Wie Bilder trösten, wenn der Frühling auf sich warten lässt

5 Minuten Lesedauer
Fotos (c) Christl Raggl

Was wir sehen hängt relativ wenig damit ab, was wir sehen. In jedes schlichte Schauen legen wir unerträglich viel hinein – an Gedanken, Bewertungen, Urteilen. Manchmal braucht es etwas radikal anderes, damit wir in der Lage sind, auch etwas anderes wahrzunehmen.

Das sinnliche Schauen

img013Um klarer zu sehen, so glauben wir oft, braucht es einen objektiven Standpunkt. Aber es reicht – zumindest in der Kunst – ein subjektiver Blick, der klar und genau ist. Die Tiroler Malerin Christl Raggl hat so einen eigenwilligen Blick. Da ist es dann sogar möglich, dass der Tschirgant aussieht wie der Fuji und hinter heimischen Landschaften japanische Schriftzeichen durchleuchten. So hat noch niemand bislang die Tiroler Berge gemalt.
Die Nähe zur Heimat verleiht ihren Bildern Kraft und Wärme, die Nähe zur Ferne, besonders zu Japan, Leichtigkeit und Tiefe. In ihren Farbcollagen findet beides ganz ohne Widerspruch zueinander.
Vielleicht hat das damit zu tun, dass es nicht die abstrakten Ideen sind, die das universell Menschliche (wenn es denn existiert) ausmachen, sondern das unmittelbar Sinnliche, das Schauen, und der Bezug.

Ein Blick, der sich wandelt

Christl Raggl hat sich diesen unmittelbaren Blick bewahrt, wo viele andere ihn schon sehr früh aufgegeben haben. Insofern ist es eine ganz wunderbare Tatsache, dass sie Autodidaktin ist und sich das Malen ganz einfach selbst beigebracht hat – als vollzeitberufstätige Alleinerzieherin. Und so malt sie seit über 30 Jahren, zuerst gegenständlich, dann zunehmend abstrakt, zuerst mit Ölfarben, heute vor allem in Acryl. Der Blick muss sich zwangsläufig verändern, wenn er so lebendig ist.
Auch die Motive ändern sich, und statt den schon vor 20 Jahren ganz schlichten Puppenbildern malt Christl Raggl heute noch schlichter und abstrakter. Ihre letzte Ausstellung hieß „Die Quadratur der Farbe“ – und sie sind wirklich sehr außergewöhnlich, ihre Farben.
Auch das Eis und die Finsternis kommen vor, manchmal ganz explizit – weil sie nun einmal Teil dieser Welt sind. Und es kommt nicht wirklich darauf an, ob man sie im Letzten bekämpfen oder besiegen kann, sondern  darauf, wie man sie anschaut.

Bilder als Kommunikation

img012Christl Raggl wird an beiden übrigen Wochenenden immer vor Ort sein – das ist bei einem Künstler meistens schön, außer wenn er nicht die Klappe halten kann und einem erklärt, was man sehen soll. Das wird sie nicht tun. Was sie sagen möchte, sagt sie über ihre Bilder. Und es ist doch besonders schön, wenn sie da ist.
Weil es in Wirklichkeit nie Bilder oder Konzepte, die uns vor dem Eis und der Finsternis bewahren, sondern andere Menschen mit ihrer Kreativität und ihrem zärtlichen Blick auf die Dinge. Über Bilder lässt sich kommunizieren, und wenn man es aufrichtig tut, wird sich in jedem Bild ein klein wenig vom Künstler finden.
Kunst kann – im allerbesten Fall, in ihrer stärksten Form – einen solchen anderen Blick auf die Dinge vermitteln. Dieser Blick ist manchmal sehr reflektiert, manchmal kritisch, manchmal irritierend, schmerzhaft oder brutal. Manchmal ist er einfach sehr wach und offen und genau deshalb tröstlich. So ist das, wie ich aus eigener Erfahrung sagen kann, jeden Tag, wenn man ein Bild von Christl Raggl zu Hause hängen hat.
Und mehr soll man gar nicht sagen – weil, wie Thomas Bernhard schon meinte, als Christl Raggl gerade erst anfing zu malen, über Kunst viel zu viel geschwafelt wird. Und weil der lebendige Mensch ohnehin das größte und geheimnisvollste Kunstwerk von allen ist.


Die Ausstellung „Wider das Eis und die Finsternis“ läuft noch bis Sonntag, 19. März. Der Kunst-Werk-Raum „Mesnerhaus“, zentral in Untermieming gelegen, ist jeweils am Wochenende von 14:00 – 18:00 geöffnet.


 

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

*

code