(c) Walter Klier

Aus dem Tagebuch eines Waldbewohners (3)

12 Minuten Lesedauer

Samstag
Nun tut die Zeit, was sie sonst immer tut: sie eilt. Zwei Monate lang hat sie das unterlassen oder ist mit Weile geeilt, nun aber passiert, was beim Schreiben der Tagebücher normalerweise passiert: man schließt das Heft, und wenn man es das nächstemal aufschlägt, ist eine Woche um. So wie immer, wenn ich abends das Radio aufdrehe, „schon wieder“ Montag ist. Heute ist hingegen Samstag, ein trüb-kühl-grauer, die Mädchen sind ohne mich zur Oma gefahren, ich werde das unter der Woche einmal nachholen.
Über die Seuche scheint weiterhin keine Klarheit zu gewinnen, und das wird wohl so bleiben. Der Großteil der wissenschaftlichen Welt lehnt dieses Chloroquine-Zeug ab, weil Donald Trump gesagt hat, er nimmt es ein, das ist ungefähr das Niveau, auf dem die Unterhaltung sich bewegt. Soll man überhaupt versuchen, etwas dazu zu sagen, was nur wenige Jahre später kein Mensch überhaupt mehr versteht und was niemanden mehr interessiert? Nein, außer man nimmt an, daß es sich hier um paradigmatische Vorgänge handelt, etwa daß die himmelweite Distanz, die mittlerweile den Diskurs der Wissenschaftler von dem der Gewöhnlichen trennt, sichtbar wird, daß also die Wissenschaftler sich als das herausstellen, was sie in erster Linie sind, nämlich unsere neue (und zahlreiche) Priesterkaste, die mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen Ungläubige und Häretiker vorgeht, also, um beim Beispiel zu bleiben, „Lancet“ und die darum gescharten Heerhaufen versus le Professeur Raoult de Marseille, dessen Vergehen nicht in erster Linie darin besteht, das Chloroquine-Zeug anzuwenden und wissenschaftlich und pragmatisch zu begründen, sondern darin, auf YouTube eine große Fangemeinde zu haben. So kann man ihn, und das ist der Unterschied zu früher, nicht so leicht einfach niedermachen. Der mault ja zurück!

Pfingstsonntag
Sonntagsmesse, nun ohne den Fetzen vor dem Gesicht, also bis auf die geometrisch weitmaschige Sitzplatzverteilung schon fast normal. Unsere Kinder lesen die Fürbitten, der Bub verliest sich in der letzten Zeile und ist nachher ziemlich erschüttert.
Alles freut sich (auch medial) darüber, wie schön es ist, daß wir jetzt sukzessive wieder alles mögliche mehr tun dürfen als eben noch, und das Gesocks, das Klarheit darüber haben möchte, wie fundiert, sinnvoll etc. das ganze nun wohl gewesen sei, stört dabei eigentlich nur und wird mit Macht ins Querulanteneck gestellt. Das übliche.

Ich schaue durch die hintere (Glas)tür ins Freie, und der Ausblick auf die blühende Magerwiese nimmt mich gefangen, Margeriten, Rotklee und die dunkelgelben Habichtskraut, Pippau?, eins von den vielen gelben, einander sehr ähnlichen, aber keine Arnika … „Not in my backyard“ (NIMBY) fällt einem dazu ein, dies hier ist mein backyard, den zum Glück kein Flughafen bedroht, keine Raffinerie, und im Naturschutzgebiet leben wir sowieso schon.
Pepi und Martin holen die Kälber, um sie auf die Alm zu bringen, von den zwei kleinen, die den Sommer über hier grasen sollten, ist eines gestorben, ein von einem Schaf übertragenes Virus, nun muß vorerst ein zweites gekauft werden, denn allein kann man das kleine nicht auf die Weide lassen.
Der Holler fängt, vorläufig noch punktuell, zu blühen an, die nächste weiße Pracht.

Montag
Der erste größere Sommerausflug, die Runde Thaurer Alm–Vintlalm–Rumer Alm. Morgens kühl, anschließend Sommerwetter, aber ohne Dunst, klar und scharf und oben voller Schnee stehen die Berge im Rund, oder besser im Halbrund, die Rückseite, mauersteil wie bei einem römischen Amphitheater, der Abhang von Rumerspitze und Kreuzjoch hinter oder fast über uns. Mittagessen auf der Thaurer Alm, mit Glück finden wir einen freien Tisch, es ist voll wie eh und je am Wochenende. Rückweg über die Vintlalm, das heißt nochmals schweißtreibende 100 Höhenmeter bis auf das kleine Joch neben dem Thaurer Roßkopf. Auf der Vintlalm sitzt der Toni und beantwortet allen Vorbeigehenden und ihn Grüßenden die gleiche Frage: Nein, er hat nicht offen, wegen dem ganzen Corona-Zeug, er schafft das nicht, womöglich auch noch jedesmal das Klo desinfizieren, wenn jemand dort war. Er ist niedergeschlagen, trübselig, eigentlich traurig, als wäre ein Lebenswerk zerstört. Dabei ist es nur die Unschuld, mit der wir bisher zu Werke gingen, die plötzlich nicht mehr da ist. Mir schauderts vor dem Herbst, wenn das Theater von vorn losgeht. Oder tun dann alle so, als wäre nichts gewesen? Schwer vorstellbar, aber ebenso möglich.
Auf der Rumer Alm starker Betrieb. Die Mädchen sind, aufeinmal und überraschenderweise, zu schüchtern, um sich an der Budel ein Schleck-Eis zu holen, das wir ihnen vorher versprochen hatten. Um das zu kaschieren, kommen sie drauf, daß wir daheim in der Gefriertruhe noch Eis haben, das uns billiger kommen würde als jetzt im Gasthaus ein Eis zu kaufen.
Beim Heruntergehen im Lawinenstrich: die grüne Hölle (Buchen, Haselstauden, Erlen …), tausend Farbtöne, übereinander gestapelt in formlosen Formen, alles Grün, hoch und immer höher, jetzt am Nachmittag ohne Schatten und also ohne Kontur. Die schiere Unmöglichkeit, so etwas zu malen, die Scheu aller Maler vor dem Grün, lokale Meister wie Kirschl, Danler und andere vermeiden das Grün überhaupt, um sich keine Blöße zu geben, Nagl kämpft, wie es seine Art ist, bis zur Erschöpfung und bringt am Schluß eine poetische Wirklichkeit zum Vorschein und den vorhergegangenen Kampf zum Verschwinden, bei Walde sieht man, wie viel weniger leicht das Grün ihm fällt wie sein Schnee-Weiß (der Kunsthändler Konzert benützte in dem Zusammenhang einmal das unhöfliche Wort Schmierasch), die neueren Generationen kümmert das nicht mehr, Weinberger hat einfach wachsen lassen, was da gerade wachsen wollte, was weder gärtnerisch noch malerisch eine Lösung darstellt, nicht einmal eine Frage formuliert, außer man hielte die Eisenbahn für die Lösung der Frage, die vor der Erfindung des Stuhls stand, oder umgekehrt, oder nach dem alten Witz, „Tun wir Golfspielen oder tun wir blödeln?“

Dienstag
Als Morgengruß erzählt mir die Umweltministerin im Radio von der Umwelt, sie will mit einem neuen Gesetz das Plastik bekämpfen. Dazu erzählt sie von ihrem Pfingstspaziergang und von wahren Plastikbergen, die ihr in der Natur begegnet sind. Wir waren am Vortag ca. 5 Stunden im Wald unterwegs und haben kein Stück Plastik am Wegesrand vorgefunden. In welcher Natur geht denn die Frau Minister spazieren? Ein Tiroler, sagen wir, kurz einmal hurrapatriotisch, schmeißt im Wald eigentlich nichts weg. Was man bei uns herunten und in Richtung Dorf liegen sieht, sind Einzelstücke, und die dürften von der vorhandenen Gesetzeslage mit erfaßt sein. Dann spricht die Frau Minister noch von den Unmassen von Plastikbechern, die durch die Sitte des Kaffee-aus-dem-Lokal-ins-Büro-Tragens anfallen. Abgesehen davon, daß ich selber in meinem Leben noch keine zehn Kaffee aus dem Plastikbecher getrunken habe, scheint mir auch das nicht zum Kern der Sache zu gehören. Es ist etwa so konsistent, wie wenn sie mir von den zusammengeschwemmten Plastikinseln im Pazifik erzählen, die als Grund dafür angegeben werden, daß ich keine Plastiksackln mehr verwenden soll. Denn die Plastiksackln im Pazifik werden mit größter Wahrscheinlichkeit von den dortigen Anwohnern stammen und nicht von mir.
Wie dem auch sei, die Frau Minister ist sowieso entschlossen, jetzt ein schönes neues Gesetz zu machen. Das mögen sie beim Regieren am liebsten, ein Gesetz, mit dem man bei Bedarf die Leute kujonieren kann.

Das Wetter bleibt noch ein bißchen schön, heute nachmittag gibts Besuch, die Mädchen üben den Walzer, den sie im Duett spielen. Das Üben führt wie gewohnt zu Zwist und unüberlegten Äußerungen aller Art.
Als der Besuch eintrifft, ergibt es sich, daß zwischen kurzer Umarmung, landesüblichem Händeschütteln und Zuwinken alle Arten von Begrüßung zunächst kurz verhandelt werden müssen, bevor sie stattfinden können. Die nicht Händeschüttelnden (altersbedingt den Risikogruppen zugehörig) befinden sich in der Minderheit und fühlen sich veranlaßt, sich zu rechtfertigen. Es handelt sich um gute, langjährige Bekannte, sodaß daraus kein Problem entsteht, man kann sich aber in einer anderen Umgebung (oder eben in dieser, der bekannten Umgebung) jede Sorte abstruser Probleme vorstellen, die so aus dem Nichts entstehen. Wie schnell das geht. Ein wenig wie bei Radica, die damals einmal die Woche unsere Wohnung putzte, und bei Ausbruch der jugoslawischen Wirren sagte, sie verstehe das nicht, es seien doch alles Jugoslawen, und zwei Jahre später sagte, das sei doch kurios, diese Kroaten sprächen so eine komische Sprache, die man einfach nicht verstehen könne.
Laut „Worldometer“ verzeichnet Österreich derzeit 461 Infizierte, davon 435 „in mild condition“, was immer das heißt, und 26 schwere Fälle. Mit einem Wort: die Sache fällt mittlerweile unter die „seltenen Krankheiten“.

Walter Klier, geb. 1955 in Innsbruck, lebt in Innsbruck und Rum. Schriftsteller und Maler.
Belletristik, Essays, Literaturkritik, Übersetzungen, Sachbücher. Mitherausgeber der Zeitschrift "Gegenwart" (1989—1997, mit Stefanie Holzer). Kommentare für die Tiroler Tageszeitung 2002–2019.
Zahlreiche Buchveröffentlichungen, u.a.: Grüne Zeiten. Roman (1998/Taschenbuch 2014), Leutnant Pepi zieht in den Krieg. Das Tagebuch des Josef Prochaska. Roman, 2008. Taschenbuch 2014). Der längste Sommer. Eine Erinnerung. 2013.
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