… and introducing: Post-Rock

7 Minuten Lesedauer

Das Genre


Was die Vorsilbe „post“ genau sagen möchte, ist heute eigentlich reichlich unklar (wenn es denn jemals klar war) – es liegt aber der Verdacht nahe, dass auf diese Art ganz einfach viele neue Schubladen für all jene entstehen, die sich jedenfalls nicht dem Mainstream zugehörig fühlen, aber auch sonst keine ordentliche Identität haben.
Ja, auch Post-Rock ist so ein Genre, das sich nicht recht definieren lassen will. Ist er als Mentalität für die 2000er Jahre das, was der Rock für die 1960er war? Wohl kaum! Ist er der Einzug der ideologisch motivierten Dekonstruktion in die Unterhaltungsmusik? Gott sei Dank nicht! Ist er ein Nischenprodukt für eingefleischte Metal-Hörer, die sich zum Goa hingezogen fühlen, das aber nicht zugeben können? Zu kurz gegriffen! Ist er eine Spielwiese für frustrierte Musiker, die verstanden haben, dass klassischer Rock nicht mehr zieht und die deshalb herausstechen wollen? Da würde man ihn aber unterschätzen!
Wenn etwa die schwedische Final Days Society im Zürcher Dynamo aufspielt, wird zwar sehr schnell deutlich, dass wir es hier nicht mit einem breitenwirksamen, leicht konsumierbaren Sound zu tun haben – aber das würde dem Selbstverständnis der meisten Bands wohl auch eher widersprechen.
Ein bisschen rätselhaft bleibt das Genre auch näher besehen, aber das liegt in der Natur der Sache und nicht in der des Präfix. So unglaublich „post“ ist ein Post-Rock-Konzert nämlich gar nicht, sondern eher ein bisschen „super“, also reichlich abgehoben und nicht immer leicht zugänglich.
Wenn man sich aber auf die praktisch vocal-losen, zum Teil über zehn Minuten langen und sich langsam entfaltenden Stücke einlässt – und es lohnt sich wirklich, das zu versuchen – kann man einen wunderbaren Abend zubringen, irgendwo zwischen völlig entfesseltem Gerade-noch-Rock und den Gefilden deutlich feinerer Geister. Post-Rock ist faktisch kein Genre des 21. Jahrhunderts, aber er greift ganz klar einen gewissen Zeitgeist auf – mitunter vielleicht nur, um ihn der Welt dann wieder angewidert vor die Füße zu spucken. Was ihn nämlich vom klassischen Rock mehr als alles andere unterscheidet ist, dass er um einiges düsterer, melancholischer und vor allem entrückter ist. So unbefangen wie einst kann Musik, die noch etwas zu sagen hat – wenn auch zugegeben nur sporadisch auf der verbalen Ebene – heute einfach nicht mehr sein. Post-Rock ist also weniger aufsässige Realitätsverweigerung als vielmehr reflektierter Weltschmerz, das aber nicht ohne beizeiten ganz ordentlich offensiv zu sein.
Das zeigt sich sehr anschaulich auf der erdigen, dreckigen Soundebene, die traditionell mit langsameren und deutlich sphärischen Parts abwechseln.


Die Show


Da kann dann auch eine Band, die sich – sehr eindrucksvoll – Final Days Society nennt, immer wieder mal ins fast Blumige abrutschen (das seinerseits aber nur auf dem schmuddeligen Urschlamm der hässlichen Gefühle gedeihen kann). Vor allem sind die fünf Herren aber, wie man sich das von aufrechten Skandinaviern erwarten kann, immer wieder erfrischend heftig, und kosten das live auch noch mehr aus als im Studio (drei Alben haben sie bislang veröffentlicht, das letzte ist von 2015).
Besonders die Society ist ein schönes sprachliches Bild – die reduzierte bis minimalistische Bühnenshow gehört nämlich auch ganz klar zum Genre, und bei diesem speziellen „Club der Schweden im schwarzen Hemd“  dauert es tatsächlich bis zum vorletzten Song Icebreaker, bis das Eis in der Band-Publikums-Interaktion ein wenig bricht.
Es klingt aber über den Abend hinweg auch fast immer ein Hauch von Final Days an, bis hin zu den paar wenigen sehr (!) kurzen Momenten, in denen man sich unangenehm an die klassische Meditationsmusik erinnert fühlt.
Auch der local support (in diesem Fall wirklich ein hässliches Unwort) Car Crash Weather, der zwar dem Namen nach profaner, im Sound aber nicht weniger apokalyptisch ist als die skandinavischen Kollegen, lebt von der Lust am harten Kontrast und kann, weil deutlich keybord-lastiger, zum Teil sogar noch ein wenig subtiler damit spielen. Die Polarität ist ein Stückchen mehr auf die Spitze getrieben, aber das auf sehr stimmige und nicht wenig komplexe Weise. Wenn die Schweizer einmal gleich viel emotionale Tiefe wie die Schweden herzustellen vermögen, weiß man ja doch ohne Zweifel, dass man endgültig in der Postmoderne angelangt ist!
Die ambitionierten Zürcher wollen im Laufe des Jahres auch einmal in Innsbruck spielen – da sollte man sie dann nicht verpassen. Für 2017 ist außerdem das erste Album geplant.


Fazit


Man könnte an dieser Stelle natürlich fragen, ob ein Musikstil, der sich so sehr auf ein bestimmtes (wenn auch kontrastreiches) Konzept festgelegt hat, sich nicht bald in seinen Ausdrucksmöglichkeiten erschöpft. Aber das tut Post-Rock nicht, weil er eigentlich wenig verkopft und wenig strukturiert ist. Es mag dagegen sein, dass nur ein wenig gespaltene Seelen wirklich Gefallen an ihm finden können, aber wer ist heute schon keine gespaltene Seele?
Jedenfalls sollten alle, die sich spätestens jetzt als Fans von Hardcore-Kontemplation (ja, das geht!) sehen oder zu ebensolchen werden wollen, heute Abend nicht kneifen und sich die Final Days Society in der p.m.k. anhören – und beizeiten auch nach Car Crash Weather Ausschau halten, damit der Post-Rock nicht ganz spurlos an Innsbruck vorüber geht. Es gibt nämlich – kaum zu glauben – auch in der Rockszene und allem, was irgendwie dazu gehört, laufend Interessantes, Originelles und Neues zu finden. Darüber, dass das dann immer gleich „post“ sein muss, wollen wir in diesem Fall gnädig hinwegsehen.
Nicht vergessen: Die Final Days Society spielt heute (!) Abend in der p.m.k. in Innsbruck.


Zum Reinhören



 

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