Wie viel Petticoat Lane geht (noch)?

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Sehr treffend gewählt war zumindest der Veranstaltungstitel: Eine schöne Anspielung auf die Lokalität, das traditionsreiche Zeughaus – und auch ein Programm: Da soll Innsbrucks Indie-Szene mal zeigen, was sie so alles auf Lager hat, in Vintage und zeitgenössisch.


Are you going to Innsbruck Fair?


Die Idee des „Fair“ ist eigentlich eine sehr schöne, im Alpenraum wenig verbreitete, dafür im angelsächsischen Raum umso beliebtere. Unterhaltung, Markt, Street Food und Begegnung mit (möglichst) Gleichgesinnten, das alles in sommerlicher Atmosphäre und auf engstem Raum: In den Londoner Spitalfields boomt so etwas seit Jahrhunderten, bei uns scheint es gerade erst anzukommen. Dass es zur Tradition wird ist nicht gesagt, aber hoffen kann man ja darauf.
Zunächst ist so ein „Fair“ eine schöne Gelegenheit für eher unbekannte Designer, Kunsthandwerker und Pop-up Stores, ihre Produkte an ein junges und konsumwilliges Publikum zu vertreiben – das am besten in Bio und Fairtrade, zumindest aber recycled und auf jeden Fall hand-made. Und erstaunlich, was sich da in Innsbruck so alles tut!
Von den größeren Labels war zwangsläufig NOWHERE sehr präsent, aber auch der charmante Endlich Store aus der unmittelbaren Nachbarschaft (Jahnstraße) hatte ein Ständchen aufgebaut. Dazwischen gab es viel Second Hand zu erwerben – nicht zuletzt eine Exklusivauswahl an Platten aus dem Downtown Sound Record Store.
Der kleine, aber feine Zeughaus-Vorplatz wurde also kurzerhand zum (Floh-)Markt umfunktioniert, während auf der Bühne fleißig die Akustikgitarre gespielt wurde – in wechselnder Besetzung. Ob der Hitze mussten die Künstler sich unter einem adretten Fohrenburger-Schirmchen halten, aber das war zumindest konsistent mit dem leicht improvisierten Touch der ganzen Veranstaltung.
Live-Musik als Hintergrund zum Shopping darf im Effekt durchaus nicht verachtet werden; zumindest sofern das Ganze nicht im Kaufhaus stattfindet. In diesem Fall konnten Unterhaltung wie Ware auch strengeren Qualitätsansprüchen genügen. Und wenn nicht – so ein bisschen Indie-Pop im Hintergrund stört den gepflegten Konsum nicht weiter.
Da durfte auch der (zumal in den Sommermonaten) omnipräsente Jo Stöckholzer mit Band natürlich nicht fehlen – wer noch nicht genug von ihm hat: Den nächsten großen Auftritt gibt’s beim Wiesenrock Festival im August.
Eine Überraschung dagegen war das Catering: liebe & lose sowie das Café Haepinest boten eine äußerst charmante Auswahl an sehr englisch anmutenden Häppchen und Gebäck feil (nur Pimm’s und Earl Grey haben gefehlt). Davon wollen wir demnächst viel mehr sehen und kosten!


Das Unterhaltungskabinett


Die eigentlichen Publikumsmagneten (so der Anspruch) spielten dann im Innenhof auf; Kinobesucher wissen, wie viele Innsbrucker da rein passen – eine ganze Menge!
Obwohl recht zahlreich erscheinen war das Publikum auch für die Hauptacts am Abend einfach zu klein; das hatte, wie man fairerweise sagen muss, vielleicht mit dem Regen zu tun. Vielleicht aber auch damit, dass das Abend- wie das Nachmittagsprogramm ein bisschen zu bunt zusammen gewürfelt war, um auch Leute anzuziehen, die an einem Freitagabend im Juli offensichtlich anderes und Besseres zu tun haben – was nichts über die Qualität der Shows aussagt.
Die Salzburger Steaming Satellites sind vielleicht nichts radikal Neues, nicht rasend originell, aber immer unterhaltsam und für ein gutes Konzert zu haben.
Recht vergnüglich kann man es auch mit Vaseva aus Innsbruck haben – manch einer kennt ihr äußerst stilvollen Auftritte in Vintage-Ästhetik (Sound und Styling) vielleicht aus Weekender & Co., wo sie immer wieder als local support herangezogen werden; das aber vielleicht nicht mehr lange, schließlich sind sie gerade dabei, selbst recht erfolgreich zu werden. Auch MOLLY (ebenfalls aus Innsbruck) können durchaus gute, wenn auch etwas versponnene Stimmung machen – ihr etwas altmodischer, aber sehr charaktervoller „Shoegaze / Dream Pop“, so die Eigenbezeichnung, stand damit in interessantem Kontrast zur militärisch geprägten Architektur. Ob Sänger/Gitarrist Lars Andersson mit Sound und Hairstyle absichtlich auf Jim Jarmusch anspielt, weiß man nicht – aber als Open-Air-Kino-Fan freut man sich natürlich darüber.


Fazit


Nicht alle gute Ideen lassen sich auf Anhieb optimal umsetzen – manchmal muss sich etwas auch erst etablieren. Das könnte durchaus für das Arsenal-Konzept gelten; zunächst blieb der Eindruck, dass hier alles, was Westösterreichs Indie-Kultur (und die ist bekanntlich in Inhalt und Qualität sehr vielfältig) so aufbringen kann, in einem großen Veranstaltungstopf zusammen geschmissen wurde. Die Einzelkomponenten waren zum größeren Teil durchaus genießbar, in dieser Kombination aber etwas schräg.
Der Vintage & Design Markt tagt immer wieder, und er ist immer wieder einen Besuch wert. Ihn als echten „Fair“ aufzuziehen und ein Erlebnis daraus zu machen, halte ich für einen genialen Gedanken – der vielleicht in diesem Fall noch nicht ganz konsequent durchgedacht war. Trotzdem hoffen wir vom AFEU auf eine Wiederholung – auf die Engländer ist ja bekanntlich kein Verlass (mehr).

Titelbild: (c) Verena Sparer

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