssen beginnen langfristig zu denken. Wir müssen den Leuten neue Geschichten erzählen, darüber was sie erwartet, wenn sie nach Innsbruck kommen – nicht nur für ihren Urlaub, sondern für lange Zeit – nämlich Wirtschaft und Wissenschaft mitten im Naturschutzgebiet. Das ist vielleicht überspitzt formuliert, aber darauf läuft es hinaus. Tirol ist ein attraktiver Standort für Wirtschaft und Wissenschaft und das Mitten in dieser wundervollen Natur. Hier kann Kreativität entstehen und sich entfalten.
AFEU: Kann Innsbruck Berlin werden?
Alge: Ja, natürlich. Innsbruck hat alles, um das neue Berlin zu werden. Zwar nicht von der Größe her, aber was die Attraktivität angeht, dass junge Menschen, mit tollen Ideen, Mut und Kreativität hier bleiben wollen und hier etwas umsetzen wollen. Wenn ich in Berlin bin, dann habe ich zwar eine Szene und diesen Spirit, aber letztlich bekomme ich dort nur die Moderne. In Innsbruck kann ich, zwar in kleinerem Maße, das genau so haben. Aber noch dazu eben diese Lebensqualität, die es sonst an kaum einem Ort gibt.
AFEU: Kommen wir zur Abschlussfrage. Gibt es noch etwas, was Ihnen am Herzen liegt, was Sie unseren Lesern unbedingt mitgeben wollen?
Alge: Eines stört mich schon lange. Die Aussage – „Wirtschaft schafft Arbeitsplätze.“ Das ist totaler Unsinn. Nur Menschen schaffen Arbeitsplätze. Dessen müssen wir uns endlich bewusst sein. Das gilt einerseits für Menschen mit einer tollen Geschäftsidee und andererseits für jene, die die Umsetzung ermöglichen sollen. Wenn ich einen Traumjob habe, dann kann ich mir diesen heute selbst schaffen – ich kann Gründen und meine Idee umsetzen. Und wenn ich als politischer Entscheidungsträger will, dass sich in meiner Region etwas entwickelt, dann muss ich das unterstützen und ermöglichen. Dann muss ich den guten Leuten etwas bieten und sie ermutigen.
Anfang Juli haben die politischen Entscheidungsträger etwas dafür getan. Jungunternehmer in Österreich durften so richtig jubeln. Immerhin beschloss der Nationalrat am 7.7. einstimmig das neue Alternativfinanzierungsgesetz. Crowdfunding – Finanzierung über die Masse, sprich über mehrere Kleininvestoren, hat nun auch in Österreich eine solide rechtliche Basis und wird dadurch deutlich erleichtert. Dies ist ein weiterer Schritt in Richtung unternehmerisches Österreich.
In Innsbruck/Tirol hat sich auch schon vor diesem Gesetzesbeschluss einiges getan. Wer es genauer wissen will, liest in den kommenden Monaten ALPENFEUILLETON. Wir werden berichten. Von (jungen) Menschen die ihre Ideen umgesetzt haben oder gerade dabei sind diese umzusetzen. Innsbruck beginnt zu leben und sich zu entwickeln. Wir schreiben. Über jene die sich trauten.

Wieland Alge ist CEO EMEA von Barracuda Networks und unter anderem Mitglied im österreichischen Datenschutzrat. Der promovierte theoretische Physiker (Universitäten Innsbruck und Graz) war Mitbegründer von Phion, welches er auch bis zum Börsengang begleitete. Zudem ist er leidenschaftlicher Rugbyfan und großer Irland-Liebhaber.

Ein Leben zwischen Schreibmaschine und Fußballplatz. Eigentlich Betriebswirt. Heute mal Autor, mal Sportmanager. Hat das ALPENFEUILLETON ursprünglich ins Leben gerufen und alle vier Neustarts selbst miterlebt. Auch in Phase vier aktiv mit dabei und fleißig am Schreiben.

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