Radiohead und Istanbul: Was uns die Attacke auf Musikhörer sagen sollte

5 Minuten Lesedauer

Die auf die Attacke in Istanbul folgende Sinn-Konstruktion ist nur allzu einfach: Die religiösen Fanatiker bedrohen „unsere Freiheit“. Wenn wir nicht einmal mehr Radiohead in einer an sich weltoffenen Stadt wie Istanbul hören können, dann steht der restriktive, reaktionäre und archaische Gottesstaat kurz bevor. Die Freiheit, auch im Ramadan bei einem solchen Ereignis Alkohol trinken zu dürfen ist es Wert unbedingt und bedingungslos verteidigt zu werden.
Fakt ist, dass bei diesem Angriff Menschen verletzt wurden. Fakt ist auch, dass den Angreifern der Alkohol vor Ort ein Dorn im Auge war. Eher unwahrscheinlich ist, dass der Angriff der Musik und den politischen Botschaften von Radiohead gegolten hat. Die Band Radiohead veröffentlicht dennoch ein Statement, in welchem von einem Akt der „gewalttätigen Intoleranz“ gesprochen wird.
Es dauerte nicht lange, bis mediale eine Verbindung zum Verbot der „Gay-Pride-Parade“ hergestellt wurde. Bei diesem Verbot hätten ebenfalls religiöse Fanatiker eine nicht unwesentliche Rolle gespielt.
Die Türkei ist gerade auf dem besten Weg, in der öffentlichen Wahrnehmung ein weiterer „Schurkenstaat“ zu werden. Einstige weltoffene Einsprengsel, vor allem in der Metropole Istanbul, sind Angriffsziele von Menschen geworden, denen die sukzessive Demontage einer „westlichen“ und liberalen Türkei ein dringendes Anliegen ist.
Der Angriff auf den Plattenladen, der außerdem in der Nähe des Taksim-Platzes liegt, eignet sich jedenfalls hervorragend dazu Denk- und Ideologie-Gegensätze aufzubauen. Vor allem für Medien.
Der „Westen“ blickt verärgert und fassungslos auf diesen Angriff auf die Grundfeste der eigenen Werte. Die symbolische Brücke zwischen West- und Ost, die Istanbul einmal dargestellt hatte, würden manche kurzerhand am liebsten gleich beredet und mit vielen Worten abtragen.
Das Problem ist nicht, dass vermeintliche Islamisten eine friedliche Listening-Session attackiert haben. Das Problem ist, dass wir uns von solchen Taten dermaßen irritieren und erschüttern lassen. Sie sollten uns zwar erschüttern, aber eine ganz andere Reaktion nach sich ziehen.
Derzeit ist das Reaktions-Repertoire sehr beschränkt. In fast allen Fällen führt ein solches – oder vergleichbares – Ereignis zu einer Art Hybris des „westlichen“ Denkens. Die plötzliche Wiederentdeckung der (westlichen) Freiheit ist omnipräsent. Dass unsere westliche Freiheit brüchig ist und konstant eingeschränkt wird, wird nicht thematisiert.
Diese Einschränkung resultiert vor allem auch aus den Reaktionen der „westlichen“ Medien. Selbstverständlich ist eine solch hinterhältige Attacke zu verurteilen. Mit der bloßen und unreflektierten Verurteilungen wird aber ein Schwarz-Weiß-Denken beflügelt, das gerade dabei ist, letzte Freiheiten des „Westens“ zu destruieren.
Der „Westen“ hat sich zurückgezogen in seine Denk-Festung und übt sich in Tautologien. Unserer Freiheit ist zu verteidigen, weil unsere Freiheit zu verteidigen ist. Die Setzung dieses stellenweise leeren und ausgehöhlten Begriffes schafft ein homogenes „Wir“, das gegen ein homogenes „Die Anderen“ in Stellung gebracht wird. Hier die freiheitsliebenden „Westler“, dort womöglich bald ein weiterer „Schurkenstaat“.
Das alles sind Alarmsignale. Nicht deshalb, weil wir jetzt tatsächlich fürchten müssten, dass uns der islamistische Gottesstaat bald ins Haus steht. Sondern deshalb, weil wir uns in einem Denken in strikten Gegensatz-Paaren verheddert haben. Weil die breite Masse kaum mehr die vorhandenen progressive Kräfte und die künstlerischen Errungenschaften der Türkei der Gegenwart wahrnimmt. Dass Istanbul über eine aktive, höchste interessante Kunst- und Musikszene verfügt kommt nicht in den Fokus, sondern geht unter in medialem Getöse.
Die Konsequenzen daraus: Wir müssen gewalttätige Anschläge und Attacken strikt verurteilen. Aber wir müssen uns auch Gedanken darüber machen, ob unsere „westliche“ Freiheit die einzig denkbare Freiheit ist und wir frei wir tatsächlich (noch) sind.  Wir dürfen nicht mit arrogantem Blick „unsere Werte“ absolut setzen. Aber wir müssen sehr wohl progressive Kräfte vor Ort unterstützen und vor allem diejenigen verstärkt wahrnehmen, denen es um ein friedliches mit- oder zumindest nebeneinander geht.
Die Vereinfachung der Situation oder das Ignorieren dieser Kräfte spielt der Radikalisierung in die Hände. Wir sollten alles daran setzen, das zu verhindern.

Titelbild: WireImage, Xavi Torrent

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

*

code