Wie es war von einem Metalhead auf YouTube gedisst zu werden

5 Minuten Lesedauer

Ich wurde in einem YouTube-Video gedisst. Grundsätzlich gab mir der in diesem Video in Erscheinung tretende Metalhead zunächst recht. Es gebe in der Tat eine Übersättigung des Musikmarktes. Es klang aber durch, dass er es gar nicht gut fand, dass ich unaufgefordert zugesandte CDs zum Teil einfach ungehört wegwerfe. Die Frage stand im Raum, wie man sich denn dann überhaupt noch in seinem Musikgeschmack verändern und weiterentwickeln könne, wenn man ohnehin nur CDs höre, die man sich selbst und freiwillig gekauft und somit auch aus freien Stücken angehört hat.
Nun gilt es von anderen Grundlagen auszugehen. Ein Metalhead hat sich zwangsläufig durch eine Unzahl an Genre-Veröffentlichungen durchzuhören. Der Metal-Kritiker weiß instinktiv, dass nicht alles, was in diesem Bereich auf den Markt geworfen wird, Gold ist. Ablenkung von dieser sich früher oder später einstellenden Erkenntnis bieten aber zahlreichen Sub-Genres. Wenn im Moment die True-Metal-Veröffentlichungen nichts taugen, dann ist man eben zeitweise experimentierfreudig und hört sich Post-Black-Metal mit Shoegaze Einflüssen an.
Die Beobachtung der Social-Media-Aktivitäten des Metalheads in besagtem YouTube-Clip belegt diese Vermutung. Er bewegt sich überwiegend in Bereichen des Metals und interessiert sich vornehmlich für Bands, die keine weiteren Kreise ziehen. Damit ist die Funktion des Metals bestimmt. Der Metalhead hört Metal, weil Metal der soziale Kitt der eigenen Szene und der eigenen Hörgewohnheiten ist. Jede weitere zugesandte CD ist nicht Herausforderung, sondern Bestätigung des eigenen Geschmacks. Selbst die dezenten Irritationen, sofern sie stattfinden, finden in einem klar abgesteckten Rahmen statt.
Sein Diss-Video geht von einer falschen Annahmen aus. CDs landen bei mir nicht teilweise ungehört im Müll, weil sie meinen Musikgeschmack und meine Hörgewohnheiten erschüttern könnten, sondern weil sie es eben nicht tun. Es ist kein Widerspruch, dass ich über CDs urteile die ich nicht einmal gehört habe. Das Nichthören ist nicht nur Selbstschutz um nicht für alle Tage mit dem Hören von Musik beschäftigt zu sein, die nur in ihrer eigenen Nische Bedeutung hat. Es ist vor allem die Angst, von der sich darauf befindlichen Musik nicht irritiert und herausgefordert, sondern in den einen Erwartungshaltungen bestätigt zu sehen. Stichproben über die Jahre haben diese Erkenntnis reifen lassen.
Die Offenheit steht also nicht zur Debatte. Der Vorwurf von manch anderer Seite, dass ich meine eigene Offenheit gefährden würde, wenn ich meine Ohren nicht in alle Richtungen offen halten würde, geht ins Leere. Nicht derjenige ist offen, der sich alles und jedes anhört, sondern derjenige, der es sich erlaubt Kategorien der ästhetischen Offenheit auszubilden, die als Leitlinien für das eigene Werturteil herhalten können.
Man ist nicht offen, wenn man sich zahllose Metalbands anhört und jeder neuen Veröffentlichungen mit offenen Ohren begegnet. Man ist nicht offen, wenn man jeder Free-Jazz-Veröffentlichung abfeiert. Man ist offen, wenn man weiß, wovor man seine Ohren verschließen muss, weil diese Musik nichts zur Erweiterung der eigenen Hörgewohnheiten und des eigenen Horizontes beiträgt. Zu viel des Gleichen ist Gift für die Offenheit. Zu viel des Selben ist wie dichter Nebel, der einen daran hindert den weiten Horizont der Möglichkeit wahrzunehmen.
Es ist abstoßend sich gerade wieder durch die Jahreslisten der vermeintlichen „besten Musik“ zu klicken. Jazz-Kritiker haben ihre Listen parat, Indie-Magazine andere Auflistungen und Metal-Publikationen kümmern sich vornehmlich um Metal-Veröffentlichungen. Der Relevanz dieser Listen ist verschwindend. Sie habe kaum die Funktion eigene Hör-Grenzen zu überschreiten. Nach der Lektüre der zahlreichen Listen ist man im besten Falle froh, die eigenen favorisierten Platten wiederzufinden und somit zu sehen, dass man in der eigenen Einschätzung nicht ganz falsch lag.
Dieser Text muss naturgemäß mit einer eigenen Liste enden. Die besten Platten dieses Jahres stammen von Ulver, Kelela, Igorrr und Thundercat. Jede dieser Platten ist auf ihre Weise ein Augenöffner und ein „Game-Changer“. Womöglich hätte ich diese Alben nie gehört, wenn ich mich durch den Wust der CDs gehört hätte, die ich aus Pflichtbewusstsein hätte hören sollen.

Hier geht es zur vorherigen Folge von "Kleingeist und Größenwahn".

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

3 Comments

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

*

code

Default thumbnail
Vorheriger Text

Wo die Ideen blühen #14: rasoir des nominaux

Default thumbnail
Nächster Text

Freitagsgebet #5: Die Macht der Verwundbarkeit

Aktuelles aus Kategorie

Bisch a Luada

Es ist schon wieder einige Zeit her, seit das Wörtchen Luder für