Plattenzeit #13: NAILS – You Will Never Be One Of Us

8 Minuten Lesedauer

Komplexität? Zum Teufel damit!


Es gibt Platten die machen und wollen viel. Stellen einiges mit dem Hörer und seinen Emotionen an. Langsame Passagen mit Chorgesängen möchten zu Tränen rühren. Blitzschnelle Knüppel-Passagen sollen die Wut anstacheln. Vertrackte Frickel-Minuten richten sich direkt an den Verstand und an die analytischen Fähigkeiten des Hörers. War das nicht gerade ein krummer Takt, den man so noch nie gehört hat? Nein, was das wieder für geile Akkorde und abgedrehte Skalen sind, die da zum Einsatz kommen!
Vereint eine Platte all das, wird sehr schnell von „progressiver Musik“ gesprochen. Musikalisch progressive Bands schöpfen sehr gerne aus dem Vollen der Möglichkeiten. Sämtliche Gehirnregionen sollen angesprochen werden. Wenn wir aber ehrlich sind dann gibt es nur wenige Bands, die diesen Mehr-ist-Mehr Anspruch überzeugend auf den Punkt bringen. Eine davon ist im Moment sicherlich HAKEN.
Die Band NAILS ist, unter obigem Gesichtspunkt, die „anti-progressive“ Band schlechthin. Seit drei Alben klingt sie fast gleich. Wenn man mal vom „Gesang“ des Frontmannes absieht, der über die Jahre immer mal wieder ein wenig zwischen gutturalem Brüllen und ohrenbetäubenden Kreischen variiert. Auf der aktuellen Platte „You Will Never Be One Of Us“ kombiniert er beide Techniken und Zugänge um den Zuhörern seine wutentbrannten, zornigen Texte um die Ohren zu hauen. Das war es dann aber auch schon mit dem Variantenreichtum.
Die Themen auf dem aktuellen Album sind, euphemistisch ausgedrückt, eng gefasst. Los geht es gleich mal mit dem Knüppel-Brecher „You Will Never Be One Of Us“. In diesem Liedchen heißt es sodann: „Fuck your trends/ Fuck your friends/“. Freundlich und diplomatisch hört sich anders an. Begleitet wird das alles von Gitarren, die sich nun wirklich nicht mehr mehr verzerren oder brutaler spielen lassen. Eine kurze, etwas langsamere Passage erlauben sie sich hier zwar. Gefühle wie Melancholie kommen hier aber nicht auf. Es regiert der König Wut.
Track 2 endet mit einer klaren Ansage: „You don´t fucking stand for shit/ Die“. Wer glaubt, dass sich das in Sachen Unfreundlichkeit nicht mehr toppen lässt, wird im Verlauf des Albums, das im Übrigen nicht wesentlich länger als 20 Minuten ist, eines Besseren belehrt: „Cutting their throat/ Let them all choke/ Twisting the knife/ Feel my control“. Kein Zweifel. Da ist jemand wütend und weiß das auch in Worte zu kleiden. Umschweife? Lyrische Extravaganz? Gar Poesie und kryptische Verschlüsselung der Botschaften, um die hermeneutische Geilheit der Text-Interpreten anzustacheln? Nicht mit den NAILS.


Wut im Bauch!


Die NAILS wollen, laut eigener Aussage, lediglich ein Gefühl auf Band bannen: „Anger“. Seit Beginn an und für alle Ewigkeiten. Das machen viele. Vor allem in dem Sub-Genre „Powerviolence“, das eng mit dem Sub-Genre „Grindcore“ assoziiert ist, welches wiederum mit der technisch direkteren und weniger komplexen Spielart des Death-Metal zu tun hat. Als Blaupause darf da „Scum“ der Band Napalm Death gelten. Kurze Tracks. Pure Emotion. Kein überflüssiger Schick-Schnack. Der kürzeste Track „You Suffer“ bringt es auf stolze drei Sekunden Spielzeit.
In Verhältnis dazu lassen sich die NAILS relativ viel Zeit. Dennoch ist das Konzept von „You Will Never Be One Of Us“ ein Konzept der Reduktion. Verdammt noch mal, warum brauchen eigentlich diese ganzen Bands so lange um dieses eine, geile Riff zu spielen, das dich einfach nur weg bläst? Das aktuelle Album klingt so, als ob ihnen der Versuch dieses eine Riff zu isolieren und den ganzen restlichen Ballast einfach wegzulassen mehr und mehr gelingen würde.
Angetrieben wird dieser überzeugende Versuch von ganz viel Zorn, Hass und Wut. Auch das klingt noch ein wenig echter als bei den vorhergegangenen Alben. Kein Wunder, denn Gründe um wütend zu sein gibt es im Heute mehr als je zuvor. Unter anderem macht der IS die Band wütend. Außerdem Menschen, die nur Trends und nicht ihrem eigenen Herzen folgen. So wütend, dass sie diesen am liebsten kurzerhand die Kehle aufschlitzen würden.
Dass das Lebens insgesamt quasi eine Todesstrafe ist, hebt die Stimmung auch nicht gerade. So wird gebolzt, gekeift und geprügelt dass einem nach dem Hören dieser 21-minütigen Platte regelrecht schwindelig ist. Wer keinen Boxsack in der Nähe hat möge sich doch bitte einen anderen Gegenstand suchen, an dem man die aufgestaute Wut auslassen kann. Menschen sollten besser keine in der Nähe sein. Mit seiner Wut ist man im besten Fall allein. Womöglich genügt es schon dieses Wut-Dreckstück von CD gegen die Wand zu pfeffern.


Fazit


Das klingt jetzt alles ein wenig, hmmm, primitiv und uninteressant? Mitnichten! Denn ganz so einfach gehen die NAILS natürlich nicht an die Sache heran. Die Riffs sind überraschend abwechslungsreich, die Feedbacks gekonnt eingebaut eingesetzt, die Wut so kanalisiert und komprimiert, dass die Platte fast schon einen artifiziellen Anstrich bekommt.
Die NAILS stellen sich nicht ins Studio und rotzen mit wenig musikalischem Können Platte um Platte ein, sondern haben das eine Verfahren mit dieser Emotion umzugehen und diese musikalisch umzusetzen spätestens mit diesem Album perfektioniert. Wer nur als wütendes Zornbinkerl auf seine Gitarre, sein Schlagzeug oder seinen Bass eindrischt, wird wohl kaum zu überzeugenden Ergebnissen gelangen. Die NAILS hingegen schaffen das.
Man kann auch sagen, dass diese Band über die Jahre ein ganz und gar überzeugendes Konstrukt aufgebaut haben, das quasi wie natürlich und selbstverständlich wirkt und funktioniert. Es steht in einem solchen Gleichklang mit den ungefilterten Emotionen wie Wut und Zorn, dass man es gar nicht mehr als Konstrukt und als Verfahren wahrnimmt. Es ist die Möglichkeit der Band eine absolute Übereinstimmung von Inhalt und Form herzustellen. Genau darum ist diese Platte so essentiell, eindrucksvoll und wichtig.

Hier geht es zu der vorhergegangenen Folge von "Plattenzeit". 

Zum Reinhören



Titelbild: (c) www.metalinjection.net

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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