Plattenzeit #66: Pain of Salvation – In The Passing Light Of Day

5 Minuten Lesedauer

Schicksal als Konzept


Das Schicksal ist oft eine hinterlistige Sau. Besonders fies war es zu Daniel Gildenlöw, Meisterverstand bei der Band Pain of Salvation. Erfreute er sich eben noch bester Gesundheit sollte er aus heiterem Himmel vier Monate im Krankenhaus verbringen müssen. Ob er diese Zeit lebend überstehen würde stand in den Sternen. Alles begann mit einer ganz normalen Infektion und endete als Todeskampf. Er hatte sich eine nekrotisierende Fasziitis eingefangen. Wir reden somit von fleischfressenden Bakterien, die das Gewebe rasend schnell von innen her zerstören können. Die Schwelle von noch lebendig hin zu bereits tot ist dabei recht flott überschritten.
Das war im Jahr 2014. Gildenlöw sprang dem Tod noch einmal von der Schippe und schrieb herzzerreißend gute Songs. Das Konzept war schnell gefunden. Anders als bei Prog-Rock-Alben durchaus üblich mussten dazu nicht hochtrabende Ideen, Fantasiegestalten oder Weltretter-Phantasien herhalten. Der Sänger und Gitarrist machte für das aktuelle Album die Realität zum Rahmen. Das Krankenbett dient dabei als Ausgangspunkt, in den erzählerischen Erinnerungen wird aber auch ein Blick in andere Betten geworfen. Das kann das Kindbett sein oder auch Betten, in denen sich der noch gesunde Gildenlöw der schönsten Nebensache der Welt widmete.
Unschwer ist hier bereits zu erkennen, dass das alles gewaltig in die Hose gehen und zu einem larmoyanten Geseiere verkommen hätte können. Doch Pain of Salvation sind nicht irgendwer und wissen diese traumatischen Erlebnisse in die richtige Form zu springen und bringen auch, als weltweit gefeierte Band aus dem Dunstkreis des Progressive-Rock, das notwendige musikalische Rüstzeug mit um dieses Projekt zu stemmen.
Mit einem wuchtigen Stakkato-Riff beginnt das Album. „On a tuesday“ lädt zum gepflegten Schütteln der tatsächlichen oder imaginären Haarpracht ein. Das Thema ist weniger fröhlich und euphorisierend. Es geht darum, dass der Ich-Erzähler sich fragt, ob er den nächsten Dienstag noch erlebend wird. Dieser wäre sein Dienstag Nummer 2.119. Den nackten Überlebenskampf begleitet in der Mitte des Liedes eine lieblich-säuselnde Stimme, die „I lost the will“ skandiert. Lebensfreude geht anders. Doch dieser Agonie trotzt die Band und der Sänger alles ab was sich in Sachen intelligenter Rock-Song auffahren lässt.
Ein weiteres Highlight wartet mit „Meaningless“. Das Video mit nekrophilen und morbiden Untertönen unterstützt den Song optimalst. Der Gitarrist und Mitsongschreiber Ragnar Zolberg greift Gildenlöw im Refrain nicht nur unter die Arme, sondern definiert den Song und seine schon leicht wütende Verzweiflung. Mit „Silent Gold“ lassen Pain of Salvation sodann eine waschechte Ballade nachfolgen, die nichts aber schon gar nichts mit dem Klischee einer Metal-Ballade zu tun hat. Wenn harte Bands weich werden ist das oftmals peinlich und pathosbeladen. „Silent Gold“ ist hingegen ein Song, für den so manche gefeierte Indie-Rockband töten würde.
Die Balance zwischen harten und zarten Momenten stimmt im gesamten Albumverlauf. Ebenso der Gesamtverlauf des Albums. Obwohl über 70 Minuten lang gibt es keine Durchhänger oder schlechten Songs. Alles fügt sich nahtlos ein. Das gelingt vor allem auch deshalb, weil auf Prog-Klischees weitestgehend verzichtet wird. Klar, Polyrhythmik ist bei so mancher Passage kein Fremdwort. Völlig abwesend sind aber wenig songdienliche Frickel-Passagen oder überlange Soli. Trotz der Überlange der Songs, der Titeltrack dauert stolze 15:31, verfliegt die Hörzeit wie im Flug. Jeder Part ist motiviert und punktgenau eingepasst, die Melodien perlen und die Stimmen oszillieren zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt.


Fazit


Darf man es sagen? Ja, man muss sogar. „In The Passing Light Of Day“ ist ein makelloses Album progressiverer Gangart. Es vollbringt das Kunststück trotz ausufernder, nicht unkomplexer Songs kompakt und konzise zu wirken. Und Daniel Gildenlöw hat, im Angesicht des Todes, ohnehin die Songs seines Lebens geschrieben.


Zum Reinhören



Titelbild: (c) Yann Charles, flickr.com, Bearbeitung: Felix Kozubek

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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