Theater in der Gasse – Nervenkitzel, Lustspiel und Franz Posch

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Sommertheater in Tirol – eine nie enden wollende Geschichte vom Beten für trockenes Wetter am Tag der Vorstellung. Während viele Theater dann nur bei Schönwetter spielen können, hätten die Haller ja sogar eine stets trockene Ausweiche. Und so trudelten schon eine Stunde vorher besorgte Gäste ein, die sich wegen des augenscheinlich anbahnenden Gewitters um Informationen bemühten, wo denn nun heute gespielt werde. Da trotz Reservierung freie Platzwahl herrschte, splitt sich aufgrund der Ungewissheit um die Spielstätte so manch älteres Ehepaar zum ersten Mal seit dem Krieg, um ja auf beiden Standorten g’scheite Plätz zu bekommen.
DSC_0300Die Crew wirkte um 19:15Uhr noch sehr entspannt und so wurde provisorisch mal am Platz der Kassa und auf der Bühne ein Coca-Cola- und Fohrenburger-Sonnenschirm zum Regenschirm umfunktioniert. Als sich ab ca. 19:30Uhr die Akteure nun auch zurückzogen, öffnete die Kassa und das Buhlen um die besten Plätze ging los. So mancher Platzhirsch war nun überfordert und verwirrt: Eigentlich wollte er einen Platz in der ersten Reihe, aber sollte es regnen, wäre ein Platz in der letzten Reihe ganz praktischer, weil man dort den Regenschirm aufspannen kann, hörte ich ihn munkeln. Dann kam aber die Erlösung: Die Gassencrew verteilte durchsichtige Plastik-Ganzkörper-Kondome als Regenschutz, wie man sie von diversen Outdoor-Sommerevents kennt. Aber das Haller Publikum ist anscheinend schon zu kleinen Teilen dem Nachhaltigkeits-Öko-Wahn verfallen und deshalb kamen nicht wenige Sommertheater-Veteranen in ihren eigenen Regensachen oder recycelten Ganzkörper-Kondomen vom Vorjahr in rot, gelb und blau – ich fragte mich, ob deren Mäntelchen aus der 10er-Fruchtpackung kommen, die bei Regen dann den Duft von Erdbeere, Banane und Blaubeere verbreiten. Aber bevor ich den Gedanken zu Ende denken konnte, erhob sich das gerade erst wiedervereinte ältere Ehepaar auf den besten Plätzen, weil der Haller VIP schlechthin kam – the one and only „Mei liabste Weiß“-Volksmusik-Guru Franz Posch. Dass man nur wenige Meter vom Haller TV-Star sitzen durfte, verschaffte der reifen Dame einen Glückshormonschub, wie sie ihn seit Jahren nicht mehr erlebt zu haben schien.
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Als nun auch der Posch Franz saß – auf einem unspektakulären Platz in der vorletzten Reihe – ging das muntere Treiben auf der Bühne los. Mit kreativ launigen Gesängen wurde die Atmosphäre geklärt. Die Handlung war schnell klar: Das Gerücht geht um, dass ein Finanzprüfer kommt. Daraufhin wird ein Gauner, der schon seit Längerem in der Stadt ist und keine Rechnungen bezahlt für den Inkognito-Spion des Staats gehalten und die ganze Stadt steht Kopf. Von der noch nicht geouteten lesbischen Kuratorin bishin zum Richter mit Hündchen versuchen sich alle Charaktere von ihrer Schuld freizukaufen. Als der Gauner dann alle Dorfbewohner ausnutzte und Massen an Geld besitzt, macht er sich mit seinem Diener aus dem Staub. Die Einwohner versammeln sich und ein Brief enthüllt die wahre Identität des Nicht-Finanzprüfers.
Intellektuell gesehen also ein heiteres Stück für jedermann, das aber weniger mit Inhalt als mit klar konturierten Rollen, kreativen Musikeinlagen und akrobatischen Bühnenumbauten punktet. Dem Regisseur sei ein Lob für die klare Rollenarbeit bei jedem Einzelnen auszusprechen. Da ist es dann auch verziehen, wenn nicht jede Pointe zu 100% sitzt oder so manches Bierbauchkostüm ein perlweißer Polster ist, der andauernd hervorschaut und fast schon ein Gag für sich ist – Adieu, adieu, adieu!
Nach dem unterhaltsamen Sonntagabend in Hall noch auf ein Bier zu gehen ist aber schier unmöglich. Trotz sommerlicher Temperaturen ist die Innenstadt tot und man hört auf dem Heimweg nur noch das ältere Kunstkritiker-Ehepaar fachsimpeln: „Gut dass sie in der Gasse gespielt haben und das Wetter einigermaßen gehalten hat! – Drinnen hätte es NIE so gewirkt“– Und ich mein, der Posch Franz war da – dann muss es ja gut sein, oder?

 Weiter Termine der Haller Gassenspiele:
23., 24., 26., 29., 31. Juli und 1., 2., 5.–8. August
Titelbild: (c) Haller Gassenspiele / gassenspiele.at

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