Von Noise-Festivals in Zeiten des HURZ!

5 Minuten Lesedauer

„Ich war 20 Minuten im Hofgarten. Die Situation war ungefähr so!“. Auf diesen Satz folgte ein Link zum allseits bekannten Auftritt von Hape Kerkeling, bei dem er HURZ! intoniert.  Mit Satz und Link bezog sich der Kommentar-Schreiber auf das in Innsbruck stattgefunden habende Festival „Heart of Noise“. Damit ist die Hybris der Intellektuellen beschrieben. Während diese sich an einem mäßig sonnigen Sonntagnachmittag ihre unmusikalische Lärm-Musik anhörten, musste der „Normalsterbliche“ ratlos daneben stehen. Er war dann wohl auch sichtlich darüber irritiert, dass sich über diese Art von „Musik“ gelehrte Gespräche führen und klug klingende Texte schreiben ließen.
Wir leben in einer Zeit, in dem der Diskurs rund um HURZ! lebendiger als je zuvor ist. Hape Kerkeling macht sich in seinem Sketch über vermeintliche Musikkenner und Kunst-Aficionados lustig, die ganz offenkundig Unsinn nicht als solchen erkennen und nicht in der Lage sind Kunst- von Nichtkunst zu unterscheiden. In seinem ständigen Verlangen nach Neuheit und neuen Ausdrucksmöglichkeiten lässt sich das kunstsinnige Publikum auch noch den letzten Dreck als Kunst andrehen.
Die Intention, dem allzu gelehrt tuenden und dabei doch lediglich in Pose verharrenden Publikum einen Spiegel vorzuhalten, ist löblich. Spätestens seit DADA war die Situation aber komplizierter. Intentionaler Unsinn wendete sich in dieser Avantgarde-Strömung mit voller Wucht gegen einen Kunst- und Genie-Kult, in dem Genialität, Können und „Leistung“ im Mittelpunkt standen. Jahrzehnte später wurde gar ausgerufen, dass jeder Künstler sei. Damit gerieten Kategorien und Kriterien der Kunstbewertung gewaltig ins Schwanken und kollabierten schließlich. Dass John Cage die Geräusche als gleichberechtigt neben den geformten und komponierten Elementen in der Musik zuließ verkomplizierte die Sache noch ungemein.
Jetzt müssen wir damit leben. Als informierte Musikhörer dürfen wir keine Kategorien mehr einfordern und eine Unterscheidung zwischen guter Musik und schlechter Musik ist eine Anmaßung sondergleichen. Wir müssen damit umgehen, dass Geräusche der komponierten Musik ebenbürtig sein können. Wer würde sich da noch anmaßen sich zu wünschen, dass die Musiker ihr Instrument beherrschen müssen? Es wäre ein Rückfall in dunkelste Zeiten der Kunst- und Musik-Ästhetik.
Jetzt stehen wir da und sitzen im Hofgarten beim „Heart of Noise“ Festival und lauschen gebannt der Musik, die wir uns in Anbetracht dessen eingehandelt haben. Manchmal erkennen wir noch Strukturen. In seltenen Augenblicken vermuten wir so etwas wie kompositorisches Geschick der Interpreten. Es stört uns insgesamt nicht mehr, dass deutlich mehr Laptops als Gitarren zu sehen und zu hören sind. Die Frage danach, was gerade live produziert wird und was vom „Band“ kommt interessiert uns nicht mehr.
Wir sitzen da und lassen uns einlullen. Fragen nicht mehr nach den Produktionsweisen und dem Können der jeweiligen Acts. Geräusche hüllen uns ein, wir lassen uns fallen. Im Grunde analysieren und bewerten wir nicht mehr. Gelehrte Dialoge nach dem Konzert und ebensolche Texte sind Scheingefechte. In Wahrheit finden wir keine Anknüpfungspunkte mehr. Alles ist gesagt, alles ist aufgelöst, alles rauscht. Auch in unseren Köpfen. Mir Worten versuchen wir Information in dieses Rauschen zu bringen. Es gelingt uns nur unzureichend.
Es gibt nur eine Lösung. Statt gescheit zu reden und zu schreiben sollten wir in den richtigen Situationen auch mal HURZ! schreien dürfen. Es wäre befreiend. Es käme der Forderung „zurück zu den Dingen“ gleich. Womöglich würden wir uns dann unsere ganze Informiertheit und unser ganzes Musikwissen abschminken und uns aus dieser Sackgasse wieder befreien können.
Solange das nicht so ist und sich „unsere“ Musik auf unsicherem Boden befindet, müssen wir uns außerdem HURZ!-Rufe von „außen“ gefallen lassen. Diese HURZ-Rufer sind nicht zwangsläufig die Uninformierter und die Unwissenden, während wir in unserer grenzenlosen Klugheit selbstverständlich Zugang zu unsere „Lärm-Musik“ haben. Es sind Mahnrufer in Zeiten der Unübersichtlichkeit und der Abwesenheit von Bewertungskriterien. Es sind intuitiv richtige Fragen danach, ob Tracks, auch wenn sie noch so lärmig sind, nicht doch etwas mit Können, Geschick und Kompositionstalent zu tun haben sollten. Mit diesen Fragen werden „wir“ uns zumindest beschäftigen müssen, damit die HURZ-Rufe, berechtigterweise, nicht noch lauter werden.

Hier geht es zur vorherigen Folge von "Kleingeist und Größenwahn".

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

*

code