Hippopotomonstrosesquippedaliophobiker haben‘s schwer

5 Minuten Lesedauer

oder „Die Angst lauert in uns“


Dieser Text wurde zuerst in der UNIpress veröffentlicht.


Die Angst ist mindestens genauso alt wie die Menschheit. Wenn nicht sogar älter. Immerhin existiert der Begriff Urangst. Diese Urangst muss es also schon zu Urzeiten gegeben haben, als wir Menschen noch nicht aufrecht standen und als einzellige Einlage in der Ursuppe umherschwammen. Die Angst ist demnach nichts Persönliches, nichts das uns ausmacht und von anderen unterscheidet. Sie ist ganz einfach fester Bestandteil dieser Welt, so wie das Wasser, der Himmel und die Liebe. Also höchste Zeit, sich der Angst zu stellen, ihr etwas Zeit zu widmen und ihr freundlich die Hand zu schütteln.
Mit einer Brise Humor und einem Schluck Zaubertrank geht alles leichter, das wussten schon die alten Gallier. Da das Wissen über die Herstellung von Zaubertränken die Jahrhunderte nicht überdauert hat, müssen wir uns mit der Brise Humor begnügen. Damit lässt sich auch der großen Angst begegnen, die wir nur allzu gerne wegschieben oder ignorieren. Angst? Wer? Ich? Nein, sicher nicht. Lass uns doch über etwas Anderes reden. Dabei quält jeden von uns irgendeine Angst. Selbst die taffsten, verkopftesten Mitbürger, die Geisterhaftes mit einem gekippten Fenster und furchterregende Schlangen mit Blindschleichen-Euphemismen erklären, haben vor irgendetwas Angst. Fragt diese Menschen doch mal, wie es ihnen geht, wenn der Bankomat kein Geld mehr auswirft und der Monatserste noch drei Wochen entfernt ist.
Kommen wir nun aber zur Brise Humor. Sie existieren, die Ängste, die uns ein Schmunzeln ins Gesicht zaubern. Zumindest dann, wenn man nicht darunter leidet. Im englischsprachigen Raum isst man gerne Peanut Butter. Und wo Erdnussbutter gegessen wird, da gibt es Menschen mit Arachibutyrophobie. Diese Menschen haben panische Angst vor Erdnussbutter, beziehungsweise davor, dass sie ihnen am Gaumen kleben bleibt. Genauso schlimm ist die Koumpounophobie, die Angst vor Knöpfen. Die Erfindung des Reisverschlusses, ein Segen für die Leidenden. Dass auch Prominente vor der Angst nicht gefeit sind, beweist Johnny Depp. Der Mann für die besonderen Rollen, bei denen er sich schön verkleiden darf, hat Angst vor anderen Menschen, die sich verkleiden, vor Clowns. Depp, ein Coulrophobiker. Und es kommen ständig neue Ängste dazu. Die Nomophobie gibt es beispielsweise erst seit kurzem. Wo kein Handy, da auch keine Angst davor, ohne Handy dazustehen. Nomophobie, eine Volkskrankheit.
Besonders gemein wird es, wenn die Angst selbst zur Angst wird. Und ich spreche hier nicht von der Angst vor der Angst. Die gehört in philosophische Abhandlungen oder auf Esoterikmessen. Ich spreche von der Hippopotomonstrosesquippedaliophobie, der Angst vor langen Wörtern. Ein Sadist, der dieses Wort geprägt hat. Man stelle sich nur die erste Sitzung des Hippopotomonstrosesquippedaliophobikers beim Psychologen vor, in der diesem nichtsahnenden Hippopotomonstrosesquippedaliophobiker erklärt wird, dass er ein Hippopotomonstrosesquippedaliophobiker sei. Horror! Eine Namensgebung zum aus der Haut fahren, fast so schlimm, wie Begriffe stottern und lispeln. Ein Graus für Betroffene.
Meine größte Angst, zählt zu den Klassikern, die Herpetophobie. Die Furcht vor kriechenden und krabbelnden Tieren, wird oft auf die Angst vor Schlangen reduziert. Und das reicht mir. Die Vorstellung einem solchen Beißwurm zu begegnen, treibt mir die Schweißperlen auf die Stirn. Doch das hindert mich nicht daran im Februar für zehn Tage nach Sri Lanka zu fliegen. Ok, ich muss zugeben, beim Buchen wusste ich noch nicht, dass der Inselstaat im Indischen Ozean nicht nur die Insel der Elefanten, sondern auch die Insel der meisten Schlangenbisse weltweit (!) ist. Aber ich bin gewappnet. Ich werde meiner Angst metaphorisch die Hand reichen, Overknee-Wanderstiefel tragen und mir eine goldene Königskobra vor dem inneren Auge vorstellen. Diesen Tipp habe ich von einer Psychotherapeutin. Wer von einer riesigen, goldenen Kobra begleitet wird, braucht sich vor kleineren Schlangen nicht mehr zu fürchten.
Vier Wochen bis zum Abflug. Zeit genug, um an dieser Technik zu feilen und mich darin zu üben. In abwechselnder Reihenfolge begleiten mich seitdem ein großer goldener Politiker, eine große goldene Staubfluse und ein großer goldener Redaktionsschluss. Sicher ist sicher.


Foto (c) Manu Méndez, Cobras, flickr.com

Ein Leben zwischen Schreibmaschine und Fußballplatz. Eigentlich Betriebswirt. Heute mal Autor, mal Sportmanager. Hat das ALPENFEUILLETON ursprünglich ins Leben gerufen und alle vier Neustarts selbst miterlebt. Auch in Phase vier - "Diskursplatz für Selbstdenker" - aktiv mit dabei und fleißig am Schreiben.

1 Comment

  1. Keine Angst, lieber Felix!
    Wer einen so glücklichen Namen trägt, ist auf jeden Fall im Vorteil.
    Und die giftigsten Schlangen gibt es nicht auf Sri Lanka, sondern in Australien.
    Enjoy your holiday!

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