Wenn es Sterne auf die Kulturbanausen regnet

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Viele finden es noch immer humorig, bei Regenschauern unter den Schirm oder unter die Arkaden zu wechseln und bei schlechter Optik weiter zu genießen – und das, obwohl das Open Air Kino aus einer Zeit stammt, als es noch sauren Regen gab. Mit den besten Kinoklassikern sotto le stelle wird immer noch geworben, obwohl sich die Zahl der Nächte, in denen man tatsächlich Sterne sehen kann, in einem Tiroler August sonst an einer Hand abzählen lassen. Doch der Enthusiasmus ist ungebrochen, nicht zuletzt bei den Cineasten, denen es schon mindestens einmal übel auf die Selbstgewuzelten geregnet hat. Open Air Kino ist ein Kult. Ein soziales Ritual mit eigenen Regeln und einer eigenen Sprache. Zum Vollmitglied wird man mit Regenwasser und Bier getauft, wenn man von T2 Trainspotting (21. August) nur die Hälfte mitbekommt, weil das Planespotting so sehr abgelenkt hat.
„Wieso das alles?“, könnte man als Advocatus advocati fragen, der hier gleich wieder verletzte Filmrechte und sonstige Verletzungsgefahr wittert. Ist das ganze nicht etwas überflüssig (im wahrsten Sinne des Wortes), wenn wir Film und Freiluftaktivität schön getrennt haben können?
Alles, was wir im Sommer im Freien tun und was dort nicht unbedingt hingehört, hat, mit der dauernden Gefahr, ganz heftig eingewaschelt zu werden, den Ruch des Abenteuers. Das brauchen die kulturfanatischen Städter von Zeit zu Zeit ganz besonders.
Weil wir Natur und Kultur selten zu gleichen Teilen ausgeliefert sind und sie normalerweise als Widerspruch begreifen. Das ist eigentlich sehr schade. Nichts geht über Lesen im Wald, Goa-Partys am Inn und The African Queen (16. August – wenigstens einmal Humphrey Bogart!) unter freiem Himmel.
Und ja, es stimmt. Die ästhetische Qualität eines Filmabends im Zeughaus lässt sich nicht zutreffend in Worte fassen. Wer noch niemals dort war, muss es unbedingt ausprobieren. Wer dort war und nicht mehr hingeht, kennt schon alle Filme, die gezeigt werden aus dem Leokino oder ist ohnehin einer unheilbaren Kulturlosigkeit verfallen. Entweder zieht er sich daheim am 13-Zoll-Bildschirm pixelige HBO-Downloads mit bulgarischen Untertiteln rein oder er fristet den frühherbstlichen Juli frei nach dem selbstgewählten Motto „Zurück zur Natur!“ vor einem Zwei-Mann-Zelt und wärmt sich gemütlich die Frostbeulen am Gaskocher.

Das Programm 2017

Wenn auch viele Klassiker aufgelassen worden sind – in meiner Garconniere trauern noch immer alle Casablanca nach – bleibt man doch zumindest den Kultregisseuren treu. Eines der ruhigen und nachdenklichen Highlights ist sicher Pedro Almodovars neuester Streifen Julieta (8. August), ein Mutter-Tochter-Psychogramm mit außergewöhnlich schönen Bildern. Woody Allen hat sich im letzten Jahr erbarmt und endlich beschlossen, Hollywood auch offiziell auf die Schippe zu nehmen: Café Society (4. August) ist also Film ebenso gediegen und erheiternd, wie er klingt.
Unter den Neuheiten ist Manchester by the Sea (29. August) ein Muss und auch geeignet zum Runterkommen, wenn man von La La Land am Vortag intellektuell verkatert ist. Wer es gerne romantisch hat, sollte sich in diesem Jahr eher an die Briten halten und sich den Abend für das das bezaubernde This Beautiful Fantastic (12. August) freihalten. 
Hell or High Water (15. August) ist dagegen eher was für die Hartgesottenen – No Country for Old Men reloadad, mit einem Chris Pine, der tatsächlich spielen kann. Mehr Mainstream wird nicht.
Weil das Open Air Kino immer auch politisch sein muss, finden sich im diesjährigen Programm zwei Migrationsfilme, einmal Welcome to Norway (3. August), einmal Die Migrantigen (6. August).
Denn auch das österreichische Kino soll in Gottes und Kaisers Namen ein wenig bedient werden und wird von Vor der Morgenröte (17. August) und Wilde Maus (27. August), also Josef Hader, vertretbar vertreten. Zu letzterem Termin reist der Meister persönlich an. Da geht es dann schon arg Richtung September, und wenn der Film-Hader am Ende kein begossener Pudel ist, ist es der echte Hader mit Sicherheit.
Und unter den „Last Films“ gibt es dieses Jahr tatsächlich zwei Pflichttermine: Come hell or high water, Zorba the Greek am letzten Abend darf man, wie in all den Vorjahren, niemals und unter keinen Umständen verpassen. Den tanzenden Anthony Quinn muss man sich schon aus Gründen des psychischen Gleichgewichts einmal im Jahr geben. Ebenso menschlich, politisch und zum augenblicklichen Klassiker erklärt ist Ken Loachs (angeblich) letzter Film I, Daniel Blake (10. August). Niemand macht sozialkritisches Kino, das zwischen Newcastle und Kreta eine solche Gültigkeit besitzt.
Dazwischen finden sich noch allerhand Nischenprodukte aus dem Indie-Kino (Paterson, 22. August), Klassiker (The Third Man, 9. August), solche, die es werden wollten (Lolita, 31. August) oder demnächst werden (Grand Budapest Hotel, 13. August). Wir sehen uns dann unterm Regenschirm!

Titelbild: (c) Daniel Jarosch

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