Internet für zuhause: Verzweiflung pur !!!

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Dass unser Leben manchmal komische Auswüchse hat, weiß ein jeder. Dennoch gibt es sie noch immer, diese überraschenden Momente, wenn man so gar nicht damit rechnet und das Leben knallhart zuschlägt. Ein solcher Moment war heute. Eigentlich war alles klar. Ich bin umgezogen und hatte den nicht unverschämten Wunsch, in der neuen Wohnung, Internet und Fernsehen  zu haben. Gesagt getan. Das kann doch nicht so schwierig sein. In einer kapitalistischen Welt regiert der Markt und der hat sicher unterschiedliche Dienstleister zu bieten, die mich vor lauter Preisschlacht mit allerhand Zuckerln, Rabatten und tollen Angeboten umwerben werden. Sowas von falsch gedacht.
Sich Internet zu besorgen, zählt offensichtlich zu den größten Herausforderungen denen man sich als Mensch stellen kann. Und man bedenke, unsere Spezies ist immerhin bis zum Mond geflogen. Während man es als Kunde gewohnt ist, König zu sein, herrschen im Bereich der Internet-Dienstleistungen andere Rollenbilder und Grundvoraussetzungen. Da beginnt beim Preis. Preise werden hier nämlich verschlüsselt, verschleiert und codiert angegeben. Versteckt hinter wohlklingen Namen wie „Entertainment Home für clever Sparer“ in den Ausführungen „small, medium, large und exxxtra large“. Obwohl sogenannte Monatspauschalen ausgewiesen werden, Vergleichbarkeit geht anders. Bei so gut wie jedem Anbieter fallen versteckte Extrakosten an, selbstverständlich zum Wohle des Kunden. Servicepauschale heißt das Ganze und kostet von 1,25 pro Monat, bis zu 49,90 jährlich.
Es lohnt sich also, nicht auf den ersten Blick zu vertrauen, sondern den alten Texas Instrument Schultaschenrechner rauszuholen und nachzurechnen. Am Ende kann das – wie im Matheunterricht – zu verblüffenden Ergebnissen führen. Wenn man sich entschieden hat, sollte man präventiv gleich einmal den Verfügbarkeitstest machen. Der erinnert von der Aussagekraft zwar eher an die Wahrscheinlichkeitsrechnungen kurz vor der Matura, schließt mögliche Anbieter aber gleich von vornherein aus. Es könnte nämlich passieren, dass der interessanteste Anbieter, der kristallklares Fernsehevergnügen und XtraXtra Highspeeeed Internet verspricht, das in deinem Haushalt gar nicht umsetzen kann, weil die nötigen Leitungen fehlen. Das ist dann in etwa so enttäuschend, wie wenn der Metzger im Schaufenster die schönsten Steaks liegen hat, sie dir aber nicht verkaufen darf, weil sie schon für deinen Nachbarn reserviert sind.
Wenn dann drei von vier Anbieter beim Wahrscheinlichkeitstest durchgefallen sind, kommt dir der vierte Anbieter meist gar nicht mehr so teuer vor. Plötzlich sind Erstinstalltationskosten beim Selbstinstallationspaket „eh nicht so schlimm“ und jährliche Servicepauschalen „vernünftig, wenn die dann auch wirklich weiterhelfen, wenns klemmt.“ Im Grunde – und jetzt liebe Anbieter, nicht weiterlesen! – könnten sie (die Anbieter) in diesem Moment die Kosten spontan verdoppeln. Die eigene Verzweiflung wäre dennoch größer und jeder würde zugreifen.
Wer bis jetzt alles geschafft hat, ist sensationell vorbereitet, kann voller Entschlossenheit endlich zum Hörer greifen und bestellen. Stopp. Erstmal muss man noch durchs Nummern-Drück-Labyrinth. „Wenn sie Informationen zu … drücken sie die 1.“ „Wenn sie … drücken sie bitte die 2.“ Und so weiter und so weiter. Ich habe absolut keine Ahnung, ob das tatsächlich eine Auswirkung hat und man wirklich einen anderen, geeigneteren Gesprächspartner ans Telefon bekommt oder ob das reine Beschäftigungstherapie ist, egal, ab in die Warteschleife.
„Wir bemühen uns ihren Anruf so schnell wie möglich entgegen zu nehmen.“ Was soll das denn heißen? Sind Kunden in der Warteschleife also wichtiger, als jene, mit denen bereits telefoniert wird? Wenn sie sich aktiv darum bemühen so schnell wie möglich mit mir telefonieren zu können, kann das ja nur heißen, dass sie die Oma, die zwei Sekunden vor mir angerufen hat, so schnell wie möglich loswerden und aus der Leitung bekommen wollen. Oder sind bei diversen Anbietern dauerhaft drei Telefondienstler am Klo oder im Pausenraum und die kacken oder schlucken jetzt extra schnell, damit ich mein Internet-Paket bestellen kann? Blödsinn. Die Schwindeleien, Tricks und Täuschungen haben beim Preis begonnen und finden hier ihre Fortsetzung.
Nach – durchschnittlich – elf Minuten bekommt man dann endlich einen bemühten Mitarbeiter ans Telefon. Dessen erste Amtshandlung – einen komplett verwirren und sämtliches Vorwissen für nichtig erklären. Hilflos ausgeliefert bucht man dann eben statt dem „Paket small“, doch das „Paket large“, „für ihre Bedürfnisse ist das sicher das beste Angebot.“ Woher um Gottes Willen will der denn wissen, was ich für Bedürfnisse habe? Im Moment wäre die einzige Sache, die meine Bedürfnisse stillt, ein Smartphone durch das man greifen und das Gegenüber würgen kann! Am Ende des Gesprächs dann die Terminvereinbarung. Der Techniker, der zur Selbstinstallation offensichtlich nötig ist, kommt da vorbei und installiert alles. Aha. Der Herr Techniker scheint jedenfalls ein vielbeschäftigter Mann zu sein. In zwei Wochen hat er einen Termin frei. Na bravo. Egal. Hauptsache Internet.
Heute war der Techniker da. Fünf Minuten lang. Ob ich jetzt Internet habe? Natürlich nicht. Beim Verfügbarkeits-Wahrscheinlichkeitstest muss sich wohl jemand verrechnet haben. Der richtige Anschluss fehlt. Sie melden sich bei mir wegen eines neuen Termins. Na hoffentlich nicht per Mail, … das könnte ohne Internet nämlich verdammt schwierig werden.

Hier geht es zur vorherigen Folge von "Kleingeist und Größenwahn."

Ein Leben zwischen Schreibmaschine und Fußballplatz. Eigentlich Betriebswirt. Heute mal Autor, mal Sportmanager. Hat das ALPENFEUILLETON ursprünglich ins Leben gerufen und alle vier Neustarts selbst miterlebt. Auch in Phase vier - "Diskursplatz für Selbstdenker" - aktiv mit dabei und fleißig am Schreiben.

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