Überlassen wir das Schreiben und Denken nicht den Marketing-Fritzen!

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Größenwahn pur. Aber es muss sein. Meine Kolumne muss mit einem Zitat von Immanuel Kant beginnen. Weil es um alles geht. Um uns, unser Leben, unsere Berufe und Berufungen! Vor langer Zeit schrieb Kant jedenfalls folgendes: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.“
Damit beschreibt er das entscheidende Projekt der Moderne, das bis heute noch nicht abgeschlossen ist: Die Positionierung des Menschen als autonomes und rational denkendes Subjekt, das mit Hilfe seines Intellekts und seines Wissens, wenn notwendig, auf kritische Distanz zur Gesellschaft gehen kann. Der denkende, rationale Mensch kann im besten Fall seine eigene Position beschreiben und verändern. Er ist den Strukturen und Diskursen ringsum nicht hilflos ausgeliefert.
Das war in der Geschichte des modernen Menschen längst nicht immer so. Möglicherweise ist das „Ich-Bewusstsein“ überhaupt erst im späten Mittelalter und in der frühen Renaissance entstanden. Der Mensch findet zu sich selbst, beginnt zu analysieren und geht aufs Ganze. Ich und die Welt. Ich gegen die Welt. War früher das Kollektiv im Fokus, war es dann der einzelne Mensch in der Gesellschaft, seine Selbstbehauptung in ebendieser. Der Mensch war mündig geworden, hatte sich gegen Ungerechtigkeit und Ungleichheit gestellt.
Spätestens im Hier und Jetzt wurde dieses grundlegende Projekt der Moderne unterbrochen. Die Wahrheitssuche des reflektierenden und denkenden Menschen wurde durch eine zutiefst irrationale Lügenkultur ersetzt. Der arbeitende, denkende, schreibende und generell tätige Mensch steht im Dienst des Belügens, Täuschens und Verführens.
Im Heute ist das auch als „Marketing“ bekannt. Marketing suspendiert die Substanz der Sache an sich und verschiebt die rationale Bewertung und Analyse auf die Ebene des schönen Scheins. Es ist letztlich egal was verkauft und beworben wird, wichtig ist die Kommunikation darüber was verkauft und angepriesen wird. Wer besser lügt, täuscht und verführt gewinnt!
Was macht das aber mit uns als ehemals denkende, reflektierende, rationale und autonome Subjekte? Ganz einfach. Wir werden wieder zu unmündigen Menschen. Selbst verschuldet haben wir uns von Marketing-Fritzen wieder in diese Unmündigkeit treiben lassen. Im Zeitalter dieser ausgeprägten Lügen-Kultur haben „Ich-Bewusstsein“, Rationalität und ganz generell der mündige und reflektierende Mensch keinen Platz mehr.
Begriffe wie Authentizität und Persönlichkeit eignen sich bestenfalls noch als Verkaufsargument und als Marketing-Masche. Persönlichkeit ist der möglicherweise schädliche Störfaktor, der sich einmischt auf dem Weg die Kundenwünsche zu erfüllen und beim Vorhaben für den Kunden perfekt zu lügen und geschönte Wahrheiten zu konstruieren nur im Weg wäre. Der mündige Mensch stört und wird zunehmend von unmündigen Mitläufern ersetzt, die ihre Persönlichkeit spätestens an der Bürotür abgeben.
Schöne neue Welt, die den Anschein erweckt zutiefst effizient und rational zu sein! Das Gegenteil ist der Fall. Rationalität wird ersetzt durch einen angepassten und substanzlosen „Lügen-Jargon“. Es geht um alles. Wir müssen uns wehren. Wir dürfen das Schreiben, Denken und Reden nicht den Marketing-Fritzen überlassen!

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Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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