Wie müssen Bücher sein, damit wir sie lieben?

9 Minuten Lesedauer

„Bücher bauen“ heißt die Ausstellung des Verlegers Lars Müller und seines Schweizer Verlagshauses , die noch bis nächste Woche im Adambräu in Innsbruck zu sehen ist. Eine nette Metapher, die immer geht – und ganz besonders wo der Lars Müller Verlag so viele Architekturbände herausbringt.
Aber nicht mehr nur eine Metapher, wenn man sich manche Exemplare genauer ansieht. Wörtlich zu nehmen etwa bei Büchern wie Peter Eisenmans höllisch schwerem „Holocaust Memorial Berlin“, dessen Buchdeckel aus exakt dem gleichen Beton besteht, aus dem die zweieinhalbtausend Blöcke gegossen wurden, die in Berlin-Friedrichstadt an den Holocaust erinnern. Das ist ein Hammer. Ein gewichtiges Buch zu einem unerträglichen Thema.
Rund um den Beton eine Filzhülle – wie um den Schrecken ein wenig abzumildern.
Und aus dem Band „Habit – Habitat“ über die Modedesignerin Christa de Carouge ragt ein Stück weichen, schwarzen Stoffs.


Endlich darf man auch mal hinfassen!


Was für ein Glück, dass „Bücher bauen“ keine klassische Bücherausstellung ist, wie man sie aus historischen Museen kennt. Keine Vitrinen, hinter der Manuskripte von da Vinci oder Shakespeare-Erstausgaben wie Schreine aufbewahrt werden.
Im Adambräu laden gemütliche Sessel und warme Tischlampen zum Lesen und Befühlen ein. Natürlich sind Lars Müllers Produkte nicht 500 Jahre alt und die einzigen ihrer Sorte; aber es sind wunderbare, in Stoff oder geprägtes Papier gebundene Bücher, mit Einlagen zum Auffalten oder Bildern zum Herausnehmen.
Ein schwerer Band mit zahllosen Fotos, kann helfen, die Frage nach den Menschenrechten einmal anders und unmittelbarer zu „begreifen“. Ein Kinderbuch voller lustiger analoger Tierfotografien mit klugen Texten bieten ein ganz anderes Lesevergnügen als die hundertausendste Ausgabe von „Wir gehen in den Kindergarten“.
Lars Müllers Bücher sind nicht zum Konsumieren da. Man kann sie nicht flott durchblättern, man braucht Zeit dafür.


Der Körper liest mit


Und darin drückt sich vielleicht eine tiefere Wahrheit aus, die wir in Zeiten von eReadern und billigen Taschenbüchern fast vergessen haben. „Der Rhythmus des Lesens folgt dem des Körpers, der Rhythmus des Körpers folgt dem des Lesens. Man liest nicht nur mit dem Kopf, man liest mit dem ganzen Körper, und deshalb können wir über ein Buch weinen oder lachen, und wenn wir etwas Schreckliches lesen, stehen uns die Haare zu Berge“, sagt Umberto Eco in „Die Kunst des Bücherliebens“.
Wenn wir ein Buch wirklich genießen, muss das auch eine sinnliche Qualität haben. Es ist wunderbar, wenn ein Buch gut riecht, wenn es beim Umblättern raschelt und wenn sich das Papier angenehm anfühlt. Das kann so sinnlich sein, dass Eco sogar von einem Liebesverhältnis spricht. Wir lesen mit dem Körper.
Und was könnte dazu ein stärkerer Kontrast sein als die Unmengen an billigen und inhaltsleeren Taschenbüchern, die sich weder in der Hand noch im Kopf gut anfühlen? Die Schattenseite der Demokratie, meint der Maestro. Wenn jeder alles sagen darf, müssen wir uns auch die mittelmäßigen Ergüsse der Idioten und der Schurken geben.
Das ist vielleicht nicht mehr als die Privatmeinung eines großkotzigen Gelehrten. Aber man muss ehrlich fragen: Wie soll man einem Buch Zeit und Aufmerksamkeit schenken können, das von vorne bis hinten so klingt, als käme es aus dem Textgenerator? Und das von vorne bis hinten so aussieht, als hätte es vom Fällen des Baumes bis zum Vertrieb in der Buchhandlung kaum ein Mensch in der Hand gehabt?


Folianten statt Reclam


Also: Zurück zum handbemalten Kodex, dessen Herstellung ungefähr drei Jahr braucht und den sich dann genau die Wohlhabendsten leisten können?
Natürlich, schön ist so etwas schon. Da äußert sich eine ganz andere Liebe zum geschriebenen Wort.
Aber was wäre die Literatur ohne Buchdruck, Effizienzsteigerung, Industrialisierung? Dann wären wir heute mit Sicherheit noch dümmer. Und wir würden wahrscheinlich zwei Drittel der Weltliteratur vermissen, weil es gar nie die nötige Nachfrage nach Briefromanen, Schauergeschichten und dem Hessischen Landboten gegeben hätte.
Und außerdem: Was geht über ein zerfleddertes Reclam-Büchlein, das voll mit eigenen und fremden Unterstreichungen, Notizen und Kaffeeflecken ist, das jemand sichtbar gelesen und geliebt hat, auch wenn es nur 20 Schilling gekostet hat? Das kann nun wirklich keine intellektuelle Sünde sein.


Für alle Lebenslagen geeignet


Bücher müssen nicht unbedingt schön und teuer sein. Aber es gibt einen Zusammenhang zwischen dem, was drin steht und dem, worauf es steht.
Dazu sagt Lars Müller, der Verleger: „Für mich ist ein Buch dann ein besonderes, wenn es mir gelungen ist, seinen Inhalt und seine Gestalt in eine Übereinstimmung zu bringen und beides ist gut.“ Das klingt nach einem guten Grundsatz.
Weil es uns – wie in der Ausstellung „Bücher bauen“ – dazu zwingt, ein wenig bei dem zu bleiben, was wir tun, wenn wir lesen, uns was das Lesen mit uns macht.
Ein charakteristisches gelbes Cover und unverschämt dünne Seiten können einem Buch angemessen sein, wenn wir es überall mit uns herumtragen wollen, um die Nase hineinzustecken, wenn der Rest der Welt am Smartphone hängt. Dann darf es sogar mal in die Badewanne fallen.
Ein Leineneinband und ein original Holzschnitt passen zu einem Buch, wenn wir es zu Hause am Tisch liegen haben, sodass Besucher hineinschauen können und wir es von Zeit zu Zeit und in aller Ruhe genießen wollen.
Überhaupt ist nur der ein ordentlich verkörperter Leser, der problemlos in allen Lebenslagen lesen kann.


Ist Lesen ein existenzielles Bedürfnis?


Um uns auf diese sinnliche Liebe zu den Büchern zu besinnen, müssen wir nicht unbedingt ins Museum gehen. Es reicht, in einer schönen, ruhigen Buchhandlung mit Muße nach unbekannten Schätzen zu stöbern, oder wieder einmal ein vielgeliebtes Buch aus der Kindheit in die Hand zu nehmen.
Es geht dabei ganz und gar nicht um eine elitäre Neigung zum Luxus, sondern vielmehr darum, die Dinge, mit denen wir tagtäglich zu tun haben (und zum Glück gehören die Bücher nach wie vor dazu) zu würdigen, sie in unser Leben zu integrieren, sie zu etwas existenziell Wichtigem zu machen, nicht anders als Nahrung, Schlaf oder Sex.
Wenn das Lesen nur abstrakt bleibt, wenn wir es nicht fühlen, begreifen und umsetzen können, ist es ohnehin umsonst. Wenn das, was wir lesen keinen spürbaren – körperlich spürbaren – Einfluss hat, wenn es uns nicht verändert , wenn es unser Verhalten nicht verändert, ist es fast ganz umsonst.
Aber dann können wir uns auch gleich vor den Fernseher knallen. Gute Nacht, schönes Leben!
Die Ausstellung „Bücher bauen“  ist noch bis 17. Februar bei freiem Eintritt im Adambräu zu sehen (Öffnungszeiten Di-Fr 11-18 Uhr, Do 11-21 Uhr, Sa 11-17 Uhr).
Ein weiterer Geheimtipp für Bücherfetischisten ist die Sondersammlung der Universitäts- und Landesbibliothek, die eine große Zahl an wertvollen handbemalten Büchern aus Mittelater und Neuzeit, eine Gutenberg-Bibel und allerhand Erstausgaben aus den letzten Jahrhunderten umfasst. Für alle Steuerzahler nach Vereinbarung zu besichtigen.

Titelbild: (c) Günter Wett

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