Diesen Preis zahle ich weil ich kein Parteisoldat geworden bin

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Es gibt ein Foto von mir aus meiner Kindheit. Mein noch deutlich jüngeres Ich sitzt inmitten von lachenden, ja strahlenden Kindern. Diese Kinder sind verkleidet. Als Cowboys, Indianer, Polizisten und Piraten. Auch ich war verkleidet. Als Clown. Dieser Clown lachte allerdings nicht, er zog ein Gesicht als sei gerade der geliebte Hamster zuhause gestorben, den ich ohnehin nie besaß weil meine Eltern mir diesen Wunsch verwehrt hatten.
Nun hat jedes Kind mal einen schlechten Tag. Ich kann mich allerdings noch glasklar an den Grund meiner Traurigkeit erinnern. Niemand war gestorben und es gab auch sonst keine gröberen Probleme. Ich war traurig weil ich als Gleicher und Gleichen saß. Meine Schulkollegen waren verkleidet, ich war verkleidet. Meine Schulkameraden lachten für das Foto, ich hätte ebenfalls lachen sollen. Ich hätte sollen, aber ich konnte nicht.
In meiner Kindheit und Jugend war ich nie in Vereinen. Ich spielte kein Fußball, war kein Pfadfinder und hatte nie das Bedürfnis ein Instrument in Blasmusikorchestern zu spielen. Das kam mir nie seltsam vor. Stattdessen saß ich zuhause, las und hörte Musik und begann später, manchmal auch alleine, auf Konzerte zu gehen. So handhabe ich es bis heute.
Im Zuge meines Erwachsen- und Älterwerdens hat mich ein Typ Mensch stets maßlos irritiert. Ich konnte mir, abstrakt zwar aber doch, den Nutzen und die Funktion von Fußballvereinen oder Blasmusikorchestern vorstellen. Ich konnte mir, aus der Ferne  betrachtet, ausmalen, dass so etwas gemeinschaftsstiftend war und sich dort auch Freunde fürs weitere Leben kennenlernen ließen. Einen Typ Mensch habe ich aber nie verstanden: Den Parteisoldaten.
Ich musste mit ansehen, und das war wahrlich nicht schön, wie Bekannte Großparteien beitraten. Die normierenden Kräfte in diesen Großparteien müssen enorm sein. Diese intensivieren sich sogar noch, wenn man vom einfachen Parteimitglied zu mehr oder weniger wichtigen Funktionen aufsteigt. Da kann es dann schon mal sein, dass man mit Mitte zwanzig aussieht wie ein Politiker mit knapp fünfzig Jahren. Die Gleichmacherei durch geteilte Ideologie und Parteimitgliedschaft kennt keine Gnade.
Diese Bekannten, unter denen sich auch Freunde befanden, erkannte ich bald nicht mehr. Früher eher abgerissene Typen mit einem merkwürdigen Modegeschmack steckten plötzlich in Maßanzügen und sprachen von einem „Wir“. Wir müssen, wir tun, wir fordern. Ähnlich wie von einem Freund, der Anfang zwanzig zu einem rechten Skinhead wurde, wandte ich mich ab. Nach wie vor mache ich keinen Unterschied zwischen der Zuwendung zur rechten Skinhead-Szene und dem Beitritt bei der Tiroler ÖVP in jungen Jahren. Beides ruiniert Menschen nachhaltig und dauerhaft.
Besonders von dieser Tiroler ÖVP-Szene sind mir grausige Bilder in Erinnerung geblieben. Junge Menschen applaudierten im Wahlkampf zu jedem Wort des heiligen Günni. Sie lächelten unter einer Heerschar von Lächlern. Für traurige Clowns ist kein Platz. Wer keine hässlich-gelben Plakate mit Jubelbotschaften in die Kameras halten will ist in dieser Szene eher weniger gefragt.
Das Problem ist evident. Meine Abwesenheit bei Fußballvereinen und Blasmusik hat lediglich dazu geführt, dass ich statt mehrere Dutzend Freunde nur eine handvoll echter Freunde habe. Meine Abwesenheit bei Großparteien wiegt hingegen schwerer. Schließlich sind wir in Tirol. In Parteien und parteinahen Institutionen trifft man nicht nur Gleichgesinnte und Ideologie-Teiler, sondern auch Berufsunterstützer. Der Preis dafür ist eigentlich gering. Krawatte tragen, im richtigen Augenblick lächeln und vom „Wir“ reden. Im besten Fall so glaubwürdig, dass es auch das angesprochen „Wir“ glaubt und einen sodann als Belohnung für die Treue und Loyalität in wichtige Funktionen und Positionen hievt.
Als trauriger Clown ohne Parteiausweis schreibe ich mit Ende dreißig Kolumnen und Texte und kann davon gerade mal so leben. Ich könnte auch in mit Parteien verbandelten Agenturen sitzen, mehr Geld verdienen und einen sicheren Job haben. Das „Wir“ würde mir gegebenenfalls bei meinem beruflichen Aufstieg helfen. Ich hätte damals nur im richtigen Augenblick lächeln müssen, später Vereinen beitreten und zum richtigen Zeitpunkt glaubhaft und überzeugend von diesem „Wir“ sprechen müssen.

 Hier geht es zur vorherigen Folge von "Kleingeist und Größewahn".

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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