Die Politik der nächsten Generation

© birgitH / Pixelio.de
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Die Gemeinderatswahl in Innsbruck ist mit der Bürgermeisterstichwahl vom 29. April 2012 endgültig entschieden worden. Trotzdem kann man sie in vielerlei Hinsicht als richtungsweisend einstufen. Der teilweise sehr harte und an den Grenzen der Fairness und Menschenachtung geführte Wahlkampf forderte vor allem ein Opfer, die Wahlbeteiligung. In Zeiten steigender Politikverdrossenheit und Desinteresse am wichtigsten Instrument der Bürger, dem Wahlrecht, mutet es doppelt bitter an, so einen Wahlkampf beobachtet haben zu müssen. Was kann man jedoch für Schlüsse daraus ziehen? Wohin bewegt sich die Politik in den nächsten Jahren?

Schlachtfeld Social Media

Der Innsbrucker Wahlkampf war nicht der erste, der verstärkt auch über Facebook, Twitter und Co geführt wurde. Trotzdem nimmt er, vergleicht man ihn vor allem mit anderen österreichischen Wahlen, einen besonderen Stellenwert ein. So gibt es schon seit Jahren Personenprofile und Fanseiten für fast alles was sich VertreterIn des Volkes schimpfen darf, Tendenz steigend. Auch wenn bei so manchem mit einer Handvoll Fans die Sinnfrage erlaubt sein muss, so gibt es doch auch Politiker, die großen Einfluss auf die Social Media Gemeinde üben. So verwundert es kaum, dass gerade HC Strache hier die blaue Nase vorn hat. Diese Profile, Seiten und Gruppen dienten bislang jedoch hauptsächlich dazu, Informationen über diese Personen zur Verfügung zu stellen. Einträge drehen sich zumeist um die aktuellen Tätigkeiten, selten wird mit Bildern, Videos, Gewinnspielen und sonstigem populärem Social Media Kram gearbeitet. Innsbruck war augenscheinlich der Start in ein neues Zeitalter. Was hier über Mitglieder des Gemeinderates, Unterstützer der Kandidaten und wahlkämpfenden Personen geteilt und verbreitet wurde, war eine Lawine, welche die ganze Stadt für Wochen eingenebelt hatte. Die Statusnachrichten, öffentlichkeitswirksamen Fotos Marke „Grinsekatze“ grenzten in ihrer inhaltlichen Qualität oftmals an den berühmt berüchtigten Sachverhalt „Fahrrad in China umgefallen“. Zu oft war man als politisch interessierter Wähler der Versuchung ausgesetzt, die Spam Taste zu betätigen, zugegebenermaßen in dem Wissen, dass die Wirkung ebendieser im Nirgendwo verpuffen würde.

Zum „davonradl’n“

Wahlkampf als Wahlkrampf?

Obwohl der Wahlkampf auch verstärkt auf Social Media Basis geführt wurde, soll nicht der Eindruck entstehen, die Parteien hätten das Hauptaugenmerk auf dieses Medium gesetzt. Es war, möchte man es umgangssprachlich ausdrücken, ein regelrechter „Lercherlschas“ gegen das, was uns in den kommenden Jahren und damit Wahlkämpfen erwarten wird. Die für Social Media eingesetzten Mittel und die dort entfaltete Kampfkraft werden weiter steigen. Aber auch abseits von Facebook gab es eine wahre Materialschlacht. Innsbruck war mit Plakaten zugepflastert. Jeder Baum, jede Straßenlaterne und freie Fläche wurde mit politischen Anliegen regelrecht vergewaltigt. Gut, man muss diesen Umstand auch auf die große Zahl kandidierender Listen zurückführen. Trotzdem, man hatte auch in den zwei Wochen vor der Bürgermeisterstichwahl nicht das Gefühl, dass die Zahl der Plakate sich drastisch verringert hatte. Die Wahlgeschenke wurden auch wieder fleißig verteilt, die von langweilig bis ausgefallen alles beinhaltet hatten, jedoch eines nicht: Überzeugungskraft um das politische Interesse und Vertrauen in die Politik zu stärken. Nicht minder öffentlichkeitswirksam und bedauerlicherweise mit nicht viel mehr Überzeugungskraft ausgestattet, stolzierten die Spitzenkandidaten des Öfteren durch die Stadt und versuchten in persönlichen Gesprächen ihre Handschlagqualität unter Beweis zu stellen. Es war ein bemerkenswert groteskes Spiel mit den Wählern, denen man es offensichtlich nicht einfach machen wollte zur Wahl zu gehen. Sicher haben die in den vergangenen Monaten aufgekommenen Skandale um Spitzenpolitiker einen großen Imageschaden bewirkt, nichtsdestotrotz muss die erschreckend geringe Wahlbeteiligung von knapp über 50 % von allen Parteien und Kandidaten verantwortet werden. Zu sehr hat man den Bürger gequält, zu wenig überzeugend konnte man transportieren, dass man für ein neues Zeitalter der Politik einsteht. Dieses Zeitalter ist längst angebrochen und sollte uns mit Sorge auf unsere Geschichte zurückblicken lassen. Jahrhundertelang hatten unsere Vorfahren um Bürgerrechte und Mitbestimmung gekämpft. Sie sind nicht nur dafür eingestanden, sie sind dafür bis in den Tod gegangen. Dass wir heute damit beginnen, diesen Einsatz unserer Ahnen mit Füßen zu treten, sollte uns zu denken geben. Gerade junge Menschen verlieren den Glauben an die Politik. Zugegebenermaßen handelt es sich um eine Mischung aus fehlender Information und der fehlgeschlagenen Politik der letzten Jahre. Das soll jedoch keineswegs als Entschuldigung gelten, sondern sollte uns mahnend dazu anhalten, alles dafür zu tun, die Bürgerrechte zu stärken und die Politik transparenter und lebhafter zu gestalten.

Quo vadis Politik?

Die Zukunft der Politik liegt wieder vermehrt in den Händen des Demos, die BürgerInnen werden verstärkt Mitspracherecht bekommen und aktiv gestalten dürfen. Ob sich dieses Konzept positiv auf die Realpolitik auswirken kann, muss man auf einen Versuch ankommen lassen. Um die schwindende Wahlbeteiligung zu erhöhen, wird es nur so und nicht anders gehen. Viele Trends der letzten Monate weisen zum Glück daraufhin, dass die Parteien die Bürgerbeteiligung als einen wichtigen Ausweg aus dem Politchaos sehen. Der Erfolg der Piratenpartei ist in diesem Zusammenhang zu nennen und er ist sicherlich auch richtungsweisend für die anderen Parteien. Die ÖVP hat mit einem von ihrer Jungen Volkspartei ausgearbeiteten Konzept den ersten Schritt gesetzt. Ein guter Anfang, der jetzt noch konsequent zu Maßnahmen umgesetzt werden muss. Nur so kann und muss der Teufelskreis der Politik gestoppt werden!

Globalisiertes Verbrechen

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44.000.000.000 Euro erwirtschaftet die kalabrische Mafia, die `Ndrangheta, jedes Jahr. Bei einem Jahresumsatz von mehr als 40 Mrd. Euro lässt sich der süditalienische Auswuchs der Mafia durchaus, provokant, als ein erfolgreiches, großes Unternehmen bezeichnen und mit so manchem großen Konzern, zumindest von der finanziellen Seite her, vergleichen. Dass die klassischen, mafiösen Geschäftsfelder aus Erpressung, Drogenhandel, Schmuggel und Entführung bestehen, sollte den meisten spätestens seit der Pate I, II und III bekannt sein. Dass die Mafia mittlerweile jedoch nicht mehr von Bossen a la Don Corleone geführt wird und mit allen Mitteln den italienischen Staat bekämpft, wissen nur wenige. Das verstaubte Bild der Anzug tragenden, Zigarre rauchenden, wortkargen Mafiosi ist Geschichte. Die Mafia hat sich angepasst, arbeitet mit modernen Technologien, erschließt immer neuere Geschäftsfelder und blüht in dem Staat, den sie früher so verbissen bekämpft hat, regelrecht auf. Die neue, moderne, junge Mafia investiert in die beliebtesten Ferienregionen, baut Hotels, Einkaufszentren und Straßen. Die Mafia fabriziert die angesagteste und exklusivste Mode. Die Mafia baut Schulen, Wohnhäuser und Justizgebäude. Die Mafia arbeitet stark über das Internet. Die Mafia wirtschaftet global. Die Mafia ist der große Gewinner der Globalisierung.

Offene Zölle, selten gewordene Personenkontrollen sind nicht nur für das geeinte, friedliche Europa eine große Errungenschaft und Freude. Mafiaclans aus Süditalien, Osteuropa und Asien haben längst nach Gesamteuropa expandiert. Von Rostock aus Richtung Bayern liegt eine der größten Handelsstraßen, ein Handelshighway für importierte Drogen aller Art. Bayrische Städte wie München, Augsburg und gerade Nürnberg haben mit den Auswirkungen zu kämpfen – sind sie doch Verkehrsknoten, Dreh- und Angelpunkte im europäischen Drogenhandel. Lange haben deutsche und auch österreichische Behörden an einer gewissen Blindheit gelitten und diese Tatsache verdrängt, erst seit wenigen Jahren ist man sich der drohenden Gefahr bewusst und bekämpft das organisierte Verbrechen aktiv und grenzüberschreitend. Nun gilt es, in der Bevölkerung ein Bewusstsein zu schaffen, um Korruption und Wirtschaftsverbrechen im Keim zu ersticken. Spätestens seit den Düsseldorfer Mafiamorden und dubiosen Bankgeschäften im Alpen-Adria-Raum ist das organisierte Verbrechen aber in den Köpfen der Bevölkerung angekommen.

Die Mafia ist zivilisierter, ruhiger und angepasster geworden. Die Mafia ist bestens organisiert, modern und jung. Die Mafia durchzieht alle Gesellschaftsschichten und pflegt international gute Kontakte. Die Mafia ist erfolgreich und bürgerlich geworden. Gerade deshalb ist die Mafia so gefährlich.

Der Geschirrspüler

© Bastian Wilkat / Pixelio.de

Türme aus Tellern drohen langsam in sich einzubrechen. Massen an Essensresten fangen langsam an zu schimmeln. Der süßliche Duft nach verdorbenen Mahlzeiten findet den Weg aus der Spüle direkt in die Nase. Bis jetzt konnte man sich davor drücken, wenn man es einfach ignorierte. Man dachte sich, dass  es noch warten könne, da man ohnehin noch den einen oder anderen sauberen Teller in der Wohnung finden konnte. Doch es gibt einen Punkt an dem es nicht mehr anders geht.

Wie ein Kind, welches nicht den Spielplatz verlassen möchte, wie ein Jugendlicher, welcher nicht um zehn Uhr nachts heimgehen will, wie ein Choleriker, welcher nicht leiser reden möchte, möchte ich nicht den Weg zur Küche antreten, um den Abwasch zu erledigen.

David, es muss getan werden, rede ich mir ein. In einer sauberen Küche lebt es sich besser, du kochst doch eh so gern, das bisserl Abwaschen gehört nun mal dazu. Ich spiele mir selbst etwas vor. Mein Hirn versucht zwanghaft eine Illusion, ja eine Vision, in sich selbst einzuschleusen. Eine Illusion der Akzeptanz des Abwaschens. Es wird als leichte, alltägliche Arbeit vorgegaukelt, in Wahrheit würde ich lieber meine letzte Mahlzeit verspeisen und erhobenen Hauptes gemeinsam mit dem Henker meinen letzten Gang Richtung Schafott bestreiten, als nur noch ein einziges Mal mit den aufgeschwemmten Händen, die denen einer Wasserleiche gleichen, von Tellern Essensreste zu kratzen an die ich mich nicht einmal erinnern kann, sie je als Mahlzeit gehabt zu haben.

Und dennoch wasche ich ab. Immer und immer wieder. Man wohnt ja leider nicht alleine und die Toleranz des Mitbewohners kennt auch seine Grenzen. Für ihn tue ich es, nicht für mich. Wenn es nach mir ginge, würde ich vom Tisch essen, nur um schmutziges Geschirr zu vermeiden. Aber er versteht mich nicht. Er teilt mein Leiden nicht. Sein Hirn erzeugt vielleicht schönere und glaubwürdigere Illusionen vom Abwaschen. Er wäscht ab und ist danach immer noch guter Laune wie zuvor. In mir stirbt jedes Mal ein Teil sobald der erste Tropfen Spülmittel meine braunen IKEA-Teller berührt. Danach bin ich depressiv, denke über mein Leben nach, frage mich warum ich arm bin, frage mich was ich bloß tue und warum zur Hölle ich das Geld für einen scheiß Geschirrspüler nicht habe.

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Das sind doch nur ein paar Jahre, David, dann hast du dein Studium abgeschlossen, stehst mit beiden Beinen im Leben und kannst dir einen leisten. Mein Hirn versucht mir Bilder einer schöneren Zukunft vorzusetzen, wie sooft, wenn das Gegenwärtige nicht nach eigenen Vorstellungen und Idealen gelebt werden kann. Fick dich Hirn, du warst mir noch nie eine Hilfe. Was bringt mir zukünftig ein Geschirrspüler , wenn er mich jetzt vor dem Suizid bewahren soll?

Abend für Abend weine ich mich in den Schlaf. Die Hände die mein Gesicht verdecken riechen nach Pril mit Citrusduft. Ich könnte kotzen. Wann werde ich endlich frei sein? Ich sehne mich nach dir, Geschirrspüler. Ich hätte diese Welt der Freude die meine Eltern für mich kreiert hatten, nie verlassen dürfen. Ich hätte nie gedacht, dass du mir so fehlen würdest. Bei all dem technischen Fortschritt der letzten Jahrzehnte, bist letztendlich du der König der Maschinen, das Allerheiligste das je von Menschen geschaffen wurde. Du bist die erste warme Frühlingsbrise nach dem kältesten Winter, du bist mein Zufluchtsort während des furchtbarsten Sturmes, du bist mein Alka Seltzer gegen den schlimmsten Kater.

Du bist mein Anti-Depressivum.

Wien – nicht auszuhalten

© Karl-Heinz Laube / Pixelio.de

„Man kann es in Wien nicht mehr aushalten, aber woanders auch nicht.“ – Helmut Qualtinger

Es ist der 20. September. Gerade habe ich das Bett in meiner neuen Mietwohnung aufgestellt. Der Dramaturgie der Geschichte zutragend regnet es. Jetzt komme ich nicht mehr aus, die ersten Schritte sind getan. Ich ziehe von Innsbruck nach Wien.

Warum eigentlich? Könnte ich nicht noch ein paar Monate Ferien machen, vielleicht sogar einen Teilzeitjob annehmen (glaube ich mir selbst nicht), und dann mit dem Studium erst im Sommersemester anfangen? Eventuell sogar in Innsbruck? Nein. Nein, jetzt geht es nicht mehr, die Wohnung ist bezogen, die Anzahlung gemacht. Es gibt kein Zurück. Als mir dieser Gedanke kommt, bekomme ich Angst, alles wirkt so final. Aber die Frage des Warums verschwindet trotzdem nicht. Man will halt seinen Horizont erweitern. In der Hauptstadt ist ja viel mehr. Zumindest wird das einem so gesagt. Idioten.

Irgendwie fühle ich mich noch nicht ganz zuhause in der neuen Wiener Wohnung. Es liegt vermutlich an der Abwesenheit von Fernseher und Internet, die ich durch lange verwöhnte Jahre im Elternhaus nicht ertrage. Eine bekannte Social Network Seite die von mir zwar verspottet, aber trotzdem betrieben wird, fehlt auf einmal, Voyeurismus und Exhibitionismus können nicht befriedigt werden. Auch das früher als unterirdisch bezeichnete Pro7 Programm wird nun bitter vermisst. Weil ich mir die sich stark bemerkbar machende Medienmanipulation nicht eingestehen möchte, man ist ja unabhängig, rede ich mir recht überzeugend ein, dass der Grund des „Nicht-Heimisch-Fühlens“ einzig und allein am Essen liegt. Was denn sonst? Kulinarisch bin ich einfach noch nicht in Wien angekommen, der Schock, dass die liebe Oma nicht mehr für mich kocht, ist wohl doch zu groß.

Na gut, dem müsste doch Abhilfe zu schaffen sein. Erster Gedanke: Ab ins nächste gemütliche Beisl und Schnitzel essen. Zweiter Gedanke: Scheiße ich bin Student und daher arm. Glücklicherweise befindet sich unweit meiner Wohnung eine typische (=krankheitserregend aber billig) Würstelbude am Gürtel. Mit neuer Hoffnung erfüllt erkenne ich auf dem Weg dorthin anhand langweiliger Architektur, dass das Wien des 18. Bezirkes wohl doch nicht so anders aussieht wie das bereits bekannte Innsbruck. Ob ich das jetzt gut oder schlecht finden soll weiß ich nicht so recht. Noch einmal an die Heimat erinnert werde ich, als ich einen stark betrunkenen, vermutlich Arbeits- und/oder Obdachlosen auf mich zu torkeln sehe. Als er an mir vorbeigeht verspüre ich nicht wenig Stolz, als ich sowohl den Drang mich zu übergeben als auch den, den besagten Wankenden umzuschubsen, unterdrücke.

Fast bei der Würstelbude (dafür muss es doch wohl ein besseres Wort geben?) angekommen will mich Wien doch wieder abstoßen. Hundeschei…, ähh ich meine ein „Hundstrümmerl“, stellt sich mir provokant in den Weg. Was habe ich dieser Stadt nur getan, dass sie mich einfach nicht hinein lässt. Der Mut verlässt mich, bin kurz davor umzukehren. Aber naja, wenn man schon so weit gekommen ist, dann will man das jetzt auch durchziehen. Irgendein ganz schlauer Philosoph hat das irgendwann irgendwo sicher einmal wortgewaltiger gesagt. Den möchte man doch nicht enttäuschen. Ich schreibe es nicht zuletzt dem, im Alter von 10 Jahren besuchten Judokurs zu, dass ich dieses dunkelbraune Hindernis mit einem gekonnten Sprung überwinde.

Endlich beim Wiener Speisemekka angekommen muss ich erst warten bis ein Mitte-20er bestellt hat. Nachdem dieser seinen leicht abschreckend aussehenden Hotdog zuerst mit einen gierigen Bissen von seiner Grundform erlöst und dann angewidert dreinschauend in die Mülltonne befördert hat, bin ich doch etwas skeptisch bei meiner Bestellung. Der Anblick des Verkäufers, als er in eine Serviette niest und diese auf den Stapel zurücklegt, gibt meinem eher empfindlichen Magen den Rest. Ich drehe mich um. Essen wird sowieso überbewertet.

Es reicht. Das wars, ich gebe auf. Schon nach einem Tag halte ich das Abenteuer Wien nicht mehr aus. Ich fühle mich wie im Dschungelcamp, will einfach nur hinaus und schäme mich nun auch noch, dass ich das Dschungelcamp kenne. Ich mache mich wieder auf den Rückweg in meine Wohnung. In meine schon nach kurzer Zeit verhasste WIENER Wohnung. Ich möchte einfach nur schlafen. Am besten verschlafen. Das ganze nächste Jahr. Es soll einfach nicht sein. Mein Gehirn kratzt wohl die letzte positive Energie in mir zusammen, es formt sich der Gedanke, dass es ja mit der Zeit besser werden könnte. Vielleicht habe ich einfach einen schlechten Tag erwischt und Wien ist gar nicht so schlimm. Kurz nachdem dieser Gedanke gedacht ist, spüre ich wie ich in ein Hundstrümmerl trete.

Straßenlaternen

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Ich gehe eine Straße entlang. Eine Straße die ich benutze solang meine Erinnerung zurückreicht. Es ist Nacht. Die Dunkelheit lässt die Welt ringsum versinken. Die Straße selbst wird von Straßenlaternen beleuchtet. In regelmäßigen Abständen ragen sie aus dem Boden. Konstant ergießt sich das kühle Licht auf die Straße.

In Gedanken vertieft folge ich dem Verlauf der Straße. Ein dichter Strom von Menschen umgibt mich. Alle bewegen sich in die gleiche Richtung. Die Blicke der Menschen sind auf den Weg vor ihnen fixiert. Kein Blick zurück und schon gar nicht nach vorne. Trotz der vielen Menschen fühlt sie sich leer an, denn ich nehme niemanden wahr. Auf meinem Weg konzentriert passiere ich erneut eine der Straßenlaternen. In diesem Moment umgibt mich für einen Augenblick Schwärze. Sekunden später beginnt die Laterne wieder zu leuchten. Ich halte an, zögere kurz. Doch ich bin mir sicher, die Straßenlaterne hat geflackert. Sonst scheint es niemandem aufgefallen zu sein. Unbeirrt gehen die Menschen weiter. Keine fragenden Blicke, keine Verwunderung in ihren Augen. Sie sind zu sehr mit sich selbst beschäftigt.

Mit einem mir unbekannten Gefühl im Bauch setze auch ich meinen Weg fort.  Wieder flackert das Licht. Diesmal längere Abstände zwischen Licht und Dunkelheit. Abrupt bleibe ich stehen. Auch andere Menschen halten an, starren verdutzt auf die Straßenlaterne. Unverständnis in den Augen. Gemurmel dringt an mein Ohr. Schnell setzten sie ihren Weg wieder fort, denn die anderen Menschen beginnen sie anzurempeln. Ich bleibe alleine vor der Straßenlaterne stehen.

Mein Blick wandert jetzt zurück auf den bereits gegangenen Weg. Mir fällt eine Frau auf, die auf mich zukommt. Vor sich schiebt sie einen Kinderwagen her. Es ist schwer zu sagen, wie alt die Frau ist. Sie sieht eigentlich jung aus. Ihre Augen wirken stumpf und leer, als ob sie in einem langen Leben zu viel gesehen hätte. „Warum stehst du hier“ fragt sie mich. Ich erzähle ihr von der flackernden Straßenlaterne. Kurz blitzen ihre Augen auf. „Damals als es geschah, flackerten auch die Straßenlaternen.“  Sie hält mir ein vergilbtes Stück Zeitungspapier vors Gesicht. Ich nehme es und lese den Artikel. Als ich sie fragend ansehe, nimmt sie den Artikel wieder an sich. Sie setzt ohne ein weiteres Wort ihren Weg fort. Mir fällt auf das der Kinderwagen leer ist und die Worte des Zeitungsartikels hallen in meinem Kopf. „26. April 1986: Supergau im Sowjetkernkraftwerk Tschernobyl“

Schuld bleibt doch der Jude

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Es sei gleich zu Beginn erwähnt, den Antisemitismus  hat nicht Adolf Hitler „erfunden“. Diese Geisteshaltung zieht wie ein roter Faden durch die Geschichte Europas. Juden galten in den Augen vieler, immer schon als geldgierig, machtbessesen und hinterlistig.  Wie sonst konnte man sich erklären, dass sich die wichtigen Händler der jüdischen Religion zugehörig fühlten? Wer meint, dass Antisemitismus der Vergangenheit angehört, der irrt. Noch heute wird Juden in unserer eigentlich sekularisierten Gesellschaft auf Grund ihrer Religion mit Skepsis begegnet.

Vom Antizionismus zum Antisemitismus

Diese zwei Begriffe sind im Grunde verschieden, doch können sie sehr leicht ineinander verschmelzen. All zu leicht wird der israelische Staat mit der jüdischen Religion gleichgesetzt. Ein berühmtes Beispiel für jemanden, der beide Haltungen miteinander in einem Menschen vereint ist Horst Mahler, ehemaliges RAF Mitglied und wie vanityfair.de ihn bennent „Deutschlands Chef-Nazi“.

In diesem Interview leugnet er nicht nur die gezielten Morde an Juden in Konzentrationslagern, sondern spricht auch von einer Weltverschwörung der Juden. Dabei heißt es zum Beispiel auf die Frage: „Die Juden, was brauchen die Juden?“ „Gewalt, um sich wieder als Opfer darstellen zu können.“ Laut Mahler gab es seit dem deutschen Reich einen Seelenmord an dem deutschen Volk, alles geleitet durch die Juden, beziehungsweise den Staat Israel. Die „jüdische Herrschaft“ zeichnet sich auch dadurch aus, dass sie die Sprach- und Gedankenpolizei in Deutschland darstellt; „das ist jüdisch“.

Doch Mahler steht mit seiner Position nicht alleine da. Auch wenn eine Vermischung des Antisemitismus und Antizionismus stärker im rechten Lager ausgeprägt ist, so passiert es des öfteren, dass die Vorkommnisse – zum Beispiel im GAZA-Streifen – nicht einem Staat als solchem, sondern einer Volksgruppe, und zwar den Juden, zugeschrieben werden. Dies schürt seit dem Beginn des Nahostkonfliktes, bei einer breiten Bevölkerungsschicht einen latenten Antisemitismus.

Katholizismus und Judentum

Juni 2005. Seither ist Deutschland Papst. Benedikt XVI zeichnet sich seitdem vor allem durch konservative Werte und Reaktionismus aus. Je länger er seines Amtes weilt, desto klarer wird seine Position gegenüber dem zweiten Vatikanischen Konzil, bei dem es unter anderem, um eine Annäherung zwischen Katholiken und Juden ging. Ein Zeichen seiner Politik und seiner Werthaltung zeigte sich 2008, als er wieder die Karfreitagsfürbitte, in einer abgeänderten Form, einführte.

„Lasst uns auch beten für die Juden, auf dass Gott, unser Herr, ihre Herzen erleuchte, damit sie Jesus Christus erkennen, den Retter aller Menschen.
[Lasset uns beten. Beuget die Knie. Erhebet Euch.]
Allmächtiger ewiger Gott, Du willst, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen. Gewähre gnädig, dass beim Eintritt der Fülle aller Völker in Deine Kirche ganz Israel gerettet wird. Durch Christus, unseren Herrn. Amen.“

So gibt es in der österreichischen katholischen Kirche Lehren davon, dass die Juden bekehrt werden müssten, damit sie Jesus als Messias anerkennen. Pfarrer Sterninger aus Bruck an der Mur zum Beispiel sieht sich selbst als Missionar an, in dem er öffentlich predigt, dass Katholiken die Juden aus dem Dunklen herausführen, damit sie endlich wissen, dass Jesus die Erfüllung ist. Das zeugt nicht nur von einer Arroganz der katholischen Kirche (das wäre nichts Neues), sondern stellt das Judentum als Religion unterentwickelt und naiv dar.

Das Anderl von Rinn

Laut der Legende, wurde das Anderl von jüdischen Kaufleuten im Zuge eines Rituals ermordet. Die Gebeine des Kindes wurden in die Pfarrkirche nach Rinn gebracht und Papst Benedikt XIV erlaubte 1755 die Verehrung der Gebeine und sprach ihn selig. Daraufhin entwickelte sich ein Wallfahrtsort. So wurde eine Kultstätte für den katholischen Antijudaismus geboren. Erst 1994 verbot der Innsbrucker Altbischof Reinhold Stecher die Wallfahrt. Doch noch heute treffen sich Mitglieder rechtextremer Gruppierungen und Katholiken am 12.Juni, um eine Wanderung zu der Kultstätte zu begehen. Und auch in den Köpfen der älteren Generationen haben sich diese Bilder eingebrannt; Juden als Ritualmörder.

Die Enttäuschung von der Weltumsegelung

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17,5 Mio. Einträge in 270 Sprachen hat Wikipedia, Stand Jänner 2011 (Quelle: Wikipedia – „wie charmant“). Man kann das Wissen des durchschnittlichen Weltenbürgers, mit Internetzugang wohlgemerkt, also ziemlich genau mit nur einer einzigen Zahl beschreiben, 17.500.000 – so lässt sich die Welt erklären. Sofern wir also in irgendeiner Form Zugang zum „weltweit-Web“ haben, was heutzutage in unseren Breiten ja quasi rund um die Uhr, fast schon neurotisch mobil möglich ist, ist unser Wissen schier unerschöpflich. Während man früher in manch gemütlicher Runde angeregt diskutierte, wie denn nun das eine Land zwischen dem Benin und Ghana heißen möge und ob Peru nun wirklich am Meer liegt, lassen sich solch anstrengende, zeitraubende Wissenslücken-füll-Gespräche heutzutage unglaublich effizient vermeiden, zwei Klicks und wir sind allwissend, quasi.

Bleibt also nur mehr die Frage nach der Qualität. Man stelle sich nur einmal vor, Kolumbus hätte mit nur zwei Klicks (Google: Last-Minute-Reiseschnäppchen Europa Indien) die perfekte Handelsroute zwischen Europa und Indien „ergoogelt“. Seine Sehnsucht nach dem Ungesehenen, seine Hoffnung auf eine neue Welt, seine Abenteuerlust wären wohl schneller erloschen, als irgendjemand „google“ tippen kann. Hätte man Kolumbus dann noch erzählt, dass egal an welchem Punkt der Erde er losfährt, er zwangsläufig an selbigem wieder an- oder zumindest vorbeikommen wird, wäre der Zauber wohl schnell verflogen -im Kreis fahren macht auf Dauer eben doch keinen Spaß. Deprimierend, wenn man alles weiß und merkt, dass die Erde eben doch nur rund und so gar nicht der Mittelpunkt des Universums ist. Schließlich ist doch nur die Sehnsucht nach dem Unentdeckten der Motor einer jeden großen Reise, die einem so manch unvergessliche Geschichte und treue Wegbegleiter beschert. Die Enttäuschung von der Weltumsegelung.

P.S.: An all jene, die den Text genau lesen und sich dabei etwas denken – ja, Grundlage für den Artikel war eine sorgfältige Internetrecherche. (Anm. der Redaktion)

Stellungnahme

Zum ZEIT ONLINE Artikel „Liebe Deutsche Studenten, ihr nervt!“, erschienen am 27.10.2011.
Ein nicht eindeutig kategorisierter Artikel kann missverstanden werden. So könnte der behandelte Text als platte, einschichtige, durchsichtige oder frustrierte Meinung gelesen werden. Der Artikel ist jedoch als eine Glosse zu verstehen – als ein pointierter Meinungsbeitrag. Der Charakter einer Glosse kann polemisch, satirisch oder feuilletonistisch sein. Neben überspitzt gemalten Bildern besteht eine Glosse auch aus Informationshäppchen, die in die Geschichte eingebunden werden. Eine Glosse malt also ein einseitiges, ironisches Abbild der Realität, macht verborgene oder verschwiegene Meinungen provokant sichtbar und sorgt so für einen Anstoß zur Diskussion und Reflexion.
Natürlich ist eine Glosse eine gewisse Gradwanderung und ihre Beurteilung liegt, wie die jedes anderen Textes, immer im Auge des Betrachters. Mit Sicherheit ist es am schwierigsten, mit einer überspitzt formulierten Meinung den Geschmack der Mehrheit zu treffen. Viele Leser werden nur an den obersten Schichten kratzen und die darunterliegenden Ebenen ausblenden, übersehen oder missachten. Gerade diese Tatsache erzeugt die Spannung, die eine Glosse mit sich bringt und sie umgibt. Der Leser fühlt sich ertappt, beleidigt, missverstanden und reagiert mit einem erzürnten Aufschrei nach mehr Weitblick, Toleranz und Offenheit. Alleine dieser Impuls reicht aus, um Menschen und ihr Denken zwar nicht zu verändern, aber zu schärfen. Mehrere Aufschreie ergeben eine Diskussion. Dieser Gedankenaustausch gehört zur Glosse wie ihre provokante Überschrift, die polemischen Argumente und sarkastischen Seitenhiebe. Plötzlich entstehen Vielfalt, Reflektion und Meinung – alles, was man sich von einem guten Artikel erhofft.
Der Artikel „Liebe Deutsche Studenten, ihr nervt!“ hat es zweifelsohne geschafft, für einen lauten Aufschrei und eine nachhaltige Diskussion zu sorgen. Plötzlich liegt der übertriebene Vorwurf auf dem Tisch und wird in der Öffentlichkeit, in Deutschland wie in Österreich gleichermaßen, diskutiert. Der fehlende politische Weitblick, das fehlende europäische Hochschulkonzept und das fehlende Verständnis untereinander werden kritisiert. Ausdrücke wie „Piefke“ und Sätze wie „De nervn de Piefke!“, sind keine Erfindung meinerseits, sondern Beispiele aus dem täglichen Alltag – Bilder für fehlendes Verständnis untereinander.
Natürlich ist der Text polemisch, provokant und damit kritisch zu hinterfragen. Letztendlich bildet er aber, in aller Härte, ein Bewusstsein für existierende Probleme und Missstände. Auf jeden Aufschrei folgt eine Forderung, eine Forderung nach Lösungen. Dies geschieht im Moment – im Hörsaal diskutieren Professoren und Studenten gleichermaßen. Facebook und Twitter unterstützen diesen Prozess.
Natürlich erschrickt man, wenn einem der Spiegel direkt vor die Nase gehalten wird. Natürlich ist man sauer und erzürnt, wenn der Fokus plötzlich auf einem selbst liegt und man sich ertappt fühlen könnte. Natürlich erzeugt dies Emotionen. Emotionen, die hoffentlich genutzt werden, um das Gespür eines jeden Einzelnen für die Bedürfnisse, Probleme und Ängste seiner direkten Umgebung und seiner Mitmenschen zu schärfen – letztendlich also mehr und nicht weniger Toleranz zu verspüren – deutsche wie österreichische Studierende gleichermaßen.
Mit dieser Stellungnahme fordere ich keine Absolution, möchte keine Gewissensberuhigung begehen, sondern jeden Leser und jede Leserin darum bitten und auffordern, seine und ihre Emotion zu bewahren, die Energie aufrecht zu erhalten und dafür zu sorgen, dass die von mir gemalten Bilder auch wirklich zu Bildern werden, die im Museum hängen, als historisches Abbild einer weniger toleranten Zeit – ihr seid gefordert, auf allen Ebenen.
Artikelbild: © Parlamentsdirektion / Mike Ranz