Schweine schlachten, Musik hören, Natur genießen

5 Minuten Lesedauer

Text: Markus Stegmayr


Nähe und Ursprünglichkeit

Es gibt da einen Gutshof, mitten im Nirgendwo in Bayern. Er befindet sich in Glonn und hört auf den Namen „Gut Sonnenhausen“. Glonn liegt etwa 35 Autominuten von München entfernt. Auch in diesem Jahr findet dort am 23.09. (Samstag) wieder das sogenannten „Alpenspektakel“ statt. Wie der Name schon sagt wird bei dieser eintägigen Veranstaltung das reiche kulturelle Erbe des Alpenlandes ins Zentrum gerückt. Dass die Musik nicht „volksdümmlich“, sondern kreativ und originell mit diesen alpenländischen Wurzeln umgeht ist in diesem Rahmen selbstverständlich.
Das alles wäre zwar schön, aber nicht weiter bemerkenswert. Die Auslegung und Umsetzung dieser Grundidee sind es aber. Die musikalische Programmierung ist exzellent. Der Gutshof und die umliegende Natur sind wunderschön und ursprünglich. Das Essen ist hervorragend.
Aber auch diese Kombination ließe sich womöglich anderswo finden. Es mischen sich aber auch noch andere Ideen und Diskurse in dieses Gesamtpaket mit ein. Am besten kann man diese mit Begriffen wie Nähe oder Ursprünglichkeit fassen.
Wir leiden unter Entfremdung. So gut wie alle. Unsere Musik ist zu einem guten Teil am Reißbrett entworfen. Wir kennen die Produktionsbedingungen dieser maßgeschneiderten und zielgruppengerechten Zwangsbeschallung nicht mehr wirklich. Wir essen Fleisch, kennen aber die genaueren Umstände der Schlachtungen nicht mehr oder blenden diese geflissentlich aus. Wir hören, konsumieren und essen zu unbewusst und halten dasjenige auf Distanz, das uns irritieren und in unseren blinden Gewohnheiten stören könnte.
Nicht zufällig beginnt das „Alpenspektakel“ um 10:00 mit einem „Schlachtfest“. Das Schwein wird „live“ geschlachtet und danach von Nase bis zum Schwanz verarbeitet. Dazu gibt es Sound-Experimente. Zu Mittag stehen dann Bratwust, Schweinsbraten & Co. auf dem Tisch. Der Hausherr, Georg Schweisfurth berichtet, dass der Tötungsvorgang des Schweins im letzten Jahr „völlig ruhig“ vor sich gegangen sei. Mehr Nähe und Unmittelbarkeit geht nicht.
Auch die Musik ist echt, unmittelbar und nah. Es braucht keine große Bühne und keine Show-Effekte. Die Musik entsteht vor den Augen der Zuschauer und streut diesen keinen Sand in die Augen. Sie sehen, was passiert, hören was gespielt wird. Musiker dieser Klasse brauchen keine Sicherheitsnetze und müssen kein Können vortäuschen. Auftreten und musizieren werden unter anderem „Natur Pur“, „Oansno“, Christoph Pepe Auer und „Kofelgschroa“. Außerdem findet ein Workshop zum Thema „Schweizer Jodler“ statt. Daneben lassen sich bei diversen Ständen Käse, Brot, Weine und vieles mehr kosten. Weiters wird es ein „Bayerisches BBQ“ geben.
Das alles ist aber kein „Zurück-zur-Natur“ Esoterik-Kram. Es ist der aufrichtige und überzeugende Versuch wieder mehr „Echtheit“ in unser Leben zu bringen. Niemand fordert dabei, dass wir ab sofort nur mehr autark auf Almhütten leben und mit Dirndl und Lederhosen herumlaufen sollten.
Aber wir sollten wieder mehr reflektieren. Darüber, was wir essen, hören und tun. Darüber, wo wir leben und welches kulturelle Erbe und welche damit verbundenen Verpflichtungen uns diese Verortung und Verwurzelung auferlegt hat. Wir sollten weder mit Musik noch mit Kulinarik noch mit unserem Erbe verantwortungslos und gleichgültig umgehen. Denn dann lauern schon die „volksdümmliche“ Musik, die gewissenlose Fleischindustrie und große Lebensmittelkonzerne um es sich auf den Rücken unserer Gleichgültigkeit in unserem Leben und unseren Konsumgewohnheiten bequem zu machen.
Veranstaltungen wie das „Alpenspektakel“ sind wichtig. Aus obigen Gründen. Man darf aber auch ganz unbedarft einfach nur hören, genießen und dabei sein. Umdenken und Reflexion folgen dann von ganz alleine. Ganz natürlich. Dafür sorgen allein schon Ort, Musik und Kulinarik. Denn Nähe und Ursprünglichkeit etablieren den entscheidenden Unterschied in Sachen Geschmack und Qualität, der einen Unterschied macht.

Titelbild: (c) Vivi D´Angelo

1 Comment

  1. so eine primitive Idee….ein Schlachtfest!!!! Vermutlich kommen noch familien mit Kindern, um live dabei zu sein, wie ein fühlendes Lebewesen ermordet wird, richtig abartig!!!!!!

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