Wenn eine Schule darüber hinausgeht

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Mittwoch 18:16 Uhr. Müde Augen. Der Bus fährt ein. Es fühlt sich gleich an wie vor zehn Jahren. Damals ging der Bus zwar um 6 Uhr in der Früh, er fuhr aber mit dem gleichen Ziel – Schule – PORG Volders. Die tiefstehende Sonne verstärkt die Erinnerung. Wir fühlen uns wie damals mit 15. Nur die vergessenen Hausaufgaben fehlen. Statt ins Klassenzimmer geht es, fast zehn Jahre nach der Matura, zur Theateraufführung von „Der kleine Hobbit“. Das neueste Projekt am PORG.
Während wir im Bus von längst vergangenen Ereignissen schwärmen und uns in verblassten Erinnerungen verlieren, fragen wir uns was die Schulzeit damals so besonders gemacht hat. Wenn Freunde von uns über ihre Schuljahre sprechen, dann endet das meist mit Kopfschütteln und mit „Gott sei Dank habe ich das hinter mir“-Sagern. Bei uns ist das anders. Wenn ich an meine Schulzeit denke, dann habe ich nur bedingt Prüfungssituationen, schlechte Noten, oder Schelte im Kopf. Viel mehr kommen mir da Erlebnisse wie die Musikwoche in Zeillern, die Aufführung des Musicals Hair, die Quigong Einheiten im Medidationsraum, der Besuch des buddhistischen Klosters in Frastanz, oder die spontanen Jam Sessions in den Sinn. Entweder hat mein Hirn einen besonders sensiblen Filter und behält nur die schönen Erinnerungen, oder ich hatte einfach Glück und habe eine tolle Schule besucht. Dieser Mittwoch Abend und „Der kleine Hobbit“ haben mir gezeigt, dass wohl letzteres zutrifft.

Außerschulisches Engagement bildet

Dem PORG stehen als Privatschule mit Sicherheit andere Möglichkeiten zur Verfügung, als einer vergleichbaren öffentlichen Schule. Alleine die Tatsache, dass das PORG nur knapp 300 SchülerInnen besuchen, lässt einen Vergleich nur schwer zu. Trotzdem bin ich der Meinung, dass das PORG ein Beispiel sein kann, wie Schule sein sollte. Auch wir haben damals einen normalen Alltag gehabt, uns durch Mathematik, Geschichte, Physik und Chemie gequält und sämtliche Lehrziele erreicht. Darüber hinaus gab es mit dem Tagesheim und sonstigen außerschulischen Aktivitäten noch ein breites Spektrum an Möglichkeiten. So kam es nicht selten vor, dass am Nachmittag SchülerInnen aus den unterschiedlichsten Schulstufen gemeinsam „Smoke on the water“ spielten, sich um das Umweltzeichen bemühten, eine Moschee besuchten, oder für das anstehende Chor-Projekt probten.
An keiner anderen Schule der Welt wäre es möglich gewesen, dass SchülerInnen – in dem Fall waren es Lisa und ich – Ideen für einen neuen Schulzweig einbringen durften. Als Kämpfer für das Gute (ich war damals gerade frisch an der Universität und voller Tatendrang. Lisa absolvierte die Matura) hatten wir es uns zum Ziel gesetzt einen sozialwissenschaftlichen Schulzweig mit den Schwerpunkten „politische Bildung“ und „Soziologie“ an unserer Schule einzuführen. Umschichtung der Schulstunden (weniger Mathematik, mehr anderes) inklusive. Dass unser Direktor das Konzept entgegennahm war das eine. Dass unser Vorschlag bei der Lehrerkonferenz aber tatsächlich diskutiert und geprüft wurde, hat uns nicht nur damals gefreut und zeigt welcher Respekt hier SchülerInnen entgegengebracht wird.

Mehr Selbstbestimmung für Schulen – die Schulautonomie

Wenn ich davon spreche, dass das PORG Volders ein Vorbild für andere Schulen sein kann und sein sollte, dann bin ich mir durchaus bewusst, dass das alles andere als einfach umzusetzen ist. Immerhin braucht es dafür finanzielle Mittel, Direktoren und Lehrer die dafür bereit sind mehr zu geben und vor allem eines – den politischen Willen dazu, Schulen mehr Freiheiten, mehr Eigenständigkeit zu ermöglichen. Gesamtschule, neue Mittelschule, Ganztagsschule nach skandinavischem Vorbild, Zentralmatura. Viele Vorschläge liegen und lagen auf den Tischen der Experten und Entscheidungsträger. Die Entwicklung in Richtung Vereinheitlichung, Angleichung, Anpassung gefällt mir dabei gar nicht.
Als ehemaliger Schüler bin ich zwar kein Experte, aber immerhin voller Erfahrungen und Eindrücke. Und ich bin mir sicher, dass eine Schule in Wien Ottakring oder Favoriten andere Herausforderungen und Anforderungen hat, als eine Schule in Volders. Ich bin mir ebenso sicher, dass sich SchülerInnen über die Generationen hinweg verändern – so wie sich auch ihre jeweilige Umwelt verändert. Vor zehn Jahren hatte noch niemand eine Vorstellung davon wie es sein würde eine Klasse zu unterrichten in der 95% der SchülerInnen mit einem Smartphone sitzen. Cybermobbing war zu meiner Schulzeit noch kaum ein Thema.
So wie sich die Anforderungen generell, die SchülerInnen und die Umwelt verändern, so müssen sich auch die Schulen und Schultypen immer wieder neu finden und anpassen. Ohne ein Bildungsexperte zu sein, bin ich mir sicher, dass dies am besten durch Selbstbestimmung, durch Schulautonomie gelingt. DirektorInnen müssen zu Managern mit sozialer, wirtschaftlicher, fachlicher und vor allem Entscheidungskompetenz werden. Sie müssen, neben der Einhaltung aller Richtlinien, Möglichkeiten bekommen, um ihre Schulen an die aktuellen Ereignisse anpassen zu und reagieren zu können. Dann bekommen SchülerInnen eine angemessene Ausbildung die sie auf das Leben vorbereitet. Dann werden Talente erkannt und gefördert. Dann werden junge Menschen individuell gebildet und ausgebildet. Dann haben junge Menschen vielleicht die Chance, ähnlich tolle Erfahrungen zu sammeln wie ich es tun durfte. Ich würde es ihnen wünschen!

Titelbild von :Rainer Sturm / pixelio.de

Ein Leben zwischen Schreibmaschine und Fußballplatz. Eigentlich Betriebswirt. Heute mal Autor, mal Sportmanager. Hat das ALPENFEUILLETON ursprünglich ins Leben gerufen und alle vier Neustarts selbst miterlebt. Auch in Phase vier - "Diskursplatz für Selbstdenker" - aktiv mit dabei und fleißig am Schreiben.

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