Plattenzeit #23: Luisa Imorde – Zirkustänze

8 Minuten Lesedauer

Ist klassische Musik abenteuerlich?


Kein Wunder, dass immer weniger junge und junggebliebene Menschen Lust auf klassische Musik haben. Das Interesse später einmal als  Sitzplatz-Mumie im Konzertsaal auszuharren und schon wieder irgendetwas von Mozart, Beethoven oder Schumann zu hören ist verschwindend.
Junge Menschen vermissen zu Recht die Begeisterung in den Gesichtern des anwesenden Publikums, das in Würde gealtert ist oder sich zumindest auf mondäne Weise alt gelangweilt hat. Die Bildungsoberschicht bleibt nun einmal gerne unter sich. Körperlich hart gearbeitet hat in diesen Konzertsälen niemand. Stattdessen haben diese Menschen aber viele Referenz-Einspielungen im Kopf und vergleichen stets, wenn sich eine junge Pianistin und ein junger Pianist an den Flügel setzt, ob sich dieseR damit messen kann. Omnipräsent sind auch die Briefwechsel der jeweils interpretierten Komponistinnen und Komponisten, mit Hilfe derer sich noch ein weiterer, tieferer Zugang finden lässt.
Mittels dieser über die Jahre neben all der schweren geistigen Arbeit erworbenen Bildung und der Anhäufung des damit einhergehenden kulturellen Kapitals, ist es dann auch einfach sich mit der Korrektheit des Dargebotenen zu beschäftigen. Das Damoklesschwert der „Richtigkeit“ und der Angemessenheit schwebt über jedem, der sich an die großen, heiligen Werke der klassischen Musik heranwagt. Völlig egal, dass sich unter den großen und verehrten Komponisten auch große Improvisatoren befanden. Im Hier und Jetzt hat man und frau Note für Note wiederzugeben, was den genialen Köpfen damals entsprungen ist und sich über die Jahrhunderte als adäquate Spielweise herauskristallisiert hat.
Die Diagnose liegt damit auf der Hand: Es gibt kaum ein Genre, das so wenig in Verbindung mit Abenteuer, Lebensfreude und Experimentierlust steht wie die klassische Musik. Unter dem Ballast von Jahrhunderten und fachkundigen Meinungen von tatsächlichen oder selbsternannten Experten wurde die Klassik statisch. Immer noch  steht das Starren auf die alten Meister im Mittelpunkt. Der Kanon wird nicht oder nur sehr langsam erweitert. Kein Zweifel somit, dass die Uhren in der klassischen Musik anders ticken als anderswo. Während in popkulturellen Kontexten die Schnelllebigkeit und der unbedingte Wille zur Gegenwart vorherrscht, findet sich hier noch immer der Staub der letzten Jahrhunderte.


Ja, sie ist es!


Obiges sind Urteile und Vorurteile. Jedenfalls aber Fragen und Probleme, durch die sich der Klassik-Neuling kämpfen muss. Quereinsteiger haben es in diesem Bereich schwerer als sonstwo. Es gibt nämlich tatsächlich sehr viel angestaubtes Flair. Und auch die angesprochen „Sitzplatz-Mumien“ wird man tatsächlich antreffen. An das Husten in den leisen Passagen muss man sich außerdem ebenfalls gewöhnen.
Aber es gibt Einstiege. Möglichkeiten, um diese bunte, schillernde und aus musikalischer Sicht ungeheuer reichhaltige Welt zu betreten. Klassische Musik ist nicht tot. Im Gegenteil. Es geht ihr bestens. Sie muss sich nur hin und wieder ein bisschen locker machen und sich aus allzu vorgefertigten Erwartungshaltungen freispielen. Dann wird auch ihre Komplexität, ihre Abenteuerlust und ihre Tendenz sichtbar, aus dem Vollen der musikalischen Möglichkeiten zu schöpfen. Wer sich einmal wirklich auf diese Welt eingelassen hat wird erstaunt sein, wie beschnitten und verkümmert einem vieles in der Musik vorkommt, das heutzutage zu Unrecht in den Himmel gelobt wird.


„Zirkustänze“


Ganz locker-lässig geht die junge Pianistin Luisa Imorde mit den Traditionen und Konventionen der klassischen Musik um. Sie bewegt sich zwar durchaus in angestammten und traditionellen Klassik-Kreisen, weiß aber mit den Erwartungshaltungen des Publikums zu spielen und diese zu irritieren. Nicht auf avantgardistische oder bilderstürmende Art, sondern durch hochinteressante Verschiebungen und In-Beziehung-Setzungen von Werken, deren Beziehung bisher nicht gesehen wurde.
Für ihre Debüt-Einspielung nimmt sie sich Robert Schumann vor. Wie so viele andere vor ihr. Ihre perlenden Läufe und ihr dezenter und wenn nötig kräftiger Anschlag lässt Schumann-KennerInnen jubilieren. In Schumann-Kreisen wird ihr nichts zu Lasten gelegt, sondern ihr Spiel wird in diversen Foren gelobt und diskutiert.
So weit, so schön. Es ist zweifellos denkbar, dass auch im Jahr 2016 noch Menschen zu Schumann finden. Seine Melodien hätten es verdient. Seine Musik evoziert schließlich Bilder. Und tatsächlich wähnt man sich bereits in den „Papillons op.2“ im Zirkus. Oder zumindest in einem wunderschön erleuchteten Ballsaal. Alles könnte passieren. Erwartung liegt in der Luft. Ob hier das Konzept von Luisa Imorde bereits die Rezeption lenkt? Möglich. Schließlich überschreibt sie ihr ganzes Album mit dem Titel „Zirkustänze“.
Einen Zirkus im allerbesten Sinne veranstaltet Luisa Imorde mit dem eigentlichen Projekt dieses Albums. Sie nimmt die „Elf Humoresken“ des zeitgenössischen Komponisten Jörg Widmann und stellt diese einer Auswahl von Klavierstücken aus der Feder von Robert Schumann gegenüber. Damit schafft sie einen Dialog über die Jahrhunderte. Der Hörer kann die Stücke gegenlesen, Ähnlichkeiten erkennen. Widmann wird plötzlich handzahm und melodisch. Zugleich glaubt man bei Schumann fast schon „neutönende“ Abenteuer zu hören. Hört man diese Stücke in dieser Montage gibt es gar Augenblicke, in denen der Urheber dieser Stücke für Augenblicke verschwindet. Man verliert den Überblick und hört zugleich Zusammenhänge.
Mit „Zirkustänze“ von Jörg Widmann beendet Imorde ihre mehr als nur außergewöhnliche Debüt-CD. Auch hier ist sie fern von Kopflastigkeit und Sperrigkeit. Die Stücke, obwohl ganz und gar nicht unkomplex, finden zu einem merkwürdigen, leicht stolpernden Tanz auf den man sich gerne einlässt.


Fazit


Dieses Album kann sowohl Klassik-Kennern als auch Klassik-Neulingen wärmstens empfohlen werden. Kenner mit offenen Ohren werden es genießen, „ihren“ Schumann neu zu hören und zu sehen, dass dieser auch im Heute noch immensen Einfluss ausübt. Neulinge werden sich freuen, dass hier ein Einstieg in die klassische Musik ermöglicht wird, der es nicht voraussetzt, dass man sämtliche Schumann-Einspielungen kennen muss, um die Qualität dieser Aufnahme zu würdigen.
Durch die In-Kontext-Setzung von Schumann und Widmann ensteht ein neuer Raum, jenseits des Ballasts der Jahrhunderte. Dieser zeigt, dass diese Musik nicht historisch oder gar museal ist, sondern höchst gegenwärtig sein kann und dass ihr auch der eine oder andere „respektlose“ oder zumindest neue Umgang mit ihr nicht schadet. Luisa Imorde zeigt durch ihre Abenteuerlust, dass beide Seiten, sowohl der Zeitgenosse Widmann als auch der kanonisierte Schumann, von dieser Begegnung profitieren. Letzten Endes profitiert aber vor allem eine Person von dem kühnen Konzept von Imorde: Der Hörer.

Hier geht es zu der vorhergegangenen Folge von "Plattenzeit".

Zum Reinhören


Titelbild: (c) Daniel Biskup, Bearbeitung: Felix Kozubek

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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