Warum der Primark-Skandal nicht echt, sondern geplant wirkt

9 Minuten Lesedauer

Die erste Botschaft soll in Wales gefunden worden sein.
Die erste Botschaft soll in Wales gefunden worden sein.

Ist der Primark-Skandal ein Fake? Jein. Aber es dürfte wohl bald einen neuen Stern am Agentur-Himmel geben. Zu viele Zufälle lassen nämlich den jüngsten Primark-Skandal äußerst gewollt wirken. Es sieht, beim zweiten Hinsehen, ganz nach einem konstruierten und bewusst produzierten Shitstorm gegen den irischen Textil-Discounter aus. Auch wenn die Kampagne kleinere Ungereimtheiten aufweist, so erzielt sie die gewollte Wirkung und öffnet der breiten Öffentlichkeit (einmal wieder) die Augen. Bleibt zu hoffen, dass wir sie nicht gleich wieder verschließen.

1. Warum tauchen die Zettel nun alle zeitgleich auf?

Wie aus dem Nichts tauchen mehrere, in Kleidungsstücke eingenähte, Botschaften auf. Die ersten beiden sollen von Primark-Kundinnen in neu gekauften Kleidern gefunden worden sein. Das Foto der ersten Nachricht (mit einer offensichtlich bedrückten und bestürzten Kundin die das Kleid in die Kamera hält) ging dabei um die Welt. Die Botschaft „forced to work exhausting hours“, bedeutet frei übersetzt so viel wie „gezwungen bis zur Erschöpfung zu arbeiten“. Die zweite Botschaft soll eine Kundin ebenfalls auf ihrem Kleid gefunden haben. Die Botschaft „degrading sweatshop conditions“, oder „erniedrigende Sweatshop-Bedingungen“.
Die dritte Botschaft (mir kam sie auf Twitter unter) wurde von BBC online veröffentlicht. Diese Nachricht wurde in asiatischen Schriftzeichen verfasst und soll in einem chinesischen Gefängnis-Ausweis eingelegt gewesen sein. In dem Text werden die unmenschlichen Arbeitsbedingungen beschrieben. Demnach müssten die Arbeiter „wie Ochsen“ schuften und auch zur Verfügung gestellte Essen, sei sogar für Tiere ungenießbar. Über der Anklageschrift sind die Worte „SOS! SOS! SOS!“ zu lesen. Die Hose, in der der Gefängnis-Ausweis inklusive Botschaft gefunden worden sein soll, sei anscheinend seit 2011 im Besitz der Kundin.

Die in asiatischer Schrift verfasste Nachricht wurde anscheinend in einer Hose in Belfast gefunden.
Die in asiatischer Schrift verfasste Nachricht wurde anscheinend in einer Hose in Belfast gefunden.

2. Wieso tauchen alle Botschaften in der selben Gegend auf?

Ein weiteres Indiz für die Vermutung, dass es sich hier um eine bewusst konstruierte Kampagne handelt, ist die Tatsache, dass sämtliche aufgetauchten Botschaften nicht nur zeitlich knapp hintereinander, sondern auch geographisch in einem sehr ähnlichen Gebiet aufkamen. Die beiden in den Kleidern eingenähten und in englischer Sprache verfassten Botschaften sollen in Swansea (Wales) gefunden worden sein. Die von BBC online veröffentlichte und in asiatischer Sprache gehaltene Anklageschrift soll in Belfast (Nordirland) aufgetaucht sein. Auch wenn Primark in Großbritannien sehr stark vertreten ist, so ist die geographische Nähe der Fundorte doch sehr auffällig. Oder wie hoch steht die Wahrscheinlichkeit, dass es nun genau drei Botschaften, in unterschiedlichen Sprachen und aus unterschiedlichen Quellen genau nach Großbritannien zur Veröffentlichung geschafft haben?

3. Wann wurden die Kleidungsstücke nun wirklich gekauft?

Auch beim Kaufzeitpunkt der einzelnen Kleidungsstücke, in denen die Botschaften gefunden worden sein sollen, gibt es Ungereimtheiten. Wie bereits erwähnt, sollen die beiden in Swansea gekauften Kleider, neu gekaufte gewesen sein. Doch Primark schreibt in einer Presseaussendung, dass die Kleider zum letzten Mal 2013 im Ausverkauf über den Ladentisch gegangen sein sollen. Bei der in Nordirland gekauften Hose, inklusive Botschaft, gehen die Meinungen noch weiter auseinander. Laut Medienberichten wurde die Hose 2011 erworben (seitdem wurde die Botschaft nicht entdeckt). Laut Primark stehe diese Hose aber seit dem Jahr 2009 nicht mehr zum Verkauf.

4. Wie konnten die Botschaften in englischer Sprache verfasst werden?

Zwei der drei Nachrichten wurden in englischer Sprache verfasst. Auf den ersten Blick ist das nicht wirklich ungewöhlich. Doch auch hier muss die Frage gestellt werden, wie plausibel diese Tatsache wirklich ist. In den Ländern in denen Primark produziert, sind die Analphabeten-Raten unter Frauen exorbitant hoch. Auch der Ton der beiden Botschaften ähnelt sich sehr und wirkt auf den zweiten Blick (durchaus) konstruiert.

FAZIT – STOP – AUGEN AUF und DENKEN – lernen aus dem Primark-Skandal

Wer den Text bis hier gelesen hat, könnte meinen, dass ich Primark in Schutz nehmen möchte. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Der Shitstorm der vergangenen Tage hat seine absolute Berechtigung. Unsere westliche Wohlstandsgesellschaft verschließt leider allzu oft die Augen und ignoriert Abscheulichkeiten die in dieser Welt passieren, getrübt und besänftigt durch das T-Shirt das es für 5 Euro, den Pulli den es für 10 Euro und die schicken Schuhe die es für 20 Euro zu kaufen gibt.

Primark-Kunden reißen sich die Billig-Ware gegenseitig aus der Hand und werden so (moralisch) zu "Mittätern".
Primark-Kunden reißen sich die Billig-Ware gegenseitig aus der Hand und werden so (moralisch) zu „Mittätern“.

Und genau hier setzt meine Kritik an. Egal ob es sich bei den Botschaften um eine konstruierte Kampagne, oder um wirkliche Hilferufe von verzweifelten Näherinnen, die unter unmenschlichen Arbeitsbedingungen arbeiten müssen, handelt. Wir müssen mal wieder mit der Nase in den „Scheißhaufen“ der Ungerechtigkeit gedrückt werden, um diese Abscheulichkeit und Unwürdigkeit eines Systems, welches wir mit unserer unüberlegten Konsum-Geilheit täglich aufrechterhalten, zu erkennen. Das ist einfach nur traurig und schockierend. Oder gibt es hier wirklich Menschen die glauben, dass Kleidungsstücke die für wenige Euros bei uns verkauft werden können, unter fairen Bedingungen hergestellt wurden? Wie soll denn das bitte gehen? (da kostet der Transport mit dem Bus nach Hause mehr als das neue paar Jeans, aber der Weg von Asien nach Europa soll gratis gewesen sein?)
Ja es ist angebracht mit dem Finger auf die Großen zu zeigen. Auf jene die für wenige Cent am Tag, für wenige Dollar im Monat Menschen ausbeuten, um damit 3,19 Mrd Dollar (2010) Umsatz zu erwirtschaften. Aber es sind wir. WIR (!). Es sind wir die diese Preise zahlen, die dieses System nähren und aufrecht erhalten. Erst wenn wir umdenken und nicht 100 (gleich hässliche) „Wegwerf-Tshirts“ im Kasten liegen haben müssen. Erst dann müssen auch die sogenannten Großen umdenken. Erst dann nimmt dieser Spuk ein Ende.
Ja die Frau auf dem Bild, die die erste Botschaft gefunden hat, darf gerne betroffen dreinschauen. Aber nicht, weil sie über die Arbeitsweise von Primark so entrüstet ist (über diese weiß man schon länger Bescheid), sondern weil sie fähig war ein solches Kleid zu kaufen und damit die Ausbeutung von tausenden Frauen und Kindern erst ermöglicht hat! Mit dem Primark-Shitstorm wurde uns kein grausames Bild vorgehalten, sondern ein Spiegel. Schaut rein, seid betroffen und denkt ein für alle Mal um!
PS.: Warum ich mich damit beschäftigte, ob es sich hier um eine konstruierte Kampagne oder um echte Hilferufe handelt? Hier geht es um ein anderes Thema, das ich in einem anderen Text erörtern werden. Aber es war mal wieder schön zu sehen, wie schnell sämtliche Medien und auch die Social-Media-Community sich auf einen (vielleicht) konstruierten Skandal aufgesprungen ist – ohne groß nachzufragen und zu recherchieren. Wieder einmal wollte jeder nur der erste sein. Qualität schaut auch hier … anders aus.
PPS.: Eine herzliche Gratulation an die Agentur die diese Kampagne (vielleicht) entwickelt hat. Es dürfte bald einen neuen Stern am Agentur-Himmel geben. Sofern das je öffentlich wird. 😉

Ein Leben zwischen Schreibmaschine und Fußballplatz. Eigentlich Betriebswirt. Heute mal Autor, mal Sportmanager. Hat das ALPENFEUILLETON ursprünglich ins Leben gerufen und alle vier Neustarts selbst miterlebt. Auch in Phase vier - "Diskursplatz für Selbstdenker" - aktiv mit dabei und fleißig am Schreiben.

1 Comment

  1. Die Argumente sind nicht von der Hand zu weisen. Könnte ein Fake sein, durchaus. Bekannt ist jedoch, dass Primark sich nicht um die Arbeitsbedingungen der Näher_innen sorgt. Die Regel ist: Aufträge werden an einen Sublieferanten vergeben, der dann unterschreibt, dass die Arbeitsbedignungen gut, die Bezahlung fair etc. ist. Die Gierkonzerne meinen damit aus dem Schneider zu sein. Wissend, wie es tatsächlich hinter den Kulissen zugeht.
    Die Regel ist es auch, dass Gierkonzerne den Herstellungspreis eines Kleidungsstückes vorgibt. Das heißt, der Sublieferant kriegt den Auftrag nur, wenn er zu diesem Preis produziert. Allesamt Fakten, die der Sklavenarbeit direkt in die Hände spielen.

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