Vom richtigen Umgang mit dem inneren Essiggurkerl

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Foto (c) R. Fessler

Denn Wien lebt von der Vergangenheit. Von Straßen, die so breit sind wie manche Innsbrucker Gassen lang, von gepflegten Kieswegen und der ständigen Aussicht auf eine Gulaschsuppe. Von brechreizerregendem Klassizismus, geschmacklosem Stilbewusstsein und dem Ruch des Altbewährten.
Nur dass die Vergangenheit dort auch keine Zukunft mehr hat. Man munkelt von freundlichen Kellnern, gepflegten Stadttauben und intellektuellen Ottakringern. Man beobachtet tierliebe Fiaker, talentlose Pianisten und Eltern, die mit ihren Kindern ganz normal reden. Zum Glück weiß man, dass irgendwo hinter ein stuckbesetzten Mauer Ursula Stenzel lauert.
Davon abgesehen: Ein Trauerspiel. Bald liegt sie als Wasserleiche in der Donau, die Vergangenheit, und tuckert langsam den Balkan hinunter. Was macht man da als schlichter Bergbewohner, der sich so gerne einmal als mondäner Biedermeier fühlen möchte?

Die Welt im Goldrahmen

Richtig, man geht ins Museum. Sogar wenn es dort von chinesischen Touristen wimmelt – denn auch die sind nicht mehr, was sie einmal waren – kann man die Vergangenheit zumindest in Goldrahmen an den Wänden hängend finden. Zum Beispiel im gutbürgerlichen Leopold Museum, in dem aktuell unter dem kryptischen Titel „Köstlich! Köstlich?“ Carl Spitzweg und Erwin Wurm gemeinsam aus.
Die Gemälde und Zeichnungen von Carl Spitzweg passen zudem in sehr kleine und enge Rahmen – im räumlichen und kognitiven Sinn. Seine Darstellungen von ländlichen Kleinfamilien, skurrilen Eremiten, bettlägrigen Literaten und lüsternen Witwern, wie es sie wohl im 19. Jahrhundert zuhauf gab, offenbaren ihre feine Ironie nicht immer auf den ersten Blick.
Mal scheint Spitzweg schlichtweg zum Kotzen idyllisch, mal schremmt er hart an der Karrikatur vorbei. Die großen Fragen des Lebens sind nicht seine. Ein gewisses diebisches Vergnügen am Foppen der Philosophen und sonstigen großen Geister darf man Spitzweg aber unterstellen.

Wie viel enger im Kopf geht eigentlich noch?

Mit den Philosophen hat es interessanterweise auch Erwin Wurm, den man sonst vor allem als skandalträchtigen Hersteller von schön gearbeiteten Essiggurken kennt. Sein berühmtes 36-teiliges Selbstporträt wird nebst einem adipösen Adorno, einem turnenden Wittgenstein und anderen Skurrilitäten ausgestellt. Wunderbar sind auch seine One Minute Sculptures, denen der Museumsbesucher ebenso wie der Abt von Stift Admont zum Opfer fallen muss.
Auch wenn man die Gurkerl blöd findet: Man muss anerkennen, dass Wurm sich mehr als seinen Teil denkt. Und seine kluge und feinsinnige Konzeptkunst auch noch gut umsetzen kann. Echte Kunst ist zum Beispiel bei seinem Narrow House, einem voll eingerichteten 50er-Jahre-Häuschen – das mit einer Breite von etwas über einem Meter als der Schrumpfversion von einem Leben besticht.
Was haben Spitzweg und Wurm denn nun gemeinsam, davon abgesehen, dass ich ihrer beider Namen hübsch auf Messingschildern machen? Vielleicht, dass sie  dem werten Publikum gerne einen Spiegel vorhalten. Einen konkaven, in dem man unweigerlich noch engstirniger aussieht, als man eh schon  ist. Aber vorher haben sie selbst hineingeschaut, die Herren Künstler. Das ist ein umgekehrtes Gedankenexperiment.
Denn eigentlich ist klar: Je enger man in der Birne ist, desto enger macht man sich die Welt. Bis sie dann so eng ist wie im  Narrow House, durch das sich ein Wurm vielleicht problemlos schlängeln kann, von dem sich ein Grauvieh aber eher überfordert fühlt. Sogar die Bücher sind zu unleserlichen Papierkonserven komprimiert, um hineinzupassen. Das obligatorische Kruzifix hat wohl an der Wand Platz, am im Bett darunter ist außer einer Flundernromanze nichts vorstellbar.
Wurm macht es also umgekehrt: Wenn die Welt wirklich so eng wäre, wie wir oft denken, wie würden wir uns dann fühlen? Zum Glück ist sie es nicht.

Der Biedermeier von heute: Für alles offen

Im Übrigen kann man ohnehin kein richtiger Biedermeier mehr sein – denn auch bei geschlossenen Fensterläden, zugezogenen Chintz-Vorhängen, abgesperrten Eichentüren und künstlichem Feuer im Kamin bleibt man doch gerne vernetzt. Der echte Rückzug ist nur mehr als Gedankenexperiment möglich.
Und dann heißt es schon „Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut“. So eng in der Birne, dass man das geheime Erkennungsmerkmal des neuen Biedermeier, der sich lieber „Hipster“ nennt, gar nicht mehr tragen kann. Es gibt nichts Kleingeistigeres als die Überzeugung, dass man für alles offen ist. Man ist es nicht. Man kann es gar nicht sein. Wenn man den inneren Biedermeier überwinden will, muss man zu ihm stehen. So viel Großherzigkeit kann er nicht ertragen und zieht sich deshalb freiwillig zurück. Das kann er eh am besten.

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