Plattenzeit #59: Panda Bear – Person Pitch

6 Minuten Lesedauer

Weich


Animal Collective mochte ich nie. Dennoch war ich damals Administrator einer „Person Pitch“ Studi-VZ-Gruppe. In regelmäßigen Abständen versuchte ich diese am Leben zu erhalten, beschimpfte Leute und wies sie unsanft darauf hin, dass sie doch um Himmels Willen diese geniale Platte von Panda Bear nicht in Vergessenheit geraten lassen sollten. Der Erfolg war mäßig. Ob es am damals bereits sterbenden Medium Studi-VZ lag oder an meiner doch recht barschen Art lässt sich nicht mehr eindeutig nachvollziehen. Womöglich war damals aber schon die Idee für „Plattenzeit“ grundgelegt. Der Ton hat sich verändert, das Medium ist ein anderes, der Anspruch ist gleichgeblieben.
„Person Pitch „, das Solo-Album des Animal Collective Mitglieds Panda Bear, hat mich damals „weich“ gemacht. Bis dahin war ich, nicht nur in Sachen Musikgeschmack, überaus hartherzig. Nichts könnte meinen damaligen Gemütszustand besser beschreiben als „Enemy of the Sun“ der Sonnenhasser und Neurosenzüchter Neurosis. „Person Pitch“ brachte 2007, spät aber doch, Sonne in mein Herz.
„Try and have a softer inside“ sang damals Panda Bear, eigentlich ja Noah Lennox, unter tonnenschweren Halleffekten vergraben im Eröffnungs-Track. Für dieses Lied brauchte er nicht viel. Gerade mal ein paar wenige Akkorde, Samples und seine eindringliche Stimme, die live für mich nie wirklich funktionierte. Live sang der gute Mann oftmals unherrlich schief. Auf Platte hatte er aber hier ein absolutes Erfolgsrezept gefunden. Auch heute schmelze ich nach den ersten Tönen der Platte noch dahin und möchte sofort rauslaufen, Blumen liebkosen und meinen Mitmenschen helfen. Als Gegenrezept zu diesem unerklärlichen Verlangen hilft meist nur eine Dosis „Reign in Blood“ von Slayer.
Überhaupt war die Platte für mich eine Art Erleuchtung. Primär bestand das Teil ja aus Samples, die kreativ zu eigenen Songs verwurstet wurden. Auch wenn ich es damals wie heute niemals zugeben würde, bin ich nämlich Purist und sehe nach wie vor lieber Gitarre und Bass auf der Bühne als Laptop und Mischpult. „Person Pitch“ zeigte mir nur allzu deutlich, dass man ohne großartige gitarristischen Fertigkeiten ein Album-Kleinod raushauen konnte. Auch in dieser Hinsicht hat mich das Album „weicher“, soll heißen toleranter und offener gemacht.
Auch die Themen des Albums überzeugten mich. „I don´t want for us to take pills, take pills, take pills / because we´re stronger and we don´t need them /stronger if we don´t need them“//. In meiner Nietzsche-Phase interpretiere ich diese Textzeilen natürlich als die Aufforderung zur Lebensbejahung schlechthin. Haut die Pillen weg und nehmt das Leben so, wie es ist. In seiner ganzen Intensität, mit allen den Widersprüchen. Dass das natürlich womöglich auch ein Abgesang auf den Hippie-Drogenwahn sein könnte ging mir damals nicht auf. Dazu mochte ich Menschen generell zu ungern.


Sommer


Beim Hören im Verlauf der Platte kommt man in den ganz bestimmten Sommer-Groove – zum Glück aber ohne Sunshine-Reggae Plattitüden. Man muss es auch noch mehreren Tracks nicht einfach nur „easy“ nehmen und dazu im stupiden Reggae-Rhythmus mitwippen. Sogar die Joints dürfen aus gutem Grund unangezündet bleiben. Panda Bear will nicht Hintergrundmusik für den Konsum von leichten Drogen produzieren, sondern seine Musik soll selbst zur Droge werden.
Man hat sich bei „Person Pitch“ bitte sehr und gefälligst primär an der Musik zu berauschen und genau hinzuhören. Der Wahnsinn und das Rauschversprechen steckt hier nämlich im Detail. Wer diese Platte im benebelten Zustand an sich vorbeirauschen lässt wird sie eher nicht begreifen. Es gibt hunderte Spielereien, Irrwitzigkeiten und absurden Sounds zu entdecken. Garniert wird alles mit einem grandiosen Gespür für Melodien, die sich, nicht aus Bescheidenheit sondern als psychedelischer Kunstgriff, nicht immer sofort erkennen und nachsummen lassen.  Das liegt vor allem daran, dass diese Melodien kunstvoll in den Gesamtsound „eingelassen“ und eingearbeitet sind. Noah Lennox will keine Popmusik machen, in der alles der Stimme und der Melodie folgt und der Sound zweitrangig ist.


Fazit


„Person Pitch“ ist erstaunlich gut gealtert. Ja, womöglich gibt es mittlerweile neuere und ausgefeiltere Produktionsbedingungen und -methoden, mit denen die Platte anders klingen könnte. Soll sie aber gar nicht. Die leichte Patina der Platte war ja damals schon gewollt und klingt im Hier und Jetzt fast noch charmanter und zeitloser. Auch die Wirkung ist noch da. Ihr entschuldigt mich – ich muss dann jetzt mal rausgehen, meine sanfte Seite ausleben und die Welt um mich herum zu einem besseren Ort machen.


Zum Reinhören


Titelbild: (c) Odense Classic, flickr.com 

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

*

code