Der Volksgeist ist umtriebig

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© Wolfgang Lackner, Tiroler Volkskunstmuseum

Jetzt darf auch mal das Establishment ran

In der Migration ist in Tirol eigentlich nur die alternative Kulturszene zu Hause – die aber in naiver und völliger Hingabe an Weltmusik, orientalische Buffets und therapeutische Trommelkurse.
Die Tiroler Landesmuseen stehen da, wo sie sind, gut und auf solidem Fundament, vom Migrationshintergrund des Riesenrundgemäldes mal abgesehen. Aber auch Hofer und Haspinger sind immerhin bis auf den Bergisel gewandert.
In ihren altehrwürdigen Hallen bieten das Ferdinandeum und seine minderen Brüder aber kurzzeitig auch den Gastarbeitern unter den Ausstellungsthemen Zuflucht: In jüngster Zeit sogar denen, die sonst wenig Hoffnung auf Asyl haben. Migration ist aktuell noch ein ganz kleines Zitzerl heikler ist als sonst. Trotzdem war man jetzt auch in Tirol mal an der Reihe, sich zu derbarmen.
Mit ein wenig geschichts- und erziehungswissenschaftlicher Expertise – die Uni ist ja bekanntlich voll von akademisch gebildeten Wirtschaftsflüchtlingen – ist daraus eine inhaltsreiche, fundierte und klug umgesetzte Ausstellung geworden. Etwas rasend Neues bietet sie freilich nicht. Weder Wissenschaft noch Tiroler Landeskultur sind für ihre Lust an der Progression bekannt, während die restliche Welt nicht umhin kann, sich mit Drohnengeschwindigkeit weiter zu drehen.
Keine Exhibition ohne den Exhibitionismus der Exponate. Der leere Koffer war wohl schon in fast jedem Jüdischen Museum der Welt zu sehen – als Symbol für Heimatlosigkeit ebenso universell wie nichtssagend. Ganz hübsch anzusehen sind die Ausstellungsstücke (von der Schallplatte bis zum Samowar) trotzdem.
Als höchst einzigartig muss man dagegen die zahlreichen Videointerviews mit einigen repräsentativen Tirolern bezeichnen, die sich durchaus nicht immer so schimpfen durften. Dafür lohnt es sich tatsächlich, sich in den kleinen Ausstellungsraum im zweiten Stock des Volkskunstmuseums vor ebenso kleine Monitore zu klemmen und ein oder zwei Stunden einfach zuzuhören. Den historischen Abriss an der Wand kann man im heimischen Schaukelstuhl besser nachlesen.
Es würde übrigens auch reichen, die Verkäuferin im Onay-Markt anzuquatschen – es muss nicht unbedingt ein Interview mit dem Gründer sein. Konsumieren lässt sich das Lebensmittelangebot dort ohnedies besser. Aber unsere genetisch bedingten Berührungsängste sind verhaltenstherapeutisch nur schwer abzulegen (Trommeln könnte helfen) und das Video ist immer noch die praktischste Möglichkeit, so zu tun, als wäre man an etwas beteiligt, das unmöglich zum Dialog werden kann.

Von untadeliger Gastfreundschaft

Berichtet wird natürlich primär von den erfolgreichen Migrationsgeschichten – von denen, die weder dem entsprechenden Heimat- noch dem Gastland peinlich sein müssen. Da gibt es, Allah sei Dank, eine ganze Menge davon. Aber was ist mit denen, die hier nie wirklich zu Hause waren und es wohl auch nie sein werden?
Die bleiben Außenseiter, so wie es politisch aufgeladene Ausstellungsthemen bleiben: Höflich willkommen geheißen und herzlich verabschiedet. Hauptsache ein Grund zur Selbstbeweihräucherung. Den Weihrauch haben wir ja auch den Orientalen abgekupfert.
Der Kelch der Vernissage ist am verehrten Leser bereits vorüber gegangen: Er hat sich im Übrigen zwei Stunden Lebenszeit ge- und einen gravierenden Anstieg des Cholesterinspiegels erspart. Wo bei frühsommerlichen Abendveranstaltungen sonst gern auf Weißen Spritzer und leichte Häppchen zurückgegriffen wird, geben wir es uns diesmal lieber voll, mit ganzen Kalkalpenlandschaften aus Speck und eilig schmelzenden Schnitzelgletschern.
Nicht nur der gläubige Muselmann, auch die politisch korrekte Vegetarierin geht diesmal leer aus. Aber es gibt ja O-Saft. In your face, ihr Weltenbürger! Kaum zu glauben, dass einem auch mal das Catering des Caritas-Welthauses abgehen kann. Zum Glück ist wenigstens die musikalische Untermalung ein bisschen ethno, sonst könnte man ja meinen, die Tiroler wären sinnenfeindlich.

Die zweifelhafte Ästhetik der Schrotflinte

Der ästhetische Anspruch ist im Übrigen ums Eck in der Museumstraße zu Hause und ansonsten keine ureigenes Anliegen des Volkskunstmuseums, was im Übrigen auch die Wallnöfer’sche Omnipräsenz im Rosengarten beweist. Jede Romantik ist dahin, das Volk ernüchtert, aber immerhin gut informiert. Das ist für Tirol schon eine ganze Menge.
Wo auch die Ernstzunehmenden unter den Toleranten mit der Flüchtlingskrise ihre Grundoffenheit bereitwillig aufgegeben haben, und das mit recht guten Argumenten, ist in einem Land, das so tiefschwarz ist, wie es ein Neger gar nie sein kann, eine sachliche Ausstellung über Migration ein echtes Statement. Das muss begrüßt, gelobt und gefeiert werden.
Andernorts hat man solche Gelegenheiten schon vor 30 Jahren dazu genutzt, provokant, originell und bitter ehrlich zu sein, mit dem Ziel, eine echte Debatte anzustoßen, das Denken mit einer ästhetischen Bowlingkugel tüchtig durcheinander zu bringen.
In Tirol schießt man bekanntlich lieber mit scharfen Geschossen. Weil man deshalb nie dafür garantieren kann, dass der Gegner nicht zeitnah abgemurkst im aufgeforsteten Nadelwald liegt, hat man sich dieses Mal lieber zurückhaltend gegeben. Allah sei Dank.


 
Die Ausstellung „Hier zuhause“ ist noch bis Anfang Dezember im Volkskunstmuseum zu begutachten und Teil eines größeren Projekts der Landesmuseen rund um die Themen Migration und Flucht. Beachtenswert ist jedenfalls das Rahmenprogramm.

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