Ist "Sebastian Kurz" die beste ÖVP-Kampagne der letzten Jahre?

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Ist es größenwahnsinnig zu glauben, dass man eine Traditionspartei übernehmen, ihr einen neuen Anstrich verpassen und damit Wahlen gewinnen kann? Wahrscheinlich. Ist es kleingeistig zu glauben, dass hinter dem neuen Anstrich wirklich eine neue Bewegung steckt? Mit Sicherheit! Doch genau darin liegt der große Erfolg den Außenminister und Parteichef Kurz mit seiner Partei derzeit feiert. Kurz‘ Strategen haben eines erkannt: Wahlen gewinnt man nicht mit Themen. Wahlen gewinnt man mit Emotionen und Gesichtern.
Die ÖVP hat beides. Mit Sebastian Kurz hat sie ein sympathisches Gesicht. Jung, adrett und frisch. Kurz ist der personifizierte Aufbruch. Obwohl er seit sechs Jahren auf Bundesebene agiert und seit 2013 sogar als Außenminister fungiert, gilt er als Antithese zum starren, unbeweglichen Polit-System der letzten Jahre. Genau dieses System ist es, das die Menschen so vehement ablehnen und das sie so stark emotionalisiert. Aus einer Polit-Verdrossenheit wurde in den letzten Jahren eine System-Verdrossenheit. Nichts geht weiter. Das System begünstigt nur die Oberen. Es ist aufgebläht und ungerecht. So die Wahrnehmung des Querschnitts.
Diese System-Verdrossenheit hat sich in den letzten Jahren nicht nur gebildet, sie wurde künstlich verstärkt (FPÖ!) und hat mittlerweile noch nie dagewesene Ausmaße angenommen. Kurz‘ Strategen haben das erkannt und geschickte Schachzüge vorgenommen. So geschickt, dass sogar eine altgediente Großpartei wie die ÖVP und ihr starres, unbewegliches System (Bünde!), hinter einer türkisen Sympathie-Wand verschwunden ist. Dass die traditionell starken Bünde und Landeshauptleute wirklich auf Macht und Einfluss verzichtet haben, kann nur bezweifelt werden. Viel eher dient das System ÖVP und all seine (neuen wie alten) Protagonisten – in Lauerstellung – der schlauen Taktik, dem neuen Weg.
Wenn auf den türkisen Plakaten, auf denen man selten bis nie die drei Buchstaben „Ö“, „V“ und „P“ findet, „Es ist Zeit“, „Zeit für Neues“, „Tun, was richtig ist. …“ oder „.. zurück an die Spitze“ steht, dann gilt das natürlich „für Österreich“ und seine Bewohner, aber vor allem auch für die eigene Partei. Es war schon längt an der Zeit für Neues in der ÖVP. Denn die alten Strukturen haben es jungen, schlauen Köpfen nur selten erlaubt in Positionen zu kommen, wo man wirklich etwas verändern kann. Bevor man dort „oben“ angekommen war, war man entweder glatt gebügelt oder längt bei einer anderen Partei. So gesehen kann man Sebastian Kurz und seiner JVP nur gratulieren. Noch nie zuvor ist es einem politischen Talent der ÖVP gelungen so viel parteiinternes Gewicht anzuhäufen.
So ganz traue ich dem volksparteilichen Sinneswandeln jedoch noch nicht. Hat Außenminister Kurz wirklich die parteiinterne Macht übernommen oder ist er nur Botschafter, Handlanger und Gesicht einer extrem schlauen Kampagne, die nur eines im Sinn hat: Den freien Fall in die Bedeutungslosigkeit verhindern, Macht zurückgewinnen und weitermachen wie bisher? Ganz nach dem Motto: Gleiches System, neues Türschild. Und in den Hinterzimmern sitzen noch immer die selben Gesichter, wie schon vor dreißig Jahren. (Hoffen tu ich’s ja nicht!)

Zum Thema Türschild ;))

Hier geht es zur vorherigen Folge von "Kleingeist und Größenwahn".

Ein Leben zwischen Schreibmaschine und Fußballplatz. Eigentlich Betriebswirt. Heute mal Autor, mal Sportmanager. Hat das ALPENFEUILLETON ursprünglich ins Leben gerufen und alle vier Neustarts selbst miterlebt. Auch in Phase vier - "Diskursplatz für Selbstdenker" - aktiv mit dabei und fleißig am Schreiben.

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