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Neues Deutschland

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In der Nacht auf den Sonntag gab es in Deutschland stundenlange „Unruhen“ mit Plünderungen und Straßenschlachten zwischen Polizei und etwa 500 Jugendlichen. Unruhen in Stuttgart, in Baden-Württemberg! Wer hat denn so etwas schon gehört? Aber der Clou kommt erst: die Polizei gibt an, nicht zu wissen, wer das gewesen sein könnte. Was ist denn das für eine Polizei? Unter einer deutschen Polizei stellt man sich doch etwas anderes vor. Sie haben anscheinend 24 Leute festgenommen und feststellen können, daß 12 davon ausländische Papiere bei sich trugen, nämlich aus dem Irak, Afghanistan, Somalia und dem Kosovo, jedoch „ohne Verbindung zum Flüchtlingsmilieu“. War das dann Botschaftspersonal, oder was?

Es seien, zitiert die WELT einen Augenzeugen, lauter junge Leute gewesen. Anlaß sei eine nächtliche Drogenkontrolle in der Innenstadt gewesen. Eben: wenn die Polizei die Leute nicht in Ruhe kiffen läßt, muß sie mit solchen Sachen rechnen.

Läden wurden zerstört und, wie etwa im Fall eines Handygeschäfts und eines Juweliers, vollständig ausgeraubt. Denn Antikapitalisten sind wir natürlich auch! Wir haben zwar alle ein Handy, und was für eines, aber solche Geschäfte gehören einfach demoliert (und die Handys kann man praktischerweise gleich mitgehen lassen). Der dazu passende Slogan aus dem heiligen Jahr 1968 lautet: „Macht kaputt, was euch kaputt macht!“

Die Polizei holte Verstärkungen aus den umliegenden Ortschaften, konnte aber der Randalierer offenbar nicht Herr werden, oder der Randaliererinnen nicht Frau, wie sich unser Staatsideologiehauptsender Ö1 neuerdings ausdrücken würde.

Man spricht von einem Angriff auf den Rechtsstaat und dergleichen, die CDU-Chefin von einem Rassismus-Generalverdacht gegen die Polizei, der sich hier ausgetobt habe. Heißt das: Auf den Verdacht hin, daß auch die stuttgarter Polizei „rassistisch“ sein könnte, muß man eines frölichen Partyabends im Frühling schnell ein paar Geschäfte in der Innenstadt zerdreschen. Und zwar in der Gewißheit, daß einen der „Rassismusverdacht“ dazu berechtigt.

Am Morgen danach spricht eine junge Frau, die wie viele andere zum Besichtigen gekommen ist, davon, sie habe Angst, die „Vorfälle würde von den Rechten instrumentalisiert.“ Folgerichtig verurteilen grüne Anführer die Gewalttaten, „egal aus welcher Richtug die Täter kommen“. Kämen die Täter von rechts oder würde dazu nur der leiseste Verdacht bestehen, würden unsere lieben, aufrichtigen Grünen sofort ganz fest „gegen rechts“ Stellung beziehen. Man kann also auf deutsch gesagt mit gutem Grund davon ausgehen, daß dieses ganze Geeiere klipp und klar zum Ausdruck bringt: die Gewalttaten kommen aus der Szene, die gerne liebevoll und schulterklopfend mit links-grün-anarchistisch umschrieben wird. Aber sind die nicht die Guten? Die machen solche Sachen doch nicht!

„Jetzt hat auch Stuttgart seine kleine Kristallnacht erlebt. Und alle, der sensible Herr Kuhn [der grüne stuttgarter Oberbürgermeister] vorneweg, sind ganz baff, wie es dazu kommen konnte. Wo kamen all die Aliens plötzlich her? Jetzt ist das Besondere der Stadt dahin. Stuttgart ist nur noch das Köln des Südens“, schreibt Henryk M. Broder.

Am Montag gibt es dann pünktlich auf Ö1 eine Diskussionssendung über – erraten: „Polizeigewalt“. Für diese Art von Diskussionen, wie sie neuerdings kurz nach mittag auf diesem Sender ausgestrahlt werden und wo immer alle sehr oder überaus gutmenschlich einer Meinung sein dürfen und es außerdem sowieso von vornherein sind, müßte man direkt ein neues Wort erfinden.

Dabei sind wir bald soweit, uns weniger vor der Polizei (wie es seit dem erwähnten heiligen Jahr üblich war) als vor den „Unruhen“ und ihren Stiftern und den dabei Tätigen zu fürchten.

Ab Dienstag wird allmählich klarer, daß die „Partyszene“, von der als Täter-Reservoir die Rede war, sich tatsächlich wie bei den Neujahrsvergnügungen in Köln vor ein paar Jahren im wesentlichen aus jenen jungen, noch nicht lange hier ansässigen Männern rekrutiert, deren nähere Benennung jeden, der es tut, als „Ausländerfeind“ ausweist. Also machen wir eben, was in solchen Fällen das gescheiteste ist: wir halten einfach den Mund. Die Medien, zumal hier, im unbeteiligten Nachbarland halten sich auch dran, ebenso wie bei Sachen, die etwas weiter weg sind. Vom Krieg der Tschetschenen gegen die Nordafrikaner, der kürzlich Dijon erschütterte, hatte etwa mein gewöhnlich gut informierter Stammtisch nichts mitbekommen.

Walter Klier, geb. 1955 in Innsbruck, lebt in Innsbruck und Rum. Schriftsteller und Maler.
Belletristik, Essays, Literaturkritik, Übersetzungen, Sachbücher. Mitherausgeber der Zeitschrift "Gegenwart" (1989—1997, mit Stefanie Holzer). Kommentare für die Tiroler Tageszeitung 2002–2019.
Zahlreiche Buchveröffentlichungen, u.a.: Grüne Zeiten. Roman (1998/Taschenbuch 2014), Leutnant Pepi zieht in den Krieg. Das Tagebuch des Josef Prochaska. Roman, 2008. Taschenbuch 2014). Der längste Sommer. Eine Erinnerung. 2013.
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