Ja, ich bin jetzt in Berlin und es geht mir sehr gut

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Irgendwann ist mir alles zu klein geworden. Die Lokale zu altbekannt. Die Menschen zu vertraut. Die Kultur-Konzepte zu altbacken und zu vorhersehbar. Von einem Tag auf den anderen bin ich kaum mehr aus dem Haus gegangen. Außer ich musste. Konzerte besuchte ich schon seit Wochen keine mehr. Persönliche Einladungen von Musikern schlug ich freundlich, aber bestimmt aus.
Zuhause stapelten sich die nicht angehörten CDs, die mir gefragt und ungefragt zugeschickt wurden. Allein der Anblick der Cover dieser Alben langweilte mich schon. Sich tatsächlich aufzuraffen und diese Musik anzuhören war undenkbar. In solchen Augenblicken war mir klar, dass es Zeit war zu gehen.
An Vorbildern mangelte es nun wirklich nicht. Vor einigen Wochen las ich ein Facebook-Posting einer stadtbekannten Bloggerin. „Ja, ich bin jetzt in Berlin und es geht mir sehr gut“ schrieb sie. Sie hatte die Stadt, die keine ist, einfach  verlassen. In dem auf den Text folgenden Link schrieb sie sich den Frust von der Seele. Jetzt endlich konnte sie das, weil sie weit weg war von der geliebt-gehassten Stadt Innsbruck. Aus der Distanz schaut schließlich alles anders aus und der Kopf wird frei.
Klar, einiges würde fehlen, das wir mir klar. Der Wirt um die Ecke, einige Freunde. Gerade das Mittelmäßige der Stadt hatte ich außerdem erstaunlicherweise lieb gewonnen. Kaum eine andere Stadt war so gut zu mittelmäßigen, wenig begabten und nicht sonderlich talentierten Künstlern und Ideen-Habern. Mit wenig Aufwand ließ sich viel Resonanz einfahren. Der Aufstieg zum Szene-Liebling ist machbar. Wer es in Innsbruck nicht schafft, der schafft es nirgendwo.
Ich bin nicht gegangen. Ich hatte nicht die Kraft dazu. Ich konnte mich nicht aus den Fängen meiner Herkunft lösen. Das Vertraute gab auch Sicherheit. Die altbekannten Lokale waren Räume, in denen ich jede Lampe und jeden Tisch kannte. Höchstwahrscheinlich wartete anderswo eine Freiheit auf mich, die aufgrund ihrer Bezugslosigkeit unerträglich war.
Eigentlich ist die Sache einfach. Wir können nicht einfach so gehen. Wir können unsere Stadt nicht einfach hinter uns lassen. Ebenso wenig wie wir in der Lage sind unsere Kindheit und unsere Prägungen einfach auszublenden. „Jeder bekommt die Kindheit über den Kopf gestülpt wie einen Eimer“ meinte etwa Heimito von Doderer. Das gilt auch für Städte. Selbst wenn wir den Eimer kurz loswerden fließt uns der Inhalt im nächsten Augenblick über den Körper und lässt uns so handeln, so denken und so wahrnehmen wie wir es schon immer getan haben.
Klar, Berlin ist cooler als Innsbruck. Hier ist das Prozesshafte, das Temporäre und das Innovative zuhause. Pop-Up-Bars und Start-Ups an jeder Ecke, die angesagten Bars wechseln von Woche zu Woche. Kein Wunder, dass die trendbewusste und einst stadtbekannte Bloggerin genau diese Stadt zu ihrem Sehnsuchtsort machte und dieser Sehnsucht schlussendlich nachgeben musste.
Letzten Endes ist eine solche Entscheidung aber zu einfach. Innere Unruhe wird auf das Außen projiziert. Diese Unruhe führt zur Notwendigkeit gegen den Stillstand anzutreten und den Ort zu wechseln. Innere Unruhe und äußerer Stillstand vertragen sich nicht. Unruhe trifft in der neuen Stadt schließlich auf Unruhe und alles ist gut. Für eine Zeit zumindest. Doch auch dort wird irgendwann alles stillstehen.
Bleiben wir zuhause. Verlassen wir unsere Stadt nicht. Setzen wir uns nicht geographisch, sondern intellektuell in Bewegung. Durchbrechen wir die Trägheit. Gehen wir wieder raus, reiben uns an unserer gehasst-geliebten Stadt. Analysieren wir die Bedingungen und Bedingtheiten dieser Stadt. Scheiben und sprechen wir darüber. Verzweifeln wir nicht an und in unserer Stadt. Erst müssen wir uns und unser Leben ändern, dann folgt auch bald die Veränderung unserer Stadt.

Hier geht es zu der vorherigen Folge von "Kleingeist und Größenwahn".

 

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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