Plattenzeit #77: St. Vincent – Masseduction

4 Minuten Lesedauer

Popstar


Mit „Masseduction“ macht St. Vincent alias Annie Clark ernst. Sie möchte ein Popstar sein. Doch für den Fall, dass das Album tatsächlich so einschlagen sollte, wie es die Musik darauf nahelegt, wird sie kein Popsternchen üblichen Zuschnitts sein.
Annie Clark hat nämlich Verehrer in mehreren, gänzlich unterschiedlichen Bereichen. Sie ist nicht nur glitzernder Popstar in spe, sondern auch Gitarren-Heldin. Letzteres natürlich wieder nicht im herkömmlichen Sinne. Obwohl durchaus eine Meisterin auf ihrem Instrument, nimmt sie die Sache mit der Virtuosität nicht ganz bierernst. Wichtiger als atemberaubend schnelle Licks sind ihr die Originalität und der Klang. Diese Klang- und Soundaffinität wiederum führte dazu, dass sie zusammen mit dem Team von „Earnie Ball Music Man“ eine Gitarre entwarf und auf den Markt brachte, die mittlerweile nicht nur von ihr, sondern von diversen Musikern von Rang und Namen gewürgt wird.
Wer jetzt aber auf ihrem aktuellen Album Gitarren-Gejaule und Hochleistungs-Licks der Extraklasse erwartet ist zumindest beim ersten Hördurchgang mächtig enttäuscht. Noch nie klang Fräulein Clark offener und ungeniert poppiger. Dafür mag unter anderem der Produzent Jack Antonoff verantwortlich sein, der schon bei Lorde und ihrem „Melodrama“ Hand anlegte.
Der Vergleich mit Lorde ist dabei durchaus lohnend. Beide Alben sind auf ihre Weise hochgradig gegenwärtige Entwürfe von Popmusik. Beides sind Platten, die Popmusik als Kunst begreifen und sich die musikalische Relevanz dieser Spielart sturerweise ganz und gar nicht ausreden lassen. Pop kommt hier von populär und massenwirksam, verzichtet wird dabei aber auf Schablonen. Echter Ausdruck statt downgrading zwecks größtmöglicher Breitenwirksamkeit lautet die Devise.
Was aber passiert tatsächlich, wenn eine „richtige“ Musikerin sich der Popmusik annimmt? Erstaunliches. Im Gegensatz zu Lady Gaga, die den versprochenen Entwurf von Avantgarde-Pop stets schuldig blieb, liefert St.  Vincent in jeder Hinsicht ab. Während Lady Gaga, ja eher Interpretin denn Komponistin, den Fehler beging, Pop allzu oft als brachiales Kirmes-Dance-Projekt auszulegen konzentriert sich unsere Annie auf den Song als Zentrum der Musikalität. Jahrelang soll sie an den Songs gefeilt haben, damit wirklich gar alles aufgeht. Das Ergebnis gibt der bekennenden Workaholicerin recht.
Dieses klingt nicht immer gefällig, auch wenn immer wieder gen Tanzfläche geschielt wird. Wer mag kann sich zu den Songs ekstatisch bewegen und sich wieder wie jugendlich fühlen. Aber auch unter den Kopfhörern geht „Masseduction“ voll auf. Unter diesen zeigen auch die Gitarren kräftig auf, die man beim ersten Hören unter den Beats ein wenig verloren glaubte. Sie sind da. Nur halt nicht gitarristisch eingesetzt. Sie klingen manchmal wie Synthies und nehmen zum Teil unterstützende Funktionen wahr. Langsam setzen sich aber auch Gitarrenmotive im Kopf fest, die dezent an den richtigen Stellen eingesetzt nur umso mehr Kraft entfalten.


Fazit


„Masseduction“ ist vor allem eine Platte voll mit meisterlichen, originellen Songs, die Pop als anspruchsvolle Kunstform zelebrieren, die auch mal irritieren und sogar nerven darf. Das Spiel mit Nähe und Distanz versteht Annie Clark zudem vortrefflich. Wir erfahren wirklich alles von der Figur Annie Clark, aber kaum etwas von ihr als Privatperson.
Man dieser Figur aber kann man leiden, weinen und fröhlich sein. Nach dem Hören der Platte steht man dann da als armer Tor und ist so klug als wie zuvor. Man ist verwirrt von soviel musikalischer Grandezza, Wärme, Kühle, Nähe und Ferne. Und sich sicher, dass man gerade eine sehr kluge Platte gehört hat, die aber das Herz an der richtigen Stelle hat.


Zum Reinhören



Titelbild: (c) consequenceofsound2, flickr.com

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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