Franui in Sillian: Heimat, anders

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Ich habe Franui jetzt schon mehrmals bei einem ihrer Konzerte erlebt und hatte auch schon das Vergnügen Andreas Schett, Mastermind hinter Franui, zu interviewen. Vor allem durch das Gespräch mit ihm bin ich dazu gekommen anzunehmen, dass es bei Franui primär um Doppelbödigkeit geht. Darum, dass Franui auf zwei, vermutlich sogar auf drei verschiedenen Ebenen funktioniert und dabei nie ganz klar ist, auf welcher Ebene man sich gerade befindet. Das Konzert in Sillian das am 02.01. stattfand öffnete dieser Interpretation jedenfalls Tür und Tor.
Vielleicht lässt das Phänomen Franui und dessen Komplexität schon anhand des Publikums verstehen, das sich in Scharen in Sillian in Osttirol einfand. Diese Mischung von alt und jung, zwischen ländlich und hochgradig urban findet sich sonst so nirgendwo. Vom „einfachen“ Bauern aus Innervillgraten bis hin zum extra angereisten promovierten Philosophen aus Wien fand sich an diesem Abend in Sillian so gut wie alles wieder. Und alle schienen sich auf Franui einigen zu können. Ein Kunststück, das nicht vielen gelingt. Der Musicbanda Franui gelang es an diesem Abend mal wieder spielerisch.

Franui in Sillian. Volles Haus!
Franui in Sillian. Volles Haus! (Bild: Franui)

Woran es lag? Vielleicht lässt sich das Phänomen Franui fassen, wenn bewusst auf die Beschreibung der wie immer exzellenten musikalischen Ebene vorerst verzichtet wird. Es muss nicht mehr gesondert hervorgehoben werden, dass bei Franui Vollblutmusiker am Werk sind, die hoch musikalisch die Grenzen zwischen Volkskultur und Hochkultur niederreißen und eine höchst interessante Hybridform erschaffen, die sich um solche Unterscheidungen gar nicht mehr kümmert. Neu zusammengesetzt, untereinander und nebeneinander, funktionieren diese Ebenen plötzlich gemeinsam, sie befruchten sich gegenseitig und feiern gut gelaunt fröhliche Urständ.
Allein wenn Andreas Schett die Bühne betrifft lächelt und lacht schon der halbe Saal. Wenn er dann in breitestem Villgrater-Dialekt anmerkt, dass man sich früher Gedanken gemacht habe, jetzt aber nicht mehr, dann tut es der ganze. Danach stürzen sich Franui in ein hoch komplexes aber offenbar für eine breitere Masse durchaus zugängliches musikalisches Gebräu, in dem sowohl Mahler als auch Schubert als auch das Volkslied von nebenan Platz finden. Die musikalische Sprache ist hoch differenziert und speist sich aus disparaten Quellen, die bei Franui aber niemals widersprüchlich wirken.
Franui: Heimat, Verwurzelung, Grenzenlosigkeit
Eine mögliche Faszination von Franui könnte damit wie folgt beschrieben werden: Die Sprache von Andreas Schett auf der Bühne inszeniert Einfachheit, Bodenständigkeit, Herkunft und Heimat. Er erhebt seinen Dialekt zu einer Art Kunstsprache, überspitzt sie und bringt sie damit auf den Punkt. Damit ist es ihr möglich zugleich die Sprachlosigkeit derjenigen zu thematisieren, die ihr Leben ausschließlich in Innvillgraten verbracht haben als auch die Schönheit dieses Dialektes hervor zu streichen.
Seine Bühnenfigur suggeriert Verwurzelt-Sein in der Region, ganz so als gäbe es nur Innervillgraten und irgendwo da draußen die große weite Welt, die merkwürdig fremd bleibt. Dass Andreas Schett seit Jahren in Wien und teilweise auch in Innsbruck lebt gibt der Sache wiederum eine andere Wendung. Schett inszeniert sich als Verwurzelten bei gleichzeitiger Entwurzelung. Er nähert sich dem Dialekt und der Heimat aus einer Art von Außenperspektive an, versucht diese mit seinem komödiantischen Talent zu fassen.
Franui nach dem Konzert. Publikum glücklich. Franui auch. Gut so. (Bild: Franui)
Franui nach dem Konzert. Publikum glücklich. Franui auch. Gut so. (Bild: Franui)

Die Musik ist dabei eine klar ausformulierte Utopie jenseits von Herkunft, Heimat und Verwurzelung. Dabei spielen aber all diesen Aspekte und Ebenen eine Rolle. Sie werden nicht suspendiert, sondern in neue Zusammenhänge gestellt. Ebenen wie „E“ und „U“ spielen dann kurzerhand keine Rolle mehr. „Franui“ sind ebenso so sehr Osttirol und Innervillgraten wie sie Wien und die ganze musikalische Welt sind.
Vielleicht ist es also das, was Franui so auszeichnet und was das Publikum so bunt macht? Jeder findet sich in Franui wieder, kann sich mit Franui identifizieren und dann doch wieder nicht ganz. Einfach deshalb, weil sich Franui ständig entziehen, die Ebenen unklar sind. Das sind dann die Augenblicke, in denen der Wiener Professor genauso wie die Innervillgraten Bäuerin etwas in der Musik von Franui findet, das sie fasziniert. Manchmal mag das sogar die exakt gleiche musikalische Passage sein, die jeweils anders ausgelegt, gehört und verstanden wird.
Franui sind die musikalische Utopie einer Heimat, die Quelle und Wurzel ist und die zugleich keine Grenzen kennt. Heimat, anders. Niemand formuliert das derzeit überzeugender und vor allem musikalischer als Franui.

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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