Virokratie

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Photo by João Marcelo Martins on Unsplash

Nach großen historischen Umstürzen rappeln sich die kaputten Länder meist dadurch auf, dass sie sich eine neue Verfassung geben. Oft ändern sie dabei die Regierungsform, aus der Monarchie wird eine Republik, aus dieser eine Oligarchie, manchmal wird auch etwas ganz Neues erfunden wie die Globokratie.

In vielen Ländern herrscht momentan die Virokratie, mehr oder weniger gedeckt durch Notverordnungen. Alles hat sich diesem kleinen Ding unterzuordnen, das nicht mit sich reden lässt und Träumer wie Wirtschaftstreibende gleichermaßen vor sich hertreibt.

Dabei ist viel Glück im Spiel, denn ja nach Zustand der jeweiligen Regierung kann die Implosion des vormaligen Zustandes gemildert werden oder im purem Desaster enden.

Österreich hat sagenhaftes Glück, dass nicht die hochbegabten Blauen in der Regierung sind, denn wer denkt nicht mit Schaudern an die ehemalige Gesundheitsministerin, die mit flächendeckender Ausrottung der Krankenhäuser im Land unterwegs war und sich zu dem schönen Urknall-Satz hat hinreißen lassen: Die Wirtschaft schafft die Arbeitsplätze, nicht Sie im Parlament!

Aber auch der Innenminister mit seinem polizeilichen Steckenpferd wäre jetzt wohl ziemlich gefordert, wenn seine Pferde mit Mundschutz die Spielplätze abreiten und versprengte Kinder verjagen müssten.
Irgendwann wird es schließlich darum gehen, die Zustände mit der Verfassung in Einklang zu bringen oder diese den Zuständen anzupassen.
Denn die Verfassung ist wie die Bibel, auf Schäfer-Niveau sehr besinnlich, sobald die Herde aus vernetzten Menschen besteht, ist sie aber ziemlich gefordert.

Seit der Installation der Verfassung hat sich die Bevölkerung nahezu verdoppelt. Die einzige Nachjustierung der Demokratie hat bislang darin bestanden, die Abgeordnetenzahl zu verdoppeln.
Das Maß der neuen Menschlichkeit wird der Abstand sein. Zwanzig Quadratmeter für jeden Menschen, muss das neue Grundrecht lauten. Das wird die Verkehrspolitik ziemlich herausfordern, die Grünen werden demnächst für jeden Passagier einen eigenen Wagon im Regionalzug fordern.

Aber auch der Wohnungsbau ist so nicht mehr aufrechtzuerhalten. Die Doktrin des grünen Innsbrucker Bürgermeisters führt in den sozialen Wahnsinn. Was nützt das „bauen bauen bauen“, wenn in die Wohnbatterien niemand mehr hineindarf? Müsste die Parole nicht vielmehr lauten „Zweitwohnsitze für alle“, damit sie Urlaub und Stammleben im ausreichenden Abstand verbringen können?

Wenn die neue Virokratie nicht einmal die Verfassung aushält, wie soll sie dann der Mensch unter dem Dach dieser Verfassung aushalten? 

STICHPUNKT 20|10, verfasst am 24. April 2020

Geboren 1953. Ist seit Gerichtsverfahren 1987 gerichtlich anerkannter Schriftsteller, bis 2018 als Bibliothekar an der ULB Tirol. Als Konzept-Schriftsteller hält er sich an die These: Ein guter Autor kennt jeden Leser persönlich.

Etwa 40 Bücher, u.a.:
* Tagebuch eines Bibliothekars | Sechs Bände (2016-2019)
* BIP | Buch in Pension (2020)
* Nie wieder Tirol | Kampf-Roman (2018)Verniedlichte Höhe | * Das verflossene Jahr ist ein Gedicht mit abgehockten Nistplätzen (2020)

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