Selfies aus den 70ern

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Das Selfie ist eine Ausgeburt des Internetzeitalters – diese Behauptung stimmt so nicht ganz. Denn es waren seit jeher die Künstler und später besonders Fotografen, die ihr eigenes Gesicht und ihr Äußeren im Spiegel untersuchten und bereits in ihrer Ausbildung intensiv versuchten, dieses auf ein Bild zu bannen. Damals bedeutete das aber nicht, sich mit Duckface der Öffentlichkeit preiszugeben, wie Kim Kardashian es heute so bravourös meistert. Vielmehr müssen die künstlerischen, gemalten und fotografierten Selfies aus früherer Zeit von einer anderen Warte aus gesehen werden.
Eine Möglichkeit sich von einer ganz bestimmten Richtung der Thematik selbst ein Bild zu machen, bietet derzeit die Institution KunstmeranoArte in Meran, Südtirol. Eine kleine Einrichtung inmitten der Kurstadt, die für die kulturelle Szene in Südtirol immer wieder Überraschungen in Form kleiner, feiner und wohldurchdachter Ausstellungen der großen Namen der Kunstwelt bietet. So geschehen auch Ende Juni als die Ausstellung von Francesca Woodman und Birgit Jürgenssen in Meran eröffnet wurde. Die Schau präsentiert einen Teil der Sammlung VERBUND, der sich mit feministischen Positionen der 60er und 70er Jahre beschäftigt. Eine große Anthologie wurde diesem Thema bereits im Frühjahr 2015 in der Hamburger Kunsthalle ausgerichtet.

Birgit Jürgenssen, FRAU, 1972 © Estate of Birgit Jürgenssen / Bildrecht, Wien, 2015 / Sammlung Verbund, Wien
Birgit Jürgenssen, FRAU, 1972 © Estate of Birgit Jürgenssen / Bildrecht, Wien, 2015 / Sammlung Verbund, Wien

Die Sammlung VERBUND bietet also unterschiedliche Positionen, die zum Thema der weiblichen Perspektive auf die Kunst aus den Vollen schöpfen lässt. Es waren dies allesamt Künstlerinnen, die sich der männerdominierten Welt entledigten mithilfe ihrer eigenen Körper und der selbstbewussten Darstellung als Frau. Kuratorin Gabriele Schor hat sich in Meran dafür entschieden, zwei außergewöhnliche Persönlichkeiten dieser Strömung der 70er Jahre zu zeigen: Francesca Woodman, amerikanische Ausnahmekünstlerin, die nach kurzem Studium und intensiver Schaffensphase 1981 Selbstmord beging und Birgit Jürgenssen, österreichischer Herkunft mit ebenso aussagekräftigen Arbeiten, die das Thema Frau und deren Rolle in der Welt endgültig in den Mittelpunkt rücken.

Die Frau als selbstbewusste Tabubrecherin

Unter dem Titel Feministische Avantgarde werden jene Künstlerinnen der 70er Jahre zusammengefasst, die sich mit der Rolle der Frau in Gesellschaft und Kunst und der Erfahrung des eigenen (weiblichen) Körpers auseinandersetzen, um den Blick auf diesen zu modifizieren und die grundsätzliche Versehrtheit des Seins zu thematisieren. Der Zusatz feministisch, der heutzutage durchaus konnotiert ist, bietet in den 70ern erstmals einen Weg zum Aufbruch und zahlreichen Künstlerinnen beschäftigen sich intensiv mit diesen, für sie grundlegenden Untersuchungskategorien. In dieser Zeit entstanden vor allem performative Arbeiten, die Aktion vorsahen, so wanderte etwa VALIE EXPORT mit einem geschlossenen Karton vor ihrer nackten Brust durch Wien und rief Männer dazu auf in dieses „Tapp- und Tastkino“ hineinzufassen, was viele Männer bereitwillig machten, wodurch sie es allerdings auch schaffte, auf die oftmals sexualisierte Rolle der Frau in der derzeitigen Filmindustrie anzusprechen und den dadurch entstehenden Voyeurismus bildlich vor Augen zu führen. Natürlich brach sie damit 1968 auch Körpertabus.

Die Inszenierung des Selbst im Dienste gesellschaftskritischer Themen

Bei den beiden in Meran vorgestellten Künstlerinnen arbeiten auf einem gleichen Feld, wenn auch etwas subtiler.

Francesca Woodman, Untitled, Providence, Rhode Island, 1976/1999 © Courtesy George and Betty Woodman, New York / SAMMLUNG VERBUND, Wien
Francesca Woodman, Untitled, Providence, Rhode Island, 1976/1999 © Courtesy George and Betty Woodman, New York / SAMMLUNG VERBUND, Wien

Außerdem lässt sich durchaus eine Unterscheidung der beiden Auffassungen erkennen: Francesca Woodman nimmt ihren Körper unter die Lupe und verletzt sich dabei auch, um damit ihren Anspruch auf ihren Körper geltend zu machen. Sie bewegt sich frei im Raum und sammelt sinnliche Erfahrungen, untersucht dieses Verhältnis in zahlreichen Variationen. Birgit Jürgenssen, mit österreichischen Gegenspielerinnen wie die eben erwähnte VALIE EXPORT, tritt bereits durchaus selbstbewusst als Künstlerin auf und beginnt mit Sprache einen Dialog mit dem Betrachter. Ihr Körper wird dabei zur Projektionsfläche für gesellschaftlich relevante Themen. Beide Künstlerinnen vereint jedoch die hauptsächliche Beschäftigung mit dem Sein als Frau, sie inszenieren sich. Und beide arbeiten sich an ihrem eigenen Selbst ab.

Was bedeutet Selbstinszenierung heute?

Das Selfie stellte sich damals also noch in den Dienst der Gesellschaftskritik, welchem Zweck unterwirft sich dieses Genre heute? Diesen feministischen Diskurs bei dieser Frage im Hinterkopf zu behalten, ist bei der Durchsicht heutiger, kommerzieller Selfies natürlich besonders spannend, besonders auf die etwas fragwürdige Rolle umgemünzt, die die Frau in dieser Hinsicht spielt.

Birgit Jürgenssen, Ich möchte hier raus!, 1976 © Estate of Birgit Jürgenssen / Bildrecht, Wien, 2015 / Sammlung Verbund, Wien
Birgit Jürgenssen, Ich möchte hier raus!, 1976 © Estate of Birgit Jürgenssen / Bildrecht, Wien, 2015 / Sammlung Verbund, Wien

Nicht nur inhaltlich, sondern auch auf technischer Basis sind die Ablichtungen der beiden Künstlerinnen hochinteressant. Dabei sticht besonders Woodman hervor, die es mit Doppel- und Langzeitbelichtungen schafft, ihren Arbeiten eine ungewöhnliche Atmosphäre zu verleihen. Jürgenssen auf der anderen Seite hat es dabei bewerkstelligt, ihrer Vorstellung auch eine bildnerisches Äquivalent in Form von Malerei oder vielmehr Zeichnung gegenüberzustellen. Außerdem beruft sie sich auch auf skulpturale Einflüsse, wie an ihrer Bearbeitung unterschiedlicher Schuhe aus verschiedensten Materialien zu sehen ist.
Jürgenssens Werk ist damit natürlich vielfältiger, wobei sie auch auf eine längere Schaffenszeit zurückblicken kann: die Österreicherin verstarb 2003 in Wien. Was bei Francesca Woodman wohl außerhalb des poetischen Oeuvres ihrer „Selfies“ noch entstanden wäre, verbleibt wie auch ihr zerbrechlicher Körper in so manchen Fotografien im Dunkeln.
Francesca Woodman, Untitled, Rome, Italy, 1977–1978/2006 © Courtesy George and Betty Woodman, New York / SAMMLUNG VERBUND, Wien
Francesca Woodman, Untitled, Rome, Italy, 1977–1978/2006 © Courtesy George and Betty Woodman, New York / SAMMLUNG VERBUND, Wien

Die Ausstellung ist von 27. Juni bis 20. September 2015 im KunstmeranoArte in Meran, Südtirol geöffnet.
Titelbild: Francesca Woodman, Untitled, Providence, Rhode Island, 1976/1999 © Courtesy George and Betty Woodman, New York / SAMMLUNG VERBUND, Wien

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