Fußball in Deutschland oder alle gegen die Bayern

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© by Ulrich Kamp_pixelio.de
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Ich könnte jetzt natürlich über die Bayern schreiben, über deren grandioses Spiel, über den absoluten Wahnsinn, ja die Begeisterung die dieses Team auslöst, über die Steuersünder, Moralapostel, Brandstifter, Paule Breitner, über die Trainingsspiele die oft härter sind als die Spiele gegen anderen Bundesligisten, über die Posse um Manuel Neuers nicht Wahl zum Weltfußballer (wieso gibt es eigentlich einen Welttorhüter), über die sensationelle Passquote von Xabi Alonso und natürlich David Alaba. Ich könnte auch darüber schreiben wie schwer es die Dortmunder gehabt haben, mit den Verletzungen (Reus, Ilkay, Nuri, Kuba, Mikidingsbumms…) über die nicht vorhandene Vorbereitungszeit, über Watzke und jedes Mikrofon das er findet, über die gelbe wand, Kevin Großkreutz und den Döner, über Kloppo und Taktik, über Bundesliga- und Championsleagueauftritt und über Ciro als Lewandowski Nachfolger.
Mach ich aber nicht, denn dieser Text ist weder ein Bayern-Basher noch ein BVB-Glorifizierer bzw. Jammerer. Das hier soll ein kleiner Text zum Rückrundenstart der deutschen Bundesliga werden. Mit ein paar emotionalen Einwürfen.
Früher war alles besser
Was hat’s da früher für Duelle gegeben? Bayern – Bremen, Bayern – Wolfsburg, Bayern – Hoffenheim, Bayern – HSV. Alle haben sich, Entschuldigung für die Ausdrucksform, den Arsch aufgerissen. Jeder wollte in den zwei Spielen gegen den Krösus voll und ganz aufzeigen. Das ganze Können der Mannschaft konzentriert auf zwei Spiele. In letzter Zeit hat sich das aber in eine andere Richtung entwickelt, ja vielleicht sogar grundlegend verändert. Die Bayern rund um ihren von Stars vollbesetzten Kader rotieren eigentlich bedenklich und bekanntlich weniger als die „abgeschlagenen“ Resttruppen der Bundesliga. Der ton „lieber gegen die Bayern schonen und fürs nächste, wichtige Spiel Kräfte mobilisieren“ ist in der Liga zum Alltag geworden. Das ehemalige Spiel David gegen Goliath findet nur noch auf der Papierform und nicht mehr am Platz statt. Praktisch schon ein Sieg der Münchner ohne Gegenwehr. Da können die Bayern nur bedingt – weil mit anderen finanziellen mitteln ausgestattet – etwas dafür.
Viel mehr zählen natürlich die logischen Duelle die die Tabellenkonstellationen ausmachen. Und seit neuestem: die Duelle gegen den BVB. Heuer inkludieren Duelle der Bremer oder Hamburger beispielsweise beide Szenarien. Der BVB in seiner Krise wird zum unmittelbaren Tabellennachbar bleibt aber ob der Leistungen der letzten Jahre immer klarer Favorit in den Duellen. Und weil im Fußball nicht immer die werte der Alltagsgesellschaft zählen – man tritt nicht auf Personen die am Boden liegen – probiert man das Punktemaximum, wie in jedem spiel, es sei denn man spielt gegen die Überbayern, mitzunehmen. Und das geht mit, gelinde gesagt, ziemlich am Arsch.
Eine Liga ohne den FC Bayern wäre natürlich nicht wünschenswert. Eine Liga mit so einem Bayern München ist nicht wünschenswert. Es spielt sich zwischen Platz 2 und 18 ab. Da ist richtig viel Spannung drin. Wenn aber schon die ersten Fans seit dem Münchner Weihnachtsmarkt vor dem Rathaus stehen und auf die Spieler am Balkon warten, stimmt etwas nicht.
Wer hat der hat
Ja, meine Bayernfreunde, ich höre euch. Eure Stimme und euer Argument klingt so:

Respekt für die Arbeit in den letzten 20 Jahren. Ich mein natürlich gab’s da auch ein paar nicht ganz so koschere Sachen (Kirch-Affäre) aber Gratulation, ihr seid die besten. Das macht sich insofern bezahlt, als dass die Bayern jedes Jahr bis auf eine – schadenfrohe – Ausnahme nicht in der Champions – League vertreten waren. Die Einnahmen der Gelder aus diesem Bewerb lassen eine nicht schließbare Lücke zwischen München und Restfußballdeutschland aufklaffen.
Natürlich haben auch andere Vereine über mehrere Jahre in der Champions – League gespielt. Dortmund in den Neunzigern, Leverkusen und Bremen zu Beginn des neuen Jahrtausends. Aber sie konnten sich dort nicht über Jahre hinweg etablieren wie eben Barcelona, Real Madrid, mit abstrichen Manchester United oder eben Bayern München. Neben einigen Fehleinschätzungen und internen Zwists, wurden diesen Vereinen hauptsächlich von den Bayern ligaintern die Spieler weggekauft. Nur als Beispiel: Lucio – Ze Roberto – Ballack 2002 noch mit Bayer im CL-finale gegen Real, wechselten kollektiv im Sommer nach München. Selbiges galt für Frings, Pizzarro und Klose von Werder oder van Buyten und Olic vom HSV. Von den ganzen Schlaudraffs, Deislers und Kirchhoffs gar nicht zu reden. Das ist übrigens das wahre Erbe von Uli H.
Das ist nicht verboten, aus bayrischer Sicht durchaus verständlich um den Vorsprung noch deutlicher zu machen bzw. sich eben, wie jetzt passiert, abzusetzen. Und ja, Dortmund kauft auch Reus von Gladbach und Ramos von der Hertha. Nur dass diese Mannschaften, vor allem heuer, nicht die unmittelbaren Gegner um die Meisterschaft sind (anm. das damalige Gladbach spielte gegen den Abstieg). Wer hat der hat, ganz einfach.
 Aufstand der Käfer und Bullies oder in der Dose liegt die Kraft
Wolfsburg probiert offensiver denn je zu den Münchnern aufzuschließen. Transfers über der 30 Millionengrenze sind unproblematisch realisierbar, VW zahlt und stemmt das schon (wie auch ominöse Trainingslager in Arabien und Katar). Das Projekt Wolfsburg, in den 1960ern gegründet hat sich seit dem Aufstieg 1990 in die erste deutsche Bundesliga etabliert. Prunkstück der Geschichte ist sicherlich der Meistertitel in der Saison 08/09. Als Trainer und Manager reizt die Station in Niedersachsen zweifelsohne, als Spieler wird genug bezahlt um dort gut und gerne zu spielen. Fehleinkäufe können verkraftet werden. Das unterscheidet Wolfsburg eklatant von Bremen, Stuttgart, Mainz, Köln und eigentlich fast jeder Mannschaft. Ähnlich geht es Hoffenheim, mit Abstrichen auch Bayer Leverkusen. Dort stehen Konzerne hinter dem Verein bzw. sind die Konzerne der verein. Wolfsburg und Leverkusen sind für ihre Arbeiter entstanden, Hoffenheim fungiert als Hobby eines Mäzens. Wie auch RB Leipzig und Red Bull Salzburg.
Die Klassengesellschaft in der deutschen Bundesliga entstand nicht nur durch den immensen finanziellen Vorsprung des FC Bayern vor seinen Verfolgern (und den im nachhinein betrachtet falschen Entscheidungen dieser), sondern auch durch die Infiltration einzelner Personen in den deutschen Profifußball. Deutschland ist was die Aufteilung zwischen Verein und Eigentümer anbelangt, England ein Stück voraus (siehe 50+1 Regel). Allerdings dürfen private Personen auch die Mehrheit des Kapitals des Vereins innehaben. Beispiele hier für wären eben die Dortmunder Borussia, der HSV oder eben Leipzig.
Leipzig funktioniert langsam. 2009 gegründet, in der Oberliga gestartet, spielen die Bullen jetzt in der zweiten Bundesliga und klopfen mächtig an der Tür zur Bundesliga. Gegnerische Fanclubs traditionsreicher Vereine boykottieren das Modell RasenBallsport mit Nichterscheinen bei Auswärtsfahrten oder eigens angelegten Anti – RB Choreographien. Kommerz statt Tradition heißt es von Seiten der Alteisen. „Tradition ist kein verdienst, alt werden dinge selber“ entgegnet Red – Bull – Chef Mateschitz. Viele sehen abgesehen von jeglicher Kritik, den kommenden Hauptkonkurrenten der Bayern in RasenBallsport Leipzig. Money, Money, Money.
Aber es geht auch anders. Gladbach mausert sich mit langfristigen Plänen zumindest zum Dauerkandidaten für Platz 2. Augsburg scheint unabsteigbar zu sein, da zeigt die Kurve auch nur steil nach oben. Mainz bleibt die Wundertüte, wenn’s auch heuer schwer werden kann. Schalke, die Blauen, sorgen zwar oft für Lacher und Unverständnis (siehe Jens-Keller Dauerdiskussion), trotzdem werden die auch immer konstanter. Außerdem planen die Knappen eh nur für die Vizemeisterschaft. So wie Leverkusen.
Fragen auf die keiner eine Antwort braucht:
Wie lange haben sich die Bayern also die Meisterschaft gepachtet? Sehr lange, da muss schon viel passieren bis die ausrutschen. Durch einen kollektiven Rücktritt von Ribery, Robben, Schweinsteiger und Lahm könnte sich vielleicht eine kurze Chance für die restlichen Teams auftun. Aber der bayrische Kader ist insgesamt zu gut besetzt.
Was passiert mit Dortmund? Wie immer, echte Liebe egal wo.
Und Schalke? Meister 2022, aber in einer anderen Sportart.
RB Leipzig? Wird die Bundesliga aufmischen wie einst Hoffenheim. Und dann den gleichen Weg einschlagen / hinabsteigen.
Was gehört geändert? Kapitalismus im Fußball. Reden wir über Salary Caps. Über gerechte Fernsehgeldverteilung. Über CL – Gelder, Solidaritätstöpfe. Über Jugendspieler und bizarre Ablösesummen. Reden wir über Spieler die einem Verein treu bleiben, Romantik und Fußballideale.
Und zum Schluss: Schauen wir einfach Fußball und reden am Montagmorgen über das (Sport-) Wochenende.
 

Der Autor, bekennendes, eingetragenes, leidenschaftliches Mitglied des Ballspielvereins Borussia Dortmund, verzweifelt auch in diesen düsteren Stunden nicht. Die seelische Verletzung und die daraus resultierende "Abneigung" gegenüber eines gewissen Mario G. kann hier nachgelesen werden. PS: Im Gegensatz zum Welttrainer 2014 weiß der Autor dass Mikidingsbumms eigentlich Henrich Mchitarjan heißt.

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