Studentische Kulturrevolution inmitten der Alpen (unpolitisch)

6 Minuten Lesedauer

von Susannah Haas und Thomas Sojer


In den letzten Mai- und frühen Junitagen, als der Sommer noch nicht weiß, ob er jetzt schon gekommen ist oder erst kommen will – hat Petrus den Beipackzettel von Viagra falsch verstanden?! – etabliert sich die Innsbrucker Studentenschar als neue Kunstgeneration, was eine Eventsynopse längst überfällig macht. Danke AFEU (no fake news)! Der unerbittliche Ideenwinter schien endgültig vorüber und in den vielen leeren Schädeln, die hornbrillenbesetzt und stets im berüchtigten „Nachdenkwinkel“ geneigt unweigerlich super intellektuell riechen (synaesthesia joke), begann es grüner zu ergrünen wie Spaniens Blüten auf der „Tapete der Machete“. Abseits der unzähligen Aushänger zeitgenössischer Hipsterkultur, die schon allein wegen ihrer volumsgebärteten Erscheinung als Kleinkunstperfomance angesehen werden muss, haben sich drei Veranstaltungen von der typischen Studentenkultur abgehoben. Anders als sich die_der Durchschnittsstudent_in je nach Tagesverfassung irgendwo auf einer Skala zwischen weltoffen und Biedermeier bewegt und sich im Knöpfen des Holzfällerhemds und Ölen des Gesichtshaares verausgabt, gibt sich die neu aufblühende Eventkultur durchaus stamm[kri]tischfähig, wenn nicht total convfefe©Trump, und ergießt sich in einer Fülle von Ausdrucksformen.

K[uns]T als gesellschaftskritisches Medium

Vom 31. Mai bis zum 2. Juni luden die Studienvertreterinnen (muss hier nicht gegendert werden) der Fachrichtungen Kunstgeschichte, Musikwissenschaft und Philosophie zu einer Veranstaltungsreihe, die mit einem breiten Programm zwischen Kunst und Wissenschaft aufwarten konnte. Eingeläutet wurde der  Eventreigen mit dem schweigenden Sieg der Kapitalismuskritik über die markengeile Konzernmacht. Platzhirsch Franz Wassermann replizierte seine anarchische Performance, ganz „pfingstig ums Heil hirschelnd“ am Landhausplatz, dem Heldenplatz nichts nachstehend. Der Rest ist Schweigen. In der anschließenden Ausstellungseröffnung übte Lucas Norer aktuelle Kritik an der Entmenschlichung von Flüchtlingen. Zeitlos zeigen sich Arbeiten des Graffitikünstlers Sketch sowie der Tiroler Künstlerin Christine S. Prantauer und Ursula Grosers Melville-Rezeption. Das Symposium tags darauf fand im Archäologischen Museum statt und bildete den apollinischen Teil nebst dionysischer Kunstfülle. Als Leporello der Disziplinen bot es sowohl alteingesessenen Koryphäen als auch jungen Wissenschaftler_innen der LFU samt Wiener Verstärkung die Möglichkeit, nach dem kritischen Potential des eigenen Gegenstandsbereichs zu fragen – Selbstkritik nicht (prinzipiell) ausgeschlossen. Der Höhepunkt wurde schließlich in der Kulturbackstube gekocht und aufgetischt – mit einer Mischung aus Konzerten, Lesungen und Gesellschaftskritik, allesamt aus dem Mund, der Feder und den Hirnwindungen der Innsbrucker Studentenschaft. Mieze Medusa demonstrierte, wie man als wortgewandte HipHopperin politisch (inn-)korrekt und doch kritisch sein kann und verließ die Bühne als fleischgewordenes Paradoxon. Das Gesamtergebnis ist demnächst als Sammelband und Audio-Aufnahme zu spüren (synaesthesia joke, yes again and it’s super funny).

Renegade Actors Innsbruck

Am 15. und 31. Mai versammelten sich die anglophilen Innsbrucker_innen im Viaduktbogen 32, der vielen auch unter dem Synonym Bogentheater bekannt sein mag, und kamen in den Genuss eines künstlerisch inkarnierten After Eights. In einer postmodernen Pilgerreise werden Texte von Virginia Woolf, Joseph Conrad uvm. innovativ und mit vielen Tanzeinlagen in Hinblick auf die Thematik des terroristischen Tourismus neu interpretiert. Die renegade actors innsbruck, das sind zwölf Englischstudierende unter Regie und Leitung der Anglistin  Ariane de Waal, erzählten in einem beeindruckenden Akzentspektrum eine Geschichte der Sehnsucht, der Träume und der Ungerechtigkeit. Schauspielerisch elegant und sprachbegabt balancierten sie über den Diskursen aktueller Weltpolitik zwischen den Genres von Komödie und Tragödie. Die renegade actors bringen damit Studierende zurück auf die lokale Kleinkunstbühne und knüpfen an eine jahrhundertealte Innsbrucker Tradition an, die mit den Jesuitendramen bis ins 16. Jahrhundert zurückreicht. Mancher Textausschnitt offenbarte sogar subcutaneous qualities, die selbst Tage nach dem imaginativen Curtain Call (das Bogentheater besitzt leider keinen Bühnenvorhang) zum Sinnieren über die derzeitigen Entwicklungen auf unserem Planeten anregten.

InnVersion

Auch diejenigen, die ihr Englisch als zu eingerostet empfinden und lieber der deutschen Muttersprache frönen, werden in diesem Aufblühen studentischer Kultur nicht leer ausgehen. InnVersion – der „erste“ interdisziplinäre [Studierenden]Theaterverein (renegade actors innsbruck war hier wohl noch unbekannt) feiern ihr Debut mit einer Neuinterpretation von Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“.  Diese findet am 16., 18., 19. und 21. Juni jeweils um 20:00 Uhr in der Bäckerei statt. Seit Anfang September 2016 tüftelt der Verein mit Studierenden aller Fachrichtungen an einem Vergleich zwischen Studentenleben und der geheimnisvollen Welt des Kaninchenbaus. „#sorealice“ mit dem existentialistischen  Untertitel „so real?“ verspricht aufregende Eindrücke in die surreale Welt studentischer Existenzen.

Fazit

Wer glaubt, dass sich die neue studentische Kulturrevolution damit erschöpft hat, darf sich – sowohl mit den drei vorgestellten Projekten, aber auch mit einigen noch in den Startlöchern befindlichen Neuschöpfungen – eines Besseren belehren lassen.

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