Ein Sommer für sich allein

7 Minuten Lesedauer

Im Jahre 1929 erschien ein Essay von einer wahrlich nicht unbekannten Schriftstellerin. Das Büchlein hieß im Original „A Room of One´s Own“ und wurde zu deutsch zumeist mit „Ein Zimmer für sich allein“ übersetzt. In diesem Esssay beschreibt die Autorin Virginia Woolf wie es ist, wenn frau schreibt oder schreiben möchte.
Das eigene Zimmer ist hier einerseits ganz handfest und konkret gemeint. Eine schreibende Frau, und das war damals angesichts der Pflichten im Haushalt längst nicht selbstverständlich, braucht einen eigenen Raum, in dem sie schreiben kann. Sie braucht aber auch ganz grundlegend Raum in einem metaphorischen Sinne. Auch Aspekte wie intellektuelle und materielle Unabhängigkeit sind Themen.
Dieser Essay ist einer der zentralen Texte der Frauenbewegung und der Emanzipation. Unzählige Male zitiert versteigt er sich nicht in theoretisches Geschwurbel, sondern setzt ganz handfest bei den damaligen Lebensbedingungen der Frauen an.
Ohne die historische und gegenwärtige Wichtigkeit dieses Textes zu schmälern und ohne die damalige Situation von intellektuellen Frauen zu beschönigen plädiere ich hier und jetzt dafür, sich die Situation der Männer im Heute genauer anzusehen. Denn unter der scheinbar schönen und harmonischen Oberfläche brodelt es und ein unmittelbarer Aufstand der Männer steht bevor. Zumal der Männer, die mit Frauen verheiratet sind, die Lehrerin sind oder in sonstigen Institutionen arbeiten, die einen weitestgehend arbeitsfreien Sommer gewährleisten.
Solche Frauen wissen zumeist, dass es mit der Sommerbetreuung von Kindern ohnehin schwierig ist. Diese Frauen, zumal wenn es einigermaßen wohlhabendem Hause, verabschieden sich in sehr vielen Fällen nach Beginn der Sommerferien aufs Land und reihen sich mit Sack und Pack in die Tradition der Sommerfrische am Lande ein.
Das wiederum konfrontiert Männer mit einer eigentlich unzumutbaren Situation. Sind Frau und Kinder erst aus dem Haus, kehrt eine laute Stille ein, mit der man(n) erst einmal umgehen lernen muss. Aber nicht nur das. Der allein gelassene Mann hat urplötzlich mehr „Zimmer für sich allein“ als er überhaupt benötigt. Mit einem Schlag kommen Zimmer als Arbeitsräume in Frage, an die zuvor nicht zu denken war. Zimmer, die nur wenige Tage zuvor aufgrund von akutem Chaos und gemeingefährlichen Barbies am Boden unbetretbar gewesen sind, sind von heute auf morgen wieder betretbar und fein säuberlich aufgeräumt.
Unerträglich komplexe Fragen werden virulent. Soll man das eigene Arbeitszimmer verlassen und in anderen Räumen seinen Laptop aufbauen und fortan dort Kolumnen & Mehr schreiben? Es gilt die ganzen Konnotationen dieser Räume abzuschütteln und sie für einige Wochen neu zu besetzen. Gelingt das? Nicht wirklich. Man hat Fragen wie „Papa, kannst du mir bitte helfen der Barbie das Kleid anzuziehen?“ immer noch im Ohr. Trotz der eingekehrten Stillen ist in diesen Räumen ans Schreiben somit nicht zu denken.
Der Blick schweift vom Kinderzimmer in Richtung Küche. Der an die Emanzipation und Gleichberechtigung gewöhnte Mann verkneift sich bei diesem Anblick einen ganz konkreten Gedanken. Und kann ihn dennoch nicht unterdrücken. Er erinnert sich schmerzhaft daran, dass er es, trotz grundsätzlicher Gleichberechtigung und moderner Beziehungsform mit voll arbeitender Frau, verabsäumt hat, wirklich kochen zu lernen. Vorbei die Schmankerl aus der heimischen Küche. Diverse Fastfood-Lokale würden im Sommer zur zweiten Heimat werden. Zuhause würden außerhalb Toast und Spaghetti omnipräsent sein. Statt Raffinesse und Kochkunst halten ab sofort Einfachheit und kulinarische Banalität Einzug.
Weiter also ins eigene Arbeitszimmer. Der einzige Raum, der nicht anderweitig konnotiert ist oder an die eigenen Unzulänglichkeiten erinnert. Alles ist beim Alten. Könnte man(n) glauben. Aber eines ist anders. Auf einmal hat man nicht nur, zumindest potentiell, viele Räume mehr zur Verfügung, sondern auch ein beliebig großes Zeitfenster um zu schreiben. Keine Kinder, die von der Schule nachhause kommend begrüßt und nach ihrem Tag gefragt werden wollen, kein gemeinsames Essen und anschließendes Zusammenräumen mehr.
Männer mit zu vielen Zimmern für sich allein, mit zu viel Zeit und mit zu wenig Koch-Kompetenz neigen dazu, nach einigen Tagen Alleine-Sein in einen Zustand der Leere und Trostlosigkeit zu verfallen. Es ist der seelische Aufstand aufgrund eines Dramas der postmodernen, hochgradig aufgeklärten und emanzipierten Zeit.
Während Frauen früher zuhause bei den Kindern blieben während Männer Länder eroberten und imaginäre Drachen bezwangen ist es im Heute gänzlich anders. Männer von Lehrerinnen und Frauen aus vergleichbaren Gruppen bleiben alleine zurück.
Die Konsequenzen sind fatal. Zuhause und allein gelassen gibt es keine Drachen zu bekämpfen und keine Kriege zu gewinnen. Es ist lediglich möglich, seine eigene Einsamkeit zu stilisieren und in Selbstzweifeln und Selbstmitleid zu ertrinken. Wenig männlich, wenig ruhmreich. Aber leider alljährliche Realität von zuhause zurück gelassenen Männern.
Es muss sich also was tun. Diese Tragödie griechischen Ausmaßes muss ein Ende haben. Der Aufstand der Männer steht bevor. Ich weiß es – oder hoffe es zumindest.

Hier geht es zur vorherigen Folge von "Kleingeist und Größenwahn".

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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