Plattenzeit #78: Robert Plant/Alison Krauss – Raising Sand

4 Minuten Lesedauer

Sanft


Robert Plant muss an dieser Stelle nicht vorgestellt werden. Als Frontmann von Led Zeppelin hat er Musikgeschichte geschrieben. Angesichts dieser Tatsache verblasst sein Solo-Output ein wenig. Musikalisch lässt sich das größtenteils nicht nachvollziehen, denn die Rocklegende  veröffentlicht in regelmäßigen Abständen gute bis hervorragende Platten, vor wenigen Wochen etwa „Carry Fire“.
Das Problem liegt anderswo. Zu viele Menschen warteten auf eine Reunion von Led Zeppelin. 2007 war es so weit und man tat sich wieder zusammen, zumindest für ein Konzert und mit leicht verändertem Line-Up – zumal der Schlagzeuger John Bonham schon vor etlichen Jahren die Drumsticks für immer abgegeben hatte. Im Zentrum standen aber ohnehin Robert Plant und Jimmy Page. Friede, Freude Eierkuchen konnte man also meinen. Einer Welttournee stand nach dem gelungenen Reunionskonzert eigentlich nichts mehr im Wege. Doch Robert Plant wollte nicht, da er seine Solo-Karriere im Auge hatte und wohl auch mit der nostalgischen Verklärung der einstigen Rock-Erneuerer wenig anfangen konnte.
Das muss man wissen, wenn man die vorliegende Platte richtig einschätzen will. Robert Plant, obwohl nicht zuletzt auch Meister der einfühlsamen und subtilen Ballade, gilt nämlich nicht zuletzt als „Rockröhre“. Seine ekstatischen Schreie auf „Whole Lotta Love“ kennt so gut wie jeder. Der Meistersänger ist vor allem bekannt für die höheren Register seiner Stimme, die er vor allem in rockigen und exzessiven Song-Momenten zieht.
Für „Raising Sand“ tat er etwas völlig anderes. Er schloss sich mit der amerikanischen Bluegrass-Musikerin Alison Krauss zusammen. Eigene Songs blieben dabei außen vor. Man widmete sich ausgewähltem Fremdmaterial auf ganz eigene Weise. Nie zuvor klang Plant zärtlicher, zurückhaltender, „unmännlicher“. Er ließ seiner Partnerin fiel Platz, die Songs selbst atmeten aufgrund der zahlreichen Leerstellen. Produziert wurde das Wunderwerk an Einfühlsamkeit von T Bone Burnett, seinerseits bekannt für gelungene Interpretationen ur-amerikanischen Liedgutes. Dass Marc Ribot, neben Burnett selbst, an der Gitarre zu hören war wirkte sich ebenfalls positiv auf das musikalische Gesamtbild aus.
Entstanden sind sehnsüchtige Lieder, die auch mal zu Tränen rühren können, ganz ohne auf die Tränendrüse zu drücken. Pathos bleibt außen vor, dafür wird den Songs ganz viel Zeit gelassen und an den kleinen, aber entscheidenden Details gefeilt. Plant verspürt offenbar gar keine Lust sich nach vorne zu drängen und die große Rocklegende zu mimen. Er wirkt entspannt, gelöst und öffnet sich ganz im Dienste der herausragenden Songs.
Es fällt nicht schwer die tiefenentspannte Haltung von Plant als eine subtile Verweigerungshaltung auszulegen. Gerade in der Zeit, als eine Led-Zeppelin Reunion im Raum stand, also 2007, haute der Großmeister ebendieses Album raus. Die dahinterstehende Geste ist leicht zu verstehen: Plant lässt sich nicht auf angestammte Rollen festlegen. Dass dieser Verweigerungshaltung ein wunderbares Album entspringt, das sowohl als Hintergrundbeschallung für romantische Stunden zu zweit als auch für detailverliebte Kopfhörer-Fans funktioniert, ist ein Glücksfall.


Fazit


Es wäre bedauerlich, wenn „Raising Sand“ zur Randnotiz im Schaffen von Plant verkommen würde. Diese Platte will gehört und genossen werden, völlig ohne nostalgisch verklärten Blick. Wer Robert Plant anders erleben möchte und ein Faible für amerikanische Musik hat, der wird mit diesem Album eine echte Perle entdecken.


 Zum Reinhören


 


Titelbild: (c) Mike Iacuessa, flickr.com

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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