Plattenzeit #6: Scott Walker – The Drift

7 Minuten Lesedauer

Die Zäsur


Nichts kann einen darauf vorbereiten, was „The Drift“ in einem auslöst. Auch ich war nicht darauf vorbereitet. Es war das Jahr 2006 und ich steckte gerade in meiner zweiten oder gar dritten Radiohead-Phase fest. Dann kam „The Drift“ und stellte vieles in Frage.
Die Platte hatte gerade im deutschsprachigen „Rolling Stone“ einen Rettungswagen als Bewertung bekommen. Das blieb bisher einmalig in der Geschichte dieses Magazins.  Der Rezensent Arne Willander, ansonsten durchaus für seinen erlesenen Musikgeschmack bekannt, kapitulierte damit vor dieser Platte und erfand kurzerhand ein eigenes Symbol zur Bewertung ebendieser. Er konnte sich zu nicht viel mehr durchringen, als sich selbst als ahnungsloser und heillos überforderter Kritiker in dieser Rezension zu spiegeln. Über die Platte selbst wusste er nichts zu sagen.
Das ist einerseits bedauerlich, andererseits verständlich. „The Drift“ ist ein monolithischer Block, zu dem man sich den Zugang hart erarbeiten muss. Wahlweise kann man auch vortäuschen, dass man sich in diesem opaken Werk selbst gespiegelt hat und viel über sich selbst lernen kann.
Das wäre jedoch eine glatte Lüge, zumal „The Drift“ absolut nichts über einen selbst verrät, sondern lediglich über die sich stetig über die Jahrzehnte verdunkelnde Welt des Scott Walker Auskunft gibt. Auf diese Abgründe muss man sich einlassen. Diese muss man aushalten. Im Notfall, wenn das nicht gelingt, ist es auch eine Option, sich über dieses Werk lustig zu machen und es für völlig albern zu halten. Schutzmechanismen sind schließlich eine schöne Sache.


The Drift” – Der opake Meilenstein


„A moving aria for a vanishing style of mind“. So beginnt „The Drift“ mit „Cossacks Are“. So weit, so kryptisch. Und an sich nicht weiter nennenswert. Wäre da nicht dieses alarmierende Hintergrundgeräusch, wären da nicht diese simplen, aber hocheffizienten Gitarren und wäre da nicht die opernhafte, gespenstische und scheinbar entkörperlichte Stimme von Scott Walker. Scott Walker singt Arien für Eremiten, für Verzweifelte und für diejenigen, die der Welt endgültig abhanden gekommen sind.
In „Jesse“ beschreibt er im dritten Track dieses Albums eine dystopische Situation, in die man lieber nicht kommen will. Das Lied endet wenig hoffnungsfroh mit dem vielfach wiederholten Satz „I´m the only one left alive“. Kein Ausweg, nirgends. Hoffnungsschimmer und Freude sind nichts für Scott Walker. Der ehemalige Superstar hat sich in vollkommene Dunkelheit und Einsamkeit begeben.
Es handelt sich nämlich tatsächlich um DEN Scott Walker, der als damaliger Lead-Sänger der Walker Brothers den Beatles ernsthafte Konkurrenz machte. „The sun ain´t gonna shine anymore“ ist auch im Hier und Jetzt noch vielen als unsterblicher Ohrwurm im Gedächtnis.
Was damals mit diesem Lied lediglich textlich thematisiert wurde, war spätestens mit dem Album „Tilt“ von Scott Walker auch auf formeller Ebene vollbracht. Walker trieb seiner Musik jegliche Anzeichen von Fröhlichkeit und Pop-Affinität aus und ersetzte diese mit einer selbstreferentiellen, herausfordernden und höchst individuelle Klangsprache, die allerhöchstens ein wenig an den Avantgarden des vergangenen Jahrhunderts geschult war.
Walker erschafft damit ein zutiefst dunkles, in sämtlichen dunklen Farbtönen schimmerndes Werk, das man wirklich nicht lieben muss. Man darf sich davor auch ekeln. Es ist absolut legitim, diese Platte in geringen Dosierungen zu hören um nicht selbst der Versuchung zu erliegen, das grelle Tageslicht für längere Zeit zu meiden und sich mit mehreren Flaschen Wein in einem abgedunkelten Zimmer diesem ganz besonderen Musikgenuss hinzugeben.
Zugegeben. Das klingt ein wenig pathetisch. Nach verspäteter Pubertät. Nach der Zeit, in der man sich völlig zurückzieht, auf sich selbst konzentriert, weil man andere Menschen einfach nicht aushält. Doch diese Phase ist noch bei jedem Menschen vorbeigegangen. „The Drift“ geht weiter, tiefer und wirkt nachhaltiger. Die Lektion, die sich von dieser Platte lernen lässt, ist irreversibler Weltekel, echter und aufrichtiger Menschenhass, eine ungesunde Dosis Zynismus und eine Art von kryptischem Humor, den man eigentlich nur selbst versteht.
„The Drift“ macht ernst mit dunkler Ästhetik. Wer diese Musik hört, der spiegelt diese nicht angemessen, wenn er fortan nur mehr schwarz trägt und sich umgedrehte Kreuze umhängt, um seine Rebellion der Welt und der Menschheit gegenüber zum Ausdruck zu bringen. Diese Platte fordert keine kindischen, oberflächlichen Zeichen der Solidarität ein. „The Drift“ hat sämtliche kleingeistigen und letzten Endes lächerlichen Codes abgelegt, mit der sich „dunkle“ Musik so gerne umgibt.
Kein Satan-Getue, kein Rumgebrülle, kein Okkult-Blödsinn. Die Hölle, das sind nicht die anderen, das ist man schon selbst. Um diese ganz individuelle Hölle zu beschreiben und zu vertonen braucht es auch neue Mittel, neue Klänge und neue Ideen. Alles andere wäre „Gepose“. Und genau von diesem „Gepose“ und dieser Oberflächlichkeit ist „The Drift“ so weit wie nur irgendwie vorstellbar entfernt.


Fazit


Diese Platte ist wahrhaftig, aufrichtig, singulär und nicht nachzuahmen. Es ist nicht vorstellbar, dass „The Drift“ ein neues Genre oder neue Spielweisen in der Musik nach sich gezogen hätte. Es ist ein persönliches Dokument, das sich nicht transferieren und kaum durchdringen lässt. Es bleibt das Statement eines enigmatischen Genies, auf dessen Klangwelt sich noch weitaus mehr Menschen einlassen sollten. Ohne sich darüber lustig zu machen. Denn lustig und lächerlich, das sind die anderen „Finsterlinge“, nicht diese kompromisslose Platte.

Hier geht es zu der vorangegangenen Folge von "Plattenzeit".

Zum Reinhören



Titelbild: Grant Gee, Bearbeitung: Felix Kozubek

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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